Eurovision Song Contest

Flaggen, Glitzer und Herzchen für Noam

Israels schauen in Tel Aviv gemeinsam den Eurovision Song Contest Foto: Copyright (c) Flash 90 2026

Die Sonne war längst hinter dem Mittelmeer verschwunden, doch der südliche Strand von Tel Aviv leuchtete weiter. In warmes Licht getaucht, lag die riesige Bühne der Stadtverwaltung für das Public Viewing des Eurovision Song Contest direkt an der Promenade, flankiert von übergroßen Leinwänden und Lautsprechertürmen. Ein milder Frühsommerabend, salzige Luft, Musik über dem Wasser und Tausende Menschen, die gekommen waren, um gemeinsam das Finale und ihren Favoriten – Noam Bettan – zu erleben.

Es war eine 360-Grad-Bühne mit Rundum-Sicht, sodass die Zuschauer sie von allen Seiten umringen konnten. Schon in ihrer Einladung hatte die Stadtverwaltung den besonderen Moment betont: »Wie aufregend ist es, dass wir endlich in unserer Stadt wieder fröhliche Veranstaltungen haben können«, eine Anspielung auf die schwierige Zeit während des Krieges gegen den Iran.

Schon Stunden vor Beginn hatte sich die Fläche vor der Bühne gefüllt. Junge Leute, Familien, Gruppen von Freunden, viele in israelische Flaggen eingewickelt, die wie Umhänge über Schultern flatterten. Überall glitzerte es. Silberne und blaue Schminke auf Wangen und Stirnen, Strasssteine unter den Augen, bunt blinkende Haarreifen mit kleinen Wackelherzen, Sternen oder Antennen.

Selbstgemalte Schilder und Liebeserklärungen für Noam

Dazwischen liefen Menschen mit selbst gemalten Schildern: »12 points for Israel« in Regenbogenfarben und handgeschriebene Liebeserklärungen voller Herzchen für »Noam«, der mit seinem Liebeskracher »Michelle« bei dem größten Musikwettbewerb der Welt für Israel auf der Bühne stand. Im Sand standen Reihen weißer Plastikstühle, die schnell besetzt waren – wobei die wenigsten lange sitzen blieben.

Denn stillstehen war an diesem Abend keine Option. Die Atmosphäre hatte etwas von Straßenfest, Strandparty und Nationalfeiertag zugleich. Zwischen den Menschen schritten ein paar Drag Queens in funkelnden Glitzerkleidern über den Sand, geschniegelt, geschminkt und mit zentimeterlangen Wimpern. Sie posierten für Fotos, wurden umarmt und tanzten mit, als gehörten sie selbstverständlich zur Inszenierung des Abends.

Als die Übertragung aus Wien begann, richteten sich plötzlich Tausende Blicke gleichzeitig nach vorne. Die Gespräche verstummten kurz, doch die Ausgelassenheit blieb. Kaum lief ein Song an, wurde mitgesungen, gepfiffen, gejubelt. Bei manchen Beiträgen verwandelte sich die Fläche vor der Bühne in eine einzige Tanzfläche.

Richtig elektrisierend wurde die Stimmung dann beim Voting. Je näher die Publikumsstimmen rückten, desto spürbarer wurde die Spannung. Menschen rückten näher zusammen, einige stellten sich auf Zehenspitzen, andere hielten ihre Handys bereit. Auf den Bildschirmen erschien die Punktevergabe.

Amalia Levy: »Der zweite Platz ist großartig, viel mehr als erwartet. Bei einem Gewinn hätte es wieder so viele böse Stimmen aus der ganzen Welt gegeben. Alle sollten jetzt erstmal chillen, was Israel angeht.«

Als das Ergebnis des Publikumsvotings für Israel eingeblendet wurde, explodierte der Strand förmlich: 220 Punkte. Freudeschreie gingen durch die Menge, gefolgt von lautem Jubel und Applaus. Menschen sprangen auf, rissen die Arme hoch, einige schwenkten ihre Flaggen über den Köpfen, andere schrien einfach ihre Freude heraus.

Und dann passierte etwas, das typisch Eurovision wirkte: Aus einer Ecke begann plötzlich jemand zu singen. »Michelle…« Erst vereinzelt, dann lauter. Innerhalb weniger Sekunden stimmten immer mehr Menschen ein. Manche lachten dabei, andere klatschten im Takt.

Die Begeisterung über die Publikumswertung hatte auch einen besonderen Hintergrund. Trotz massiver Boykottaufrufe wegen Israels Teilnahme, die sogar dazu führten, dass mehrere Länder ganz auf eine Teilnahme verzichteten, erhielt Israel beeindruckende 220 Punkte im Zuschauervoting. Aus gleich sechs Ländern gab es sogar die Höchstwertung von zwölf Punkten: aus Finnland, Portugal, der Schweiz, Deutschland, Aserbaidschan und Frankreich.

Der Jubel beschränkte sich nicht auf Tel Aviv. Auch in Jerusalem verfolgten viele Israelis die Entscheidung bis tief in die Nacht, Wohnungen, Bars und Kneipen. Schließlich war es die 70. Ausgabe des Eurovision Song Contest. Am Ende landete Noam Bettan mit »Michelle« auf einem beeindruckenden zweiten Platz hinter Bulgarien, das mit »Bangaranga« von Dara gewann.

Lob von Präsident Isaac Herzog

Von Jerusalem aus kam kurz darauf auch eine Reaktion aus dem Beit Hanasi: Präsident Isaac Herzog sprach unmittelbar nach dem Finale mit Bettan und lobte dessen Auftritt in höchsten Tönen. »Du hast uns bewegt. Du bist einfach wunderbar. Die Performance war perfekt, und du hast dem Volk Israel Ehre gebracht«, sagte Herzog.

Gerade in dieser »komplexen Zeit« habe Bettan »enorm zum guten Namen des Staates Israel in der Welt beigetragen«. Besonders dessen Ruhe und Gelassenheit auf der Bühne hob der Präsident hervor: »Großartige Leistung.«

Nicht alle bedauerten den verpassten Sieg. »Ich hätte Noam Bettan den Sieg gewünscht. Aber für Israel ist es besser so«, so Amalia Levy, die mit ihrer Flagge um den Körper am Strand war. »Der zweite Platz ist großartig, viel mehr als erwartet. Bei einem Gewinn hätte es wieder so viele böse Stimmen aus der ganzen Welt gegeben. Alle sollten jetzt erstmal chillen, was Israel angeht.« Sie lächelt und schaut auf die große Bühne. »Und der Song aus Bulgarien ist wirklich super.«

Auch Michael Gur blickte zufrieden auf den Abend. Besonders, was die Publikumswertung angeht: »Das zeigt, wie stark die jüdische und israelische Gemeinde auch in der Diaspora ist. Wenn es drauf ankommt, halten wir zusammen. Das freut mich.« Bei aller Euphorie denkt er auch an die Verlierer des Abends, besonders an die Beiträge am Tabellenende. »Null Punkte vom Publikum hat niemand verdient«, findet er. »Die Songs waren doch alle zumindest in Ordnung.«

Mit jeder Stunde lichtete sich die Menge etwas mehr. Familien machten sich auf den Heimweg, einige nahmen ihre Plastikstühle und verschwanden Richtung Promenade. Doch die ESC-Hardcorefans blieben. Ein kleines Grüppchen mit Flaggen um die Schultern stand vor der Bühne, lachte und tanzte weiter – obwohl der Wettbewerb längst entschieden war.

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