Neulich war ich in Amsterdam. Ich wollte durch die Grachten schlendern. Stattdessen schoben mich Touristenströme durch die engen Gassen. Alle fotografierten: Brücken, Fahrräder, Blumen und fremde Wohnzimmer. Denn in Holland hängen bekanntlich selten Vorhänge. Sofa und Gehweg trennt oft nur eine Glasscheibe.
Hinter einer solchen Scheibe entdeckte ich einen dreistöckigen Katzenkratzbaum. Daneben hing ein Zettel: »Bitte nicht dauernd an die Scheibe klopfen, meine Katze rastet aus!!!« Ich sah die erschöpfte Katze förmlich vor mir: vormittags französische Kinder, mittags eine japanische Reisegruppe, nachmittags Deutsche, die prüfen wollen, ob sie echt ist.
Vor den Häusern standen kleine, bunt lackierte Bänke zwischen Rosen und Hortensien. Eine sah besonders einladend aus. Bis ich las: »Privat! Nicht sitzen, nicht stehen, nicht fotografieren!« Ich blieb stehen. Offenbar mein erster Fehler. Andere Schilder verboten Bier, Marihuana, Kaugummis und Zigarettenkippen. So eine Bank macht im Laufe ihres Lebens ja anscheinend einiges durch.
Dann, an der Bloemgracht, eine rote Bank. Wieder ein Schild. Aber diesmal stand da sinngemäß: »Bitte, nehmt Platz! Nur kein Gras oder andere berauschende Sachen. Unsere Kinder sind noch zu jung, um high zu werden. Genießt die beste Bank der Stadt!« Ich setzte mich. Im Fenster dahinter klebten Dankesbriefe an die »Red Bench Family«, Zeichnungen, kleine Comics mit der Bank als Hauptfigur. Wer waren diese Leute?
Später las ich nach: Miranne Kalff und Floris van Hall hatten die Bank vor ihrem Haus, etwa auf Höhe der Nummer 130, aufgestellt. Die Nachbarn warnten: »Dann setzen sich ja Leute drauf!« Miranne antwortete: »Genau das ist ja die Absicht!« Nur hatten nicht alle Besucher ausschließlich die Aussicht genossen.
Am Koninginnedag 2011, erzählte Miranne dem Amsterdamer Sender AT5, habe das Zimmer über der Bank voller Marihuana-Rauch gestanden. Sie war damals mit ihrem zweiten Kind schwanger. Das alte Haus war weder luft- noch schalldicht; der Qualm zog bis in die Kinderzimmer. Also keine Absperrung, keine Dornenhecke: ein freundlicher Zettel. Mit Erfolg, berichtete die Familie der Zeitung »NRC«: kaum noch Ärger. Dafür landeten Nachrichten im Briefkasten, auf Postkarten, Kassenzetteln und den seltsamsten Schnipseln. Miranne klebte sie ans Fenster, und die nächsten Bankgäste schrieben ebenfalls.
Eine Französin behauptete, ihr Freund habe ihr hier einen Heiratsantrag gemacht. Im Nachsatz korrigierte sie: leider erfunden. Der unromantische Mann habe die Gelegenheit verstreichen lassen.
Inzwischen weiß ich: Die Notizen wurden zeitweise abgenommen, weil sie in der Sonne verblassten. Miranne hob sie auf, um eines Tages ein Buch daraus zu machen. Anderswo schützten die Amsterdamer ihre Bänke mit einer ganzen Batterie von Verbotsschildern. Hier genügte eine freundliche Bitte. Und die brachte sogar Dankesbriefe ein.
Ich blieb noch ein Weilchen sitzen. Ohne Bier, ohne Joint und ohne schlechtes Gewissen.