Die Zahl antisemitischer Angriffe und Vorfälle in den größten jüdischen Gemeinschaften der Welt hat 2025 einen traurigen Rekord erreicht. Nach einem neuen Bericht einer Arbeitsgruppe war das vergangene Jahr das tödlichste für jüdische Menschen außerhalb Israels seit mehr als 30 Jahren. Israelische Medien berichteten. Die Untersuchung erfasst die sieben Länder mit den größten jüdischen Bevölkerungen außerhalb Israels: die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und Argentinien, kurz J7. Zusammen leben dort mehr als 90 Prozent der jüdischen Diaspora.
Dem Bericht zufolge wurden 2025 in diesen Staaten mehr als 23.000 antisemitische Vorfälle registriert. Das entspricht einem Anstieg von 136 Prozent gegenüber 2022, also dem Jahr vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Gewalttaten nahmen im selben Zeitraum um 97 Prozent zu.
Insgesamt starben im vergangenen Jahr 20 Menschen bei antisemitisch motivierten Angriffen in Sydney, Manchester, Washington und Boulder. Damit war 2025 das schlimmste Jahr für antisemitische Gewalt gegen Juden außerhalb Israels seit 1994, als beim Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires 85 Menschen getötet wurden.
»Keine vorübergehende Welle«
Besonders schwer wogen mehrere tödliche Attacken: Bei einem Anschlag während einer Chanukka-Feier am Bondi Beach in Sydney kamen 15 Menschen ums Leben. Zwei Menschen wurden an Jom Kippur bei einem Angriff auf die Synagoge im Heaton Park in Manchester getötet. Zwei weitere Opfer gab es bei einem Angriff auf das Capital Jewish Museum in Washington, D.C., eine Frau wurde in Boulder getötet.
»Antisemitismus in den sieben J7-Staaten ist keine vorübergehende Welle mehr, sondern unsere neue Realität«, erklärte die Arbeitsgruppe in einer gemeinsamen Stellungnahme. Regierungen müssten aufhören, erst nach Angriffen auf jüdische Menschen zu reagieren, und stattdessen frühzeitig handeln – durch ausreichende Sicherheitsmittel, strengere Gesetze und eine konsequentere Durchsetzung von Regeln durch soziale Netzwerke.
Jonathan Greenblatt, Chef der Anti-Defamation League, sagte, die J7 sei 2023 gegründet worden, weil kein einzelnes Land die Herausforderung des Antisemitismus allein bewältigen könne. »2025 war eines der gewalttätigsten Jahre, die jemals für amerikanische Juden registriert wurden. Wir wurden durchschnittlich 17 Mal pro Tag angegriffen«, sagte Greenblatt.
»Antisemitismus kennt keine Grenzen«
Er betonte zugleich, dass es sich nicht nur um ein amerikanisches Problem handle. »Antisemitismus kennt keine Grenzen, deshalb muss auch unsere Antwort grenzüberschreitend sein.«
Trotz Rückgängen in einigen Ländern blieb die Zahl antisemitischer Vorfälle überall deutlich höher als vor dem 7. Oktober 2023. In den USA sank die Zahl 2025 zwar um 33 Prozent, in Australien um 20 Prozent, in Kanada und Frankreich jeweils um 16 Prozent. Großbritannien verzeichnete dagegen einen Anstieg um fünf Prozent, Argentinien um vier Prozent.
Langfristig zeigt der Trend jedoch weiterhin deutlich nach oben. Seit 2021 verzeichnete Australien mit einem Plus von 270 Prozent den stärksten Anstieg antisemitischer Vorfälle. Dahinter folgten Deutschland mit 215 Prozent, die USA mit 131 Prozent und Frankreich mit 124 Prozent.
Irland ohne Strategie
Deutschland weist laut Bericht weiterhin die höchste Zahl antisemitischer Vorfälle im Verhältnis zur Größe der jüdischen Bevölkerung auf. 2025 kamen demnach knapp 70 Vorfälle auf 1000 jüdische Einwohner. Dieser Wert lag fast fünfmal höher als in Australien, sechsmal höher als in Großbritannien und fast 70-mal höher als in den Vereinigten Staaten.
Eine bedeutende Rolle spielt laut J7-Bericht auch Antizionismus. In Großbritannien wurden 48 Prozent der Vorfälle damit in Verbindung gebracht, in den USA 45 Prozent und in Deutschland 23 Prozent.
Auch außerhalb der sieben Kernländer zeigt sich eine ähnliche Entwicklung. Für Irland, wo etwa 2200 Juden leben, dokumentierte der Bericht innerhalb von nur sechs Monaten 143 antisemitische Vorfälle. Das entspricht einer Rate von 65 Vorfällen pro 1000 jüdische Einwohner. Die J7 kritisierte, dass Irland bislang weder über eine nationale Strategie gegen Antisemitismus noch über spezielle staatliche Mittel zum Schutz jüdischer Einrichtungen verfüge.
Appell an soziale Medien
William C. Daroff, Vorsitzender der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, sagte, der Bericht zeige, dass Antisemitismus inzwischen eine anhaltende globale Krise sei. »Keine Gemeinschaft kann diese Bedrohung allein bekämpfen. Regierungen, Institutionen und Technologieunternehmen müssen dringend handeln, Gesetze durchsetzen, Sicherheitsstrukturen stärken und sicherstellen, dass Juden sicher und offen leben können.«
Die J7-Arbeitsgruppe fordert deshalb von Regierungen und Sicherheitsbehörden ein früheres Eingreifen zum Schutz jüdischer Gemeinschaften. Zudem müssten Gesetzeslücken geschlossen werden, durch die antisemitische Hetze – auch wenn sie als antizionistische Äußerungen auftrete – straflos bleiben könne.
Darüber hinaus richtet sich der Appell an soziale Medien. Plattformbetreiber müssten stärker gegen Hassinhalte vorgehen, transparenter arbeiten und enger mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, um neue Formen antisemitischer Bedrohungen zu bekämpfen. im