Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Am Morgen kämpfen sie um jeden Punkt. Sie jubeln, ärgern sich, leiden in der Hitze Israels, analysieren Taktiken und träumen von Medaillen. Wenige Stunden später sitzen dieselben Athletinnen und Athleten gemeinsam beim Abendessen, tauschen Telefonnummern aus, singen Karaoke oder planen bereits das Wiedersehen in drei oder vier Jahren. Wer dieser Tage durch das Kfar Maccabiah läuft, merkt schnell: Die Maccabiah ist weit mehr als ein internationales Sportfest. Sie ist Begegnungsort, Heimkehr und Familienfest zugleich.

Natürlich steht auch hier der Wettkampf im Mittelpunkt. Gespielt, gefochten und gekämpft wird mit höchstem Einsatz. Doch die Besonderheit der Maccabiah liegt vermutlich darin, dass hier Menschen aus der jüdischen Diaspora zusammenkommen – aus dutzenden Ländern, mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Lebensrealitäten. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Geschichte. Auf dem Spielfeld vertreten sie stolz ihre Landesflagge, so auch das Schweizer Team. »Doch davon verschwindet die nationale Herkunft oft erstaunlich schnell«, sagt die Zürcher Tennisspielerin Rona Richer, die zusammen mit elf anderen Athletinnen und Athleten aus der Schweiz angereist ist. Vier Betreuerinnen und Betreuer begleiten die Delegation.

»Das ist etwas vom Besten, was ich je gemacht habe.«

Auch für den U16-Tischtennisspieler Dvir Rothschild, der ursprünglich aus Basel stammt, gehört die Begegnung mit Jugendlichen aus aller Welt zu den schönsten Erfahrungen überhaupt. Zwar seien die Spiele hart gewesen, doch viel wichtiger sei das Gefühl, dass alle irgendwie zusammengehörten. Sein sportliches Highlight war sein Sieg, der ihn ins Viertelfinale brachte. Noch mehr bleibt ihm aber das Miteinander in Erinnerung. »Das ist etwas vom Besten, was ich je gemacht habe und hat sich absolut gelohnt.«

Genau dieses Gefühl prägt auch die Tage der Fechterinnen Masha Epelbaum und Liliane Hamadani. Tagsüber trainieren sie gemeinsam mit den israelischen und amerikanischen Teams für ihren Wettkampf. Abends entstehen Freundschaften mit Athletinnen aus Costa Rica, Kolumbien oder den USA. Es wird Karaoke gesungen, gemeinsam gefeiert oder – ganz amerikanisch – der 4. Juli begangen. Die Maccabiah sei für sie längst mehr als nur ein Turnier, wie sie der Jüdischen Allgemeinen sagen.

Zuerst Gegner, dann Familie

Dass dabei jede Nation mit Stolz ihre Farben vertritt, macht den besonderen Reiz aus. Patriotismus und Gemeinschaft schließen sich hier nicht aus. Im Gegenteil. Man fiebert für das eigene Team, kämpft verbissen um Siege – und applaudiert anschließend gemeinsam den Gegnerinnen und Gegnern. »Die Israelis sind unglaublich ehrgeizig. Die wollen gewinnen«, sagt Tennis-Spielerin Michele Krausz lachend. Mit über 60 Jahren steht sie überraschend bereits in der dritten Runde und genießt jeden Moment auf dem Platz. Vor jedem Match sei sie allerdings »extrem nervös« und bereite sich deshalb vor allem mental vor. Gleichzeitig sind es nicht nur die Siege, die sie mit nach Hause nehmen wird. Im Bus gründet sie kurzerhand eine WhatsApp-Gruppe mit Tennisspielerinnen aus aller Welt. Brasilien, Kanada, Europa – plötzlich sind Entfernungen nur noch Telefonnummern.

»Meine genuine Chuzpe hat mir geholfen, übermächtig zu werden.«

Auch Rona Richter beschreibt diese besondere Stimmung als das eigentliche Herzstück der Maccabiah. Menschen unterschiedlichster Herkunft begegnen sich hier mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie sich längst gekannt. Unterschiede bleiben sichtbar – doch die gemeinsame Geschichte wiegt schwerer. »Beim Wettkampf sind wir Gegner«, sagt sie sinngemäß, »danach verbindet uns viel mehr.«

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Manchmal erzählt eine kleine Geschichte mehr über diese Spiele als jede Goldmedaille. Tischtennisspieler Sepp Holtz berichtet schmunzelnd, sein sportliches Highlight sei ein gewonnener Satz gegen einen »übermächtigen Gegner«. Noch größer sei allerdings der Moment gewesen, als ihn ein Rabbi aus Mexiko fragte, ob er mit ihm Doppel spielen wolle. »Ich habe noch nie an einer Makkabiade mit einem mexikanischen Rabbiner Doppel gespielt«, sagt der gebürtige Luzerner, der in Zürich lebt. Wahrscheinlich muss man die Maccabiah genau so erklären.

Hitze in den Griff kriegen, danach Freundschaften schließen

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Die Hitze fordert alle heraus. Die Konkurrenz ist hochklassig. Manche Begegnungen werden mit beeindruckender Konsequenz geführt. Sven David Rueff kennt diesen Ehrgeiz. Nach einem Armbruch vor eineinhalb Jahren steht er wieder auf dem Tennisplatz und durfte bereits gegen den israelischen Davis-Cup-Captain antreten. Sein Ziel ist klar: eine Medaille im Doppel. Und doch richtet sich sein wichtigster Rat nicht auf den nächsten Matchball: »Genießt Israel, schließt neue Freundschaften und erlebt die Maccabiah. Das gehört genauso dazu.«

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kraft dieser Spiele. Für viele Jüdinnen und Juden, die über die ganze Welt verstreut leben, ist die Maccabiah einer der wenigen Orte, an dem Diaspora plötzlich greifbar wird. Es entstehen Begegnungen, die im Alltag kaum möglich wären. Wer durch das Athletendorf spaziert, hört Englisch, Hebräisch, Spanisch, Französisch oder Deutsch. Überall wehen unterschiedliche Flaggen. Und doch entsteht das Gefühl, dass alle dieselbe Geschichte erzählen. Vielleicht ist das die größte Medaille, die diese Maccabiah vergeben kann. Die Schweizer Sportlerinnen und Sportler haben zumindest bisher zwei Bronze im Tischtennis und einmal Bronze im Tennis abgeräumt.

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