Die verheerenden Massaker der Hamas mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln am 7. Oktober 2023 waren nach Einschätzung eines neuen Forschungspapiers der Hebräischen Universität in Jerusalem keine spontane Reaktion aus Wut oder Verzweiflung. Vielmehr soll es sich um den Höhepunkt einer jahrelang vorbereiteten Strategie gehandelt haben. Ziel der Terrororganisation sei es gewesen, einen regionalen Krieg auszulösen – und Israel militärisch wie gesellschaftlich zum Zusammenbruch zu bringen.
Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Forschers Daniel Sobelman. Grundlage der Untersuchung sind geheime Hamas-Dokumente, die israelische Soldaten nach Beginn des Gaza-Kriegs in der Palästinenserenklave sichergestellt haben. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal »Studies in Conflict & Terrorism« veröffentlicht.
Demnach entwickelte sich die Hamas in den Jahren vor dem Angriff grundlegend weiter. Während israelische Sicherheitsbehörden die Organisation lange als weitgehend pragmatischen Akteur betrachteten, mit Fokus auf die Verwaltung des Gazastreifens, zeichnet die Studie ein anderes Bild: »Die Hamas hat sich zunehmend auf eine offensive Strategie vorbereitet.«
Hamas rückte näher an »Achse des Widerstandes« heran
»Der 7. Oktober war nicht nur ein katastrophales Versagen der israelischen Geheimdienste«, resümiert Sobelman. »Er war das Ergebnis eines langfristigen strategischen Wandels, bei dem die Hamas zu glauben begann, Israels Zusammenbruch sei nicht länger eine Fantasie, sondern ein erreichbares Ziel.«
Laut Studie rückte die Hamas in den Jahren vor dem Angriff immer enger an die sogenannte »Achse des Widerstands« heran – das vom Iran unterstützte Bündnis verschiedener Terror-Gruppierungen in der Region, zu dem unter anderem die Hisbollah im Libanon zählt. Zentral war dabei das Konzept der »Einheit der Arenen«. Die Hamas sei davon ausgegangen, einen künftigen Konflikt nicht nur aus Gaza heraus zu führen, sondern Israel gleichzeitig an mehreren Fronten unter Druck setzen zu können.
Hamas-interne Dokumente legen nahe, dass die Führung glaubte, neue »Spielregeln« geschaffen zu haben, die Israels militärische Reaktionsmöglichkeiten einschränkten. Nach dem Konflikt »Wächter der Mauern« im Jahr 2021 sollen Hamas-Vertreter die Kämpfe intern bereits als »Generalprobe« für eine spätere Großoffensive und die »vollständige Befreiung Palästinas« bezeichnet haben.
Daniel Sobelman: »Der 7. Oktober war das Ergebnis eines langfristigen strategischen Wandels, bei dem die Hamas glaubte, Israels Zusammenbruch sei ein erreichbares Ziel.«
Der Studie zufolge war der Angriff vom 7. Oktober, von der Hamas »Al-Aqsa-Flut« genannt, als Auslöser eines größeren regionalen Konflikts gedacht. Interne Schreiben des damaligen Hamas-Chefs im Gazastreifen, Yahya al-Sinwar, sollen Szenarien beschreiben, in denen die Hisbollah und weitere Verbündete zeitgleich in den Krieg eintreten.
Dabei sei es den Hamas-Anführern laut den Forschern nicht nur um einen symbolischen Sieg gegangen. In internen Mitteilungen wurden offenbar Szenarien diskutiert, nach denen ein Überraschungsangriff – gemeinsam mit der Hisbollah sowie Unruhen im Westjordanland, Jerusalem und innerhalb Israels – das Land militärisch und gesellschaftlich so stark unter Druck setzen könnte, dass seine Fronten »schnell zusammenbrechen«.
Gleichzeitig erkennt Sobelman eine gravierende Fehleinschätzung auf Seiten der Hamas. Zwar teilten Iran und die Hisbollah ähnliche politische Ziele, doch offenbar nicht dieselbe Dringlichkeit. Hinweise deuten darauf hin, dass beide Partner von Zeitpunkt und Ausmaß des Angriffs überrascht waren. Der Studie zufolge könnte die Hamas allerdings gehofft haben, ihre Verbündeten durch vollendete Tatsachen in einen umfassenden Krieg hineinzuziehen.
Auch Israels innenpolitische Krise spielte eine Rolle
Auch Israels innenpolitische Krise spielte nach Ansicht des Forschers eine Rolle. Die Proteste gegen die Justizreform und die politische Polarisierung im Jahr 2023 seien von der Hamas aufmerksam verfolgt worden. Interne Aussagen deuten darauf hin, dass die Spannungen als Zeichen wachsender Schwäche interpretiert wurden.
Zudem weist die Untersuchung auf einen möglichen grundlegenden Fehler der israelischen Sicherheitsbehörden hin: Sie hätten die Hamas vor allem als Terrororganisation betrachtet und ihre Entwicklung zu einer hochorganisierten, strategisch handelnden militärischen Struktur unterschätzt. Hamas-Funktionär Osama Hamdan wird in der Studie mit den Worten zitiert: »Die Hamas handelte nicht emotional oder unüberlegt. Sie handelte strategisch und methodisch.«
Israels größte Schwäche sei ein »Mangel an Vorstellungskraft« gewesen – also »die Unfähigkeit, ein solches Szenario überhaupt für realistisch zu halten«. Damit liefert das Papier eine weitere Perspektive auf die Vorgeschichte des 7. Oktobers und die Frage, warum Israel nicht auf den katastrophalen Angriff der Terroristen vorbereitet war. Die Studie zieht eine grundsätzliche Lehre für Geheimdienste: Hinter scheinbar berechenbaren Gegnern könnten langfristige Ziele und Strategien stehen, die unterschätzt werden – mit katastrophalen Folgen.