Eurovision Song Contest

Und dann rutschte Israel deutlich nach oben

Noam Bettan bei seinem Auftritt beim ESC-Finale am Samstag in Wien Foto: picture alliance / TT NEWS AGENCY

Dass das Platz zwei werden sollte, wusste Noam Bettan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gerade hatte er am Samstagabend in der Wiener Stadthalle sein Lied »Michelle« zu Ende gesungen, da bedankte er sich überglücklich beim Publikum des 70. European Song Contest (ESC): »Thank you, toda raba«, Englisch und Hebräisch. 

Bettan konnte ja nicht ahnen, dass besser als er nur die nach ihm auftretende Sängerin Dara aus Bulgarien gewertet werden sollte, die mit »Bangaranga« abräumte. Dara überzeugte sowohl die nationalen Jurys, deren Urteil 50 Prozent ausmachen, als auch das Publikum, das sich online beteiligte.

Israel und Noam Bettan profitierten vor allem von der Zuschauerwahl. Nach dem Voting der Jury war Bettan - nur oder immerhin - auf Platz acht gelandet. Als jedoch die Menschen vor den Fernsehern in ganz Europa und darüber hinaus befragt wurden, rutschte Israels ESC-Beitrag deutlich nach oben. Auch die deutschen Zuschauer wählten Noam Bettan mit zwölf Punkten an die Spitze. 

Das große Thema vor dem ESC war Israels Teilnahme gewesen. Fünf Länder hatten sogar boykottiert, weil das Land teilnahm, und es wurden viele Proteste angekündigt. Noch mehr, gerade in der Halle, wurden befürchtet. Als das Zuschauervoting im Saal in Wien verkündet wurde, war etwas zu hören, das bislang kaum da war: Pfiffe und Buhrufe gegen Noam Bettan.

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Zwei Gründe kann es dafür geben, so recht war es nicht zu ermitteln: Möglich, dass die Pfiffe sich an der Boykottbewegung orientierten, die Israels Auftritt mit Hinweis auf Gazakrieg und das militärische Vorgehen im Südlibanon ablehnen. Möglich auch, dass der Unmut sich auf eine Recherche der »New York Times« bezog, die vor wenigen Tagen berichtet hatte, die Regierung in Jerusalem habe massiv ins Online-Voting investiert.

Mit Noam Bettan jedenfalls hatte das alles wenig bis eigentlich gar nichts zu tun. »Michelle« war eine Ballade, die bei den versammelten Fans in der Halle recht gut und im Fernsehen sehr gut ankam. Wie demokratisch sauber aber diese Online-Abstimmung war, weiß aktuell niemand. Auch wenn man bereit ist, der »New York Times« zu glauben, wüsste man doch gerne, wieviel andere Regierungen investiert haben. Schließlich ist der ESC sehr wichtig für das Image eines Landes. Bulgarien wird’s merken.

Noam Bettan, der 28-jährige Sänger, drückte unmittelbar nach seinem Auftritt sympathisch souverän aus, wie selbstverständlich es doch eigentlich sein sollte, dass einer wie er beim ESC singt. Er tat dies mit Lächeln und Lässigkeit.

Die Jurys waren nicht ganz so enthusiasmiert von Noam Bettans Auftritt, aber auch bei ihnen schimmerte eine sympathisch normale Wahrnehmung von Israels Beitrag durch: Polen etwa gab die magischen zwölf Punkte für Bettan, von Albanien kamen acht, von Armenien sieben oder von Georgien sechs Punkte.

Vergleichen wir die Berichterstattung vor diesem ESC-Abend in Wien mit dem, was dann stattfand, fällt auf: Beim Event war sehr wenig Boykottgeschrei zu hören. Schon in den Voten der Jurys schimmerte von einem antiisraelischen Ressentiment nichts - oder, wenn überhaupt: kaum etwas - durch. Beim Zuschauer-Voting war davon dann rein gar nichts zu spüren. Lied, Sänger und Performance dominierten: Da war Bulgarien unstrittig sehr gut, und Israels Beitrag war auch exzellent. Deutschland hingegen wurde Drittletzter.

Das Zuschauer-Voting mit einer europäischen Abstimmung über das Ansehen Israels zu verwechseln, wäre ein Fehler. Das ESC-Publikum ist doch eher etwas Besonderes. Es steht, kurz gesagt, für die Menschen eines Landes, die dem Hedonismus aufgeschlossen sind, die das Leben genießen und feiern. Das ist nicht unbedingt das Erkennungszeichen derer, die Israel boykottieren wollen.

Was der ESC lehrt? Einiges. Vielleicht, dass in Israels Gesellschaft immer noch enormes kreatives Potenzial steckt, ganz gleich, was über das Land verbreitet wird. Und wohl auch, dass Bettans Gelassenheit und Souveränität ansteckend wirken kann.

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