Sally Rooney hat offenbar einen außergewöhnlichen moralischen Kompass: Sie scheint genau zu wissen, welche Israelis die »richtigen« sind. Jahrelang verweigerte sie eine hebräische Übersetzung ihrer Bücher, jetzt geht es plötzlich doch. Nicht, weil sich ihre Haltung geändert hätte. Sondern weil sie einen Verlag gefunden hat, der ihren politischen Reinheitsprüfungen genügt. Gute Israelis, schlechte Israelis – aussortiert von einer Schriftstellerin aus Irland. Anmaßung als Geschäftsmodell.
Noch verstörender ist etwas anderes: Rooney gehörte zu jenen, die in einem offenen Brief Druck auf die New York Times ausübten, ihre Recherche über sexualisierte Gewalt der Hamas während und nach dem Massaker vom 7. Oktober zurückzunehmen.
Werden Romanautoren zu Sonderermittlern?
Als ob Romanautoren plötzlich zu Sonderermittlern geworden wären. Woher weiß Rooney, dass diese Menschen lügen? War auch sie zwei Jahre lang in den Terrortunneln unter Gaza eingesperrt? Hat sie Opfer interviewt und konnte sich dann ein klares Bild machen, dass nichts von dem stimmt, was sie sagen? Oder reicht Rooney ihre eigene ideologische Verbohrtheit als Beweis?
Ich habe mit Überlebenden des Nova-Festivals gesprochen. Eine junge Frau, Anfang 20, schafft es kaum noch aus dem Bett, weil die Bilder des Grauens sie nicht loslassen. Andere sind arbeitsunfähig, leiden unter schweren Depressionen. Manche haben sich das Leben genommen. Das sind keine abstrakten Debatten für Feuilletons und politische Salons. Das sind Menschen, die an einem einzigen Morgen in die Hölle gestoßen wurden – und nie wieder wirklich herausfanden.
Wir glauben euch nur, wenn eure Geschichten in unser Weltbild passen
Hier geht es längst nicht mehr um Literatur. Wer verlangt, Berichte über Vergewaltigungen, Verstümmelungen und andere unerträgliche Gräueltaten zurückzunehmen, greift nicht bloß eine Recherche an. Rooney und die anderen erklären damit Opferaussagen zum politischen Störgeräusch und sich selbst zu Obersten Richtern. Sie säen Zweifel dort, wo Menschen ohnehin nur noch versuchen zu überleben. Und sie senden eine Botschaft: Wir glauben euch – aber nur, wenn eure Geschichten in unser Weltbild passen.
Ich bin gegen Boykotte. Auch Sally Rooney bekommt von mir keinen. Für einen Boykott müsste mir ihre Literatur erst etwas bedeuten. Das tut sie aber nicht. Von mir aus kann sie ihr neues Buch meinetwegen auf Hebräisch, Englisch, Deutsch, in allen anderen Sprachen dieser Welt veröffentlichen und in Stein meißeln. Ich werde es nicht lesen. Nicht aus Protest. Sondern aus Abscheu.
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen.