Tschernobyl

»Das Ausmaß der Katastrophe war nicht zu fassen«

Reaktor 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl nach dem Unfall Foto: imago stock&people

Am 26. April 1986 ereignete sich in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl im Norden der ukrainischen Sowjetrepublik ein katastrophaler Unfall. Der Reaktorkern wurde zerstört, und große Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt. Sie verteilten sich in den Folgetagen als radioaktive Wolke über weite Teile Europas. Doch am stärksten traf es den Norden der Ukraine, Belarus und den Westen Russlands.

Wie erlebte man in der damaligen Sowjetunion die Reaktorkatastrophe? Die Jüdische Allgemeine hat dort geborene Menschen, die in den 90er-Jahren als jüdische Einwanderer nach Deutschland kamen, zu ihren persönlichen Erinnerungen an das Reaktorunglück und dessen Folgen befragt.

Irina Katz, Erste Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg
Ich lebte mit meiner Familie in Donezk. Die Stadt ist ziemlich weit von Tschernobyl entfernt. Nichtsdestoweniger hatten wir viel Angst. Mein Sohn war damals nicht einmal ein Jahr alt. Bei vielen Eltern gab es Ängste, dass den Kindern etwas passieren könnte, da sie absolut ungeschützt waren. 

Ich unterrichtete an einer Schule Französisch und Biologie. Die Kinder aus den Regionen, die nah an Tschernobyl waren, auch aus Kiew, wurden auf die Schulen in der Ukraine und in Gastfamilien untergebracht. Unsere Klassen waren mit 30 bis 40 Schülern sowieso schon groß, und sie wurden dadurch noch größer.

Wir wussten zunächst nichts über dem Unfall. Niemand wusste Bescheid.

Irina Katz

Es herrschte Panik. Wir wussten nicht, was wir essen dürfen, welche Konsequenzen das alles für uns haben könnte. Die Kinder bekamen, auch an unserer Schule, Milch. Ich kann mich erinnern, dass mehrmals täglich Milch in jedes Klassenzimmer gebracht wurde. Die Schüler sollten sie in den Pausen trinken. Die Milch sollte die Radioaktivität absorbieren.

Wir wussten zunächst nichts über dem Unfall. Niemand wusste Bescheid. Zwar war Michail Gorbatschow schon an der Macht, aber es gab keine Informationen. Wir alle mussten zur Demonstration am 1. Mai gehen. Die sowjetischen Politiker wussten von der Katastrophe und sagten der Bevölkerung nicht, was passiert ist. Das war ein Verbrechen. 

Yuriy Gurzhy, Musiker (RotFront, Kaminer & Die Antikörpers) und DJ (Ex-Russendisko)
Als es vor 35 Jahren passierte, war ich elf, und das ist einer der Gründe, warum meine Erinnerungen vage sind. Aber auch, weil in unserer Familie die großartige sowjetische Tradition von Über-Manche-Dinge-Am-Besten-Nicht-Reden gepflegt wurde. 

Es dauerte dann auch Wochen, bis die Information angekommen war, davor gab es eine Menge Gerüchte, und die meisten davon wollte man nicht glauben. Man erzählte unter anderem, wie die Parteibosse ihre Familien aus Pripyat mit Hubschraubern evakuierten und dass die Kinder Masken und Schutzkleidung trugen ... 

Meine Yiddishe Mama tat alles, damit wir so schnell wie möglich wegkommen.

Yuriy Gurzhy

Es war lange nicht ganz klar, was los war, aber man könnte ahnen, dass die Lage sehr, sehr ernst war. Das Ausmaß der Katastrophe war einfach nicht zu fassen, weil die Regierung es verschwiegen hat und weil es einfach unvorstellbar war. 

Meine Yiddishe Mama tat alles, damit wir so schnell wie möglich wegkommen, und weit von der Ukraine bleiben, so lange es ging ... Und dafür möchte ich mich heute bei ihr bedanken.

Michael Rubin, Unternehmensberater und Frankfurter Kommunalpolitiker
1986 war ich Teenager und lebte in Witebsk im Norden von Belarus. Mein Großvater lag damals mit Herzproblemen im Krankenhaus. Mein Onkel war ein Parteifunktionär in Witebsk.

Als wir uns an Opas Krankenbett trafen, sagte mein Onkel, ich solle sofort nach Hause laufen und nicht spazieren oder mit Freunden spielen gehen. Er sagte, er habe den Tipp bekommen, dass man zu Hause bleiben muss. Mehr könne er nicht erklären.

Die Regierung hat die Katastrophe verheimlicht und die Menschen auf die Straße gehen lassen.

Michael Rubin

In Witebsk lebten wir am zentralen Lenin-Platz, wo alle Demonstrationen ausgetragen wurden. Überraschenderweise gab es am 1. Mai eine riesige Demo. Die sowjetische Regierung hat die Katastrophe verheimlicht und die Menschen auf die Straße gehen lassen. 

Meine zweite Berührung mit der Tschernobyl-Katastrophe fand in Deutschland statt. Die ZWST hat in den 90er-Jahren auf Initiative von Beni Bloch von der Katastrophe betroffene Kinder aus Belarus nach Bad Sobernheim eingeladen. Dort fanden dann Machanot statt. Davon bekam ich mit, denn diese Hilfsaktion war in aller Munde. 

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