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Wo steckt die palästinensische Opposition?

Die taz hat ein neues Genre entdeckt: Lebensberichte palästinensischer und muslimischer Stimmen, die zeitweise in Deutschland lebten oder hier aufgewachsen sind und das Land nun wieder verlassen oder sich von ihm und der Gesellschaft entfremdet fühlen. Daran ist zunächst nichts auszusetzen – im Gegenteil. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus persönlichen Erfahrungen politische Diagnosen werden und aus komplexen Realitäten ein eindimensionales Weltbild entsteht. Die Diskrepanz zwischen dem, was zwei Autoren in ihren jüngst erschienenen Beiträgen schildern, und dem, was öffentlich sichtbar auf den Straßen zutage tritt, könnte kaum größer sein.

Während jüdisches Leben in Deutschland heute so bedroht ist wie noch nie seit dem Ende der NS-Diktatur und antisemitische Straftaten Höchststände erreichen, gehören pro-palästinensische Demonstrationen in deutschen Städten zum Alltag. Parteien wie die Linke, die sich demonstrativ an die Seite der Palästinenser stellen, verzeichnen in Umfragen Rekordwerte, und die weltweite Palästina-Solidarität erreicht – nahezu im Gleichschritt mit dem anwachsenden Judenhass – einen nie dagewesenen Höhepunkt.

In eben dieser Gemengelage schildern die beiden taz-Autoren, Palästinenser fühlten sich in Deutschland ungehört, ausgegrenzt und diskriminiert. Nicht die Juden also, sondern die Palästinenser seien die leidtragenden Opfer des gesellschaftlichen Klimas nach dem 7. Oktober 2023 – dem größten Pogrom an Juden seit dem Holocaust, geplant und ausgeführt von Palästinensern und in weiten Teilen der muslimischen Welt öffentlich bejubelt.

Vor diesem Hintergrund beschreibt Zara Rahman, eine britisch-bangladeschische Muslimin, warum sie Deutschland nach fünfzehn Jahren wieder verlässt. Ausgerechnet Berlin-Neukölln habe ihr lange das Gefühl gegeben, angekommen zu sein – unter anderem wegen der »sichtbaren Zeichen der Solidarität mit Palästina«, die ihr das Gefühl vermittelt hätten, zu Hause zu sein.

Neukölln ist jener Bezirk, in dem Israelfahnen verbrannt, Juden auf offener Straße beschimpft und antisemitische Demonstrationen zum Alltag gehören.

Das allein ist bemerkenswert. Denn Neukölln gilt seit Jahren nicht gerade als Sinnbild gelungener Integration jüdischen Lebens. Es ist jener Bezirk, in dem Israelfahnen verbrannt, Juden auf offener Straße beschimpft und antisemitische Demonstrationen immer wieder zum Alltag gehören. Auch offen gelebte Homosexualität wird in diesem Stadtteil immer wieder Ziel von Gewalt. Dass ausgerechnet dieses Milieu von Frau Rahman als Ort des Ankommens beschrieben wird, sagt mindestens ebenso viel über ihr politisches Koordinatensystem wie über Deutschland achtzig Jahre nach dem Holocaust.

Noch bemerkenswerter ist jedoch Rahmans Analyse der deutschen Erinnerungskultur. Sie kritisiert »die historische Sonderrolle, die dem Holocaust zugewiesen wird, indem man ihn zum ultimativsten Übel erklärt, das niemals mit anderen Übeln verglichen werden darf«. Dieser Satz ist gleichermaßen bemerkenswert wie erschreckend. Er ist bezeichnend für die Gedankenwelt der Autorin.

Natürlich darf Geschichte verglichen werden. Historiker tun dies seit jeher. Die Singularität der Shoah bedeutet jedoch nicht, Vergleiche zu verbieten. Sie beschreibt vielmehr die historische Besonderheit eines staatlich organisierten Vernichtungsprojekts mit dem Ziel, das jüdische Volk vollständig auszulöschen.

Wer den normativen Stellenwert des Holocaust grundsätzlich infrage stellt und seine Einzigartigkeit als Teil eines deutschen Problems wahrnimmt, kritisiert nicht nur die deutsche Erinnerungspolitik, sondern stellt zugleich eine der tragenden moralischen Lehren der Bundesrepublik infrage. Früher manövrierte man sich mit derartigem Gedankengut geradewegs aus dem Kreis des gesellschaftlichen Konsenses. Dass ein solcher Gedanke heute in einer deutschen Zeitung, einer linken obendrein, nahezu beiläufig formuliert werden kann, ist besorgniserregend.

Als Jude ist man am Ende des Textes zumindest erleichtert darüber, dass das politische Klima im Land offenbar gerade noch so beschaffen ist, dass Ideologen wie Frau Rahman es wieder verlassen. Man wünscht sich, einige täten es ihr gleich.

Im Vergleich dazu wirkt der Lebensbericht von Mohamed Ibrahim zunächst keineswegs ideologisch verblendet, im Gegenteil. Der Autor beschreibt seinen Vater, der ihm Offenheit vermittelte und erklärte, dass Jüdinnen und Juden religiös betrachtet die Cousins und Cousinen der Palästinenser seien und der Konflikt um Palästina ein politischer Konflikt sei. Der Vater erklärte ihm außerdem, dass Adolf Hitler alle Juden töten wollte, weil sie Juden waren, während die meisten Deutschen lediglich zugesehen hätten. Ibrahim berichtet von jahrzehntelanger Bildungs- und Dialogarbeit und schildert glaubwürdig seinen Wunsch nach Verständigung. Gerade deshalb fällt auf, welches Thema nahezu vollständig fehlt.

Beide Texte stehen exemplarisch für ein weithin sichtbares palästinensisches Problem

Mit keinem Wort setzt sich der Text mit dem Antisemitismus auseinander, der in weiten Teilen der palästinensischen Gesellschaft dokumentiert ist – obwohl ihn sein eigener Vater gerade in diesem Punkt anders erzogen hatte. Auch die Anerkennung Israels – jenes Staates, dessen Existenz die Antwort auf fast zweitausend Jahre Entrechtung, Vertreibung und antisemitische Verfolgung des jüdischen Volkes ist – ist Herrn Ibrahim keine Silbe wert. Stattdessen spricht er mehrfach von der Vertreibung der Palästinenser, unterschlägt jedoch, dass der sogenannten Nakba jeweils Vernichtungsangriffe der arabischen Nachbarn auf den jungen jüdischen Staat vorausgingen.

Es geht ausdrücklich nicht um Kollektivschuld. Kein Jude trägt Verantwortung für Entscheidungen einer israelischen Regierung. Ebenso wenig trägt jeder Palästinenser Verantwortung für die Hamas oder den Judenhass anderer Palästinenser. Es vermittelt jedoch den Eindruck mangelnder Aufrichtigkeit, wenn im Kampf um die eigene Anerkennung wesentliche historische und politische Zusammenhänge derart vehement ausgeblendet werden.

Repräsentative Umfragen des Palestinian Center for Policy and Survey Research zeigten noch 2024 eine hohe Zustimmung zum 7. Oktober sowie eine weit verbreitete Leugnung der von der Hamas begangenen Verbrechen. Diese Realität bildet den Hintergrund jeder Debatte über den Konflikt – auch in Deutschland. Umso mehr wäre zu erwarten, dass sich gerade in der palästinensischen Diaspora eine starke Gegenbewegung entwickelt.

Während selbst in Gaza trotz massiver Repressionen immer wieder Proteste gegen die Hamas stattfinden, bleibt eine breite, international sichtbare palästinensische Bewegung, die den Antisemitismus in den eigenen Reihen bekämpft, den Terror der Hamas eindeutig verurteilt und die dauerhafte Existenz Israels ausdrücklich anerkennt, bislang weitgehend unsichtbar. Auf israelischer und jüdischer Seite existieren seit Jahrzehnten entsprechende Organisationen, Intellektuelle und Aktivisten, die sich – oft gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen – für Verständigung, Koexistenz und einen palästinensischen Staat einsetzen.

So stehen beide Texte exemplarisch für ein weithin sichtbares palästinensisches Problem. Es fehlt nicht nur an einer wirkmächtigen Opposition gegen die islamistischen und antisemitischen Kräfte innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Es fehlt damit auch an einer Generation palästinensischer »Tauben«, die nach dem Ende der Herrschaft der Extremisten bereitstünde, politische Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Landsleuten einen glaubwürdigen Weg der Anerkennung, der Koexistenz und des Friedens aufzuzeigen.

Es bleibt die bittere Ironie, diesen Text mit den Worten von Frau Rahman aus der taz zu beenden – Worten, die sie an die Deutschen richtet und die man Palästinensern und Muslimen gleichermaßen ans Herz legen möchte:

»Das Einzige, was helfen könnte, wäre eine tiefgreifende Selbstbefragung. Der Anstoß dazu kann aber nicht von jemandem kommen, der so aussieht wie ich. Diese Art der Aufarbeitung muss von innen kommen. Und bisher scheint es mir nicht so, als würde das passieren«.

Leeor Engländer, geboren 1982, lebt und arbeitet in München und Berlin. Sein Vater wurde 1943 im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina geboren, seine Großeltern mütterlicherseits überlebten die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.

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