Ein Skandal liegt in der Luft. Auf dem Programm steht Richard Wagners Fliegender Holländer, aber die Hauptrolle spielt Israel. Polizei vor der Deutschen Oper Berlin, einem der größten Opernhäuser hierzulande, Check der Abendtäschchen. Zudem heißt der Regisseur Milo Rau, ein selbstgewisser Schweizer. Skandale begleiten seine Kunst als zentrales Element. Er setzt sie marketingmäßig erfolgreich ein. Hier will Rau den Nahostkonflikt als Roadmovie auf die Bühne und uns alle endlich zum Nachdenken bringen. Dabei verrutschen ihm drei verschiedene Ebenen und sämtliche Metaphern, er massakriert sowohl Wagners Werk als auch historische Fakten.
Der fliegende Holländer ist bei ihm keine tragische Sagenfigur, die Erlösung sucht, sondern Deutschland. Ebene eins: Getrieben von der Schuld der Schoa, kreuzt Deutschland im Geisterschiff die Meere. Es landet bei Senta, die junge Dame verkörpert Israel. Der Holländer will irgendwie das Schuld-Ding mit ihr lösen. Sentas Papa Daland, Gründungsvater Israels, verschachert seine Tochter gegen Schmuck und Diamanten, das kennt man ja von Juden.
Sex auf dem Grab eines ermordeten München-Sportlers
Und wo bleiben die Palästinenser? Richtig, der zurückgewiesene Liebhaber Erik markiert Palästina, die Kufiya lässig umgeschlungen. Eine rechtsradikale Mary in hellblauem Kostüm steht irgendwo zwischen eisenharter Soldatin und Netanjahu-Groupie. Nein, das ist keine Fantasie aus der Galerie »Tütchen zu viel gezogen«. Das ist Ebene eins auf der Bühne, wo zwischen Israel-Fahnen und Mahnmal-Stelen wenig passiert, allerdings treibt es Senta mit dem Holländer auf dem Grab eines ermordeten München-Sportlers.
Der Chor steht mal hie, mal da, Personenregie ist egal, denn im Zentrum hängt eine Leinwand über der Bühne. Sie bildet Ebene zwei. Filmchen flimmern ununterbrochen und zeigen ein Experiment. Ein Israeli, Shlomi Wagner, mit Richard nicht verwandt, reist im Sommer 2026 mit der Tochter von deutschen Konvertiten durch Israel, vorbei an martialischen Grenzzäunen, und lässt die Musik seines Namensvetters spielen. Das interessiert die Israelis eher wenig. Über ihre Reise und ihre Begegnungen berichten, durchaus anregend und nachdenklich, Shlomi und seine Begleiterin auf Ebene eins zwischendurch.
Ebene drei: Auf die Videos projiziert Rau notorisch belehrende Erklärungen zu 80 Jahren israelischer Untaten, damit wir alle den Nahostkonflikt so begreifen, wie er ihn versteht. Natürlich die Nakba, klar, 700.000 vertriebene Palästinenser können das deutsche Schuldpaket erheblich minimieren. Rau lässt die 800.000 vertriebenen Juden aus arabischen und muslimischen Ländern getrost weg.
Holy Land sinkt tot darnieder
Wir springen munter weiter zum Olympia-Attentat 1972 in München und lesen, alle elf Geiseln seien gestorben. Gestorben? Die Israelis hätten anschließend die Terroristen gejagt und viele Unschuldige getötet. Diesen Satz lässt Rau wirken. Auch im Schweizerdeutschen gibt’s Unterschiede zwischen gestorben und getötet. Irgendein Buh gefällig? Kein einziges. Der 7. Oktober wird lediglich als Datum notiert, keine Erläuterung, um dann ausführlich über »die Massaker der Israelis in Gaza« aufzuklären.
Schließlich hopsen wir zurück auf Ebene eins, da erschießt unsre Blut- und Boden-Mary den Palästinenser-Erik, und, erwartbar, Sentas Israel richtet sich selbst. Knall an der Schläfe, Holy Land sinkt tot darnieder. Beruhigend vor den Wahlen, Israel ist weg und Deutschland seine Schuld los, weil die Israelis fast genauso schlimm sind, wie die Deutschen einst waren. Oder die Schuld bleibt, in der Beliebigkeit wirrer Assoziationen ist auch das egal.
Nicht egal ist das musikalische Fiasko. Israel terrorisiert in Milo Raus Sichtweise den Nahen Osten stark und kraftvoll. Warum singt dann Aušrinė Stundytė ihre Israel-Senta stimmlich so schwach und uninspiriert, als hätte Israel den Sechstagekrieg und sein gesamtes Kernland verloren?
Und welche Rolle in all den bescheuerten Metaphern spielt die Dirigentin Giedrė Šlekytė? Maestra wohl kaum, die Übergänge gelingen selten, die Tempi verrutschen, die Hörner wackeln – was macht sie aus dem Wagner-gestählten Orchester der Deutschen Oper? Hat die ernste Finanzlage des Hauses, im Moment herrscht an der Bismarckstraße eine Haushaltssperre, auf die Gestimmtheit der Musiker abgefärbt? Nicht einmal der großartige Ersatz-Holländer (Derek Welton musste mitten in der Aufführung für den indisponierten Tomasz Konieczny einspringen) und Tareq Nazmi als Daland konnten diese Aufführung retten. Auch einige kluge Sätze über Schuld, die narzisstisch besetzt ist, und Verantwortung, die aus ihr resultieren sollte, gehen am Schluss unter.
Und die Premierengäste? Der Skandal ist, dass es keinen gibt. Das Publikum klatscht nahezu buhfrei. Zur Strafe sollte ihm ein dreitägiger Crashkurs »Geschichte des Nahen Ostens für Anfänger« aufgebrummt werden. Warum zollen sie der historisch übergeschnappten Regie, ihrer ideologischen Schieflage sowie den musikalischen Tiefpunkten höflich Respekt? »Mir hat’s richtig was gebracht«, so eine Westberliner Kulturgröße mit Hermès-Tüchlein. »Ein bisschen viel Israel, aber sonst okay«, meint der Herr im Seidenjackett und beißt herzhaft in sein Würstchen. Der Skandal ist, dass es keinen gibt.