Wirtschaft

Energiezentrum in Nahost

Menschen am Dor Beach mit Blick auf das Offshore-Gasfeld Leviathan vor Caesarea Foto: Flash 90

Als der Iran Ende Februar nicht nur Israel, sondern erstmals auch Ziele in den Golfstaaten direkt angriff, richtete sich die Aufmerksamkeit der Welt vor allem auf die Straße von Hormus. Die Meerenge zwischen Oman und dem Iran gilt als eine der wichtigsten Routen der globalen Energieversorgung. Aus Sorge vor einer Blockade schnellten die Ölpreise in die Höhe, Airlines strichen Flüge, Regierungen beriefen Krisensitzungen ein. Gleichzeitig zeigt der Krieg auch, wie sehr Israel inzwischen selbst zu einem zentralen Faktor der regionalen Energieversorgung geworden ist.

Durch die nur rund 50 Kilometer breite Passage werden in friedlicheren Zeiten täglich etwa 25 Millionen Barrel transportiert, rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls. Der Seeweg verbindet die ölreichen Golfstaaten mit den Märkten in Europa und Asien.

Doch während die internationale Aufmerksamkeit auf Tanker und Containerschiffe im Persischen Golf gerichtet ist, spielt sich im östlichen Mittelmeer eine zweite, weniger beachtete Energiekrise ab – mit womöglich langfristigen Folgen für die Region. Denn auch Israels Gasfelder im Mittelmeer sind durch den Krieg unter Druck geraten.

Offshore-Gasfelder stillgelegt

Iranische Attacken und Raketenangriffe der Hisbollah führten dazu, dass die großen Offshore-Gasfelder Leviathan und Karisch aus Sicherheitsgründen zeitweise stillgelegt wurden. Nur das Tamar-Feld blieb in Betrieb. Dessen Gas allerdings ist fast vollständig für den Eigenbedarf reserviert. So konnte Jerusalem Lieferverpflichtungen gegenüber Jordanien und Ägypten wochenlang nur eingeschränkt erfüllen.

Der Politikwissenschaftler und Energieexperte Elai Rettig vom Begin Sadat Center für strategische Studien der Bar-Ilan-Universität spricht deshalb von einer »Energiekrise im östlichen Mittelmeerraum«, die parallel zu der am Golf entstanden sei. Entscheidend ist dabei nicht allein die wirtschaftliche Belastung, sondern die Erkenntnis, dass die Förderunterbrechungen mittlerweile regelmäßig auftreten. Nach den Hamas-Massakern vom 7. Oktober 2023 und dem Iran-Krieg 2025 war dies bereits die dritte größere Störung israelischer Gasexporte innerhalb weniger Jahre.

Das verändert die Wahrnehmung von Israels Nachbarn grundlegend. Israelisches Gas galt lange als günstig, geografisch nah und politisch stabiler als das anderer Quellen. Nun wächst die Sorge, dass die Versorgung im Krisenfall jederzeit ausfallen könnte. Besonders deutlich zeigt sich die Verwundbarkeit in Jordanien. Das Königreich deckt rund zwei Drittel seiner Stromproduktion mit Erdgas, mehr als die Hälfte davon stammt aus Israel. Als die Lieferungen ausfielen, musste der staatliche Energieversorger kurzfristig auf Diesel und Schweröl umsteigen, und das ausgerechnet, als die Ölpreise anzogen. Zudem importierte Jordanien zusätzlich Flüssiggas über Akaba und griff auf strategische Reserven zurück. Für das ressourcenarme Land eine enorme Belastung.

Auswirkungen auf Ägypten, Jordanien und Syrien

Auch Ägypten bekam die Kriegsfolgen deutlich zu spüren. Zwar ist Kairo weniger abhängig, doch inzwischen stammen immerhin rund 20 Prozent des ägyptischen Verbrauchs aus Israel. Weil Ägyptens Stromproduktion fast vollständig auf Gas basiert, traf die Unterbrechung das Land empfindlich. Die Regierung reagierte mit umfangreichen Notmaßnahmen: mehr Flüssiggasimporte, zusätzliche Brennstoffeinkäufe und Energiesparmaßnahmen. Geschäfte, Einkaufszentren und Restaurants mussten früher schließen, um Strom zu sparen.

Die Krise hat zudem Auswirkungen auf Syrien. Seit Anfang des Jahres liefert Jordanien im Rahmen eines neuen Abkommens Gas an Syrien, indirekt auf Basis israelischer Lieferungen. Ziel ist es, die chronischen Stromausfälle im kriegszerstörten Nachbarland zu reduzieren. Als Israels Gasproduktion fast stillstand, brachen auch diese Lieferungen weg.

Lesen Sie auch

Rettig sieht darin einen grundlegenden Wandel. Die Energiewende im östlichen Mittelmeer werde künftig nicht mehr nur als Klima- oder Entwicklungsfrage verstanden, sondern zunehmend als Sicherheitsfrage. Parallel wächst das Interesse an neuen Infrastrukturprojekten. Diskutiert werden seit Jahren Pipelines aus dem Irak nach Jordanien, Verbindungen von Saudi-Arabien nach Ägypten, Energiekorridore zwischen der Türkei und Syrien, aber auch Solar- und Windkraftanlagen.

Rettig betont dabei, dass solche Projekte politisch nur funktionieren werden, wenn sie nicht primär als israelisch-europäische Handelsachsen wahrgenommen werden. Entscheidend sei vielmehr, dass sie die Energiesicherheit in Nahost selbst stärken und so für Stabilität in der Region sorgen. »Die Infrastruktur muss Jordanien, Syrien, Ägypten oder auch dem Libanon helfen, Versorgungsschocks besser abzufedern.«

Der Chef des israelischen Energiekonzerns NewMed Energy, Yossi Abu, sieht in der Krise zugleich neue geopolitische Chancen. Im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin »Globes« erklärte er, dass trotz aller Umleitungen noch immer ein erheblicher Teil der globalen Ölproduktion von Hormus abhängig sei. Aber nun sei es möglich, »Israel zu einem Fenster zum Mittelmeer zu machen«.

Die strategische Frage ist künftig, wie Energie sicher transportiert werden kann.

Denn die eigentliche strategische Frage sei künftig, wie Energie sicher transportiert werden kann und welche neuen Allianzen daraus entstehen. Abu zufolge habe der Krieg die Interessen Israels und der Golfstaaten enger zusammengeführt. Während Israel seit Jahren mit iranischen Raketenangriffen lebt, hätten nun auch die Golfmonarchien direkt erfahren müssen, wie verletzlich ihre Energieinfrastruktur ist.

Tatsächlich könnten sich aus der Krise langfristig neue Energiebündnisse entwickeln. Vorstellbar wären gemeinsame Pipeline-Projekte, verstärkte Kooperationen oder eine engere Integration regionaler Strom- und Gasnetze. Die Abraham-Abkommen hatten bereits erste wirtschaftliche Annäherungen ermöglicht. Der Krieg gegen Iran könnte diesen Prozess beschleunigen.

Israel soll Deutschland helfen

Wie weit die Entwicklung bereits geht, zeigte zuletzt eine überraschende Nachricht aus Berlin. Israel kündigte an, Deutschland mit Kerosin beliefern zu wollen. Hintergrund waren Befürchtungen über Engpässe beim Flugtreibstoff infolge der Krise rund um Hormus. Die Bundesregierung hatte zuvor erklärt, es gebe keinen Mangel an Kerosin. Doch Israels Außen- und Energieministerien bestätigten, Berlin habe um Unterstützung gebeten. Nach Angaben der Regierung verfügt Israel derzeit über Überschüsse, weil wegen des Krieges deutlich weniger internationale Flüge abgewickelt werden.

Israel – einst selbst energiepolitisch hochgradig abhängig – könnte somit Europas größte Volkswirtschaft mit Flugtreibstoff versorgen. Noch ist unklar, in welchem Umfang die Lieferungen tatsächlich stattfinden werden. Doch symbolisch markiert diese Episode einen tiefgreifenden Wandel: Israel entwickelt sich zunehmend von einem energiearmen Staat zu einem regionalen Energiezentrum.



Susanne Stephan

Kommentar

Eines demokratischen Staates unwürdig

Israelische Behörden gehen immer rigoroser gegen Medienschaffende vor, die Kritik an der Regierung äußern. Diese Verbote schwächen am Ende die Demokratie und damit den jüdischen Staat als Ganzes

von Susanne Stephan  19.10.2026

Westjordanland

Zehn extremistische Siedler nach Gewaltexzess festgenommen

Präsident Isaac Herzog entschuldigt sich bei Opfern. Zugleich fordert eine Menschenrechtsorganisation eine Hotline für Notfälle im Westjordanland

von Sabine Brandes  19.10.2026

Westjordanland

Israels Armee räumt illegale Außenposten im Westjordanland

Als lasch kritisierte Gerichtsurteile gegen radikale Siedler helfen eher Wiederholungstätern als den Sicherheitskräften

 19.10.2026

Belfast

Barack Obama wirft Israel Landraub vor

Der jüdische Staat sei »zu weit gegangen«, sagt der frühere US-Präsident. Die Reaktion der Palästinenser auf die »jüdische Kontrolle über das Gebiet« sei deshalb aus ihrer Sicht nachvollziehbar gewesen

 19.10.2026

Israel

Trump stellt sich vor der Wahl hinter Netanjahu

Neun Tage vor der Parlamentswahl spricht der US-Präsident dem israelischen Ministerpräsidenten seine »volle und uneingeschränkte Unterstützung« aus. Netanjahu bedankt sich prompt

 18.10.2026

Israel

Führung und Verantwortung

Benjamin Netanjahus ehemaliger Militärsekretär erhebt Vorwürfe gegen den Premier

von Sabine Brandes  18.10.2026

Nahost

Bericht: Siedler attackieren EU-Diplomaten im Westjordanland

Maskierte Männer umstellen ein Diplomatenfahrzeug bei der Olivenernte im Westjordanland. Auch eine US-Fotografin wird verletzt

 18.10.2026

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026