Erinnerung

Ein verlorener Ort der Geborgenheit

Im Gespräch: Yael Neeman und Lucia Engelbrecht (v.l.) Foto: Thomas Hauzenberger

Erinnerung

Ein verlorener Ort der Geborgenheit

Yael Neeman sprach im Jüdischen Gemeindezentrum über das Leben im Kibbuz

von Nora Niemann  24.05.2026 08:09 Uhr

Für die Journalistin und Schriftstellerin Yael Neeman muss es in Begleitung ihrer Übersetzerin Lucia Engelbrecht eine anregende und aufregende Lesereise gewesen sein, die der Bekanntmachung ihres 2011 in Israel erschienenen Standardwerks über Das Leben im Kibbuz, das erst 2025 in Deutsch erschien, gewidmet war. Sie führte nach Wien, die Geburtsstadt von Yaels Vater Zwi, der einmal Fredi geheißen hatte, nach Stuttgart, Hamburg, Berlin und eben auch München.

Hier wurden die beiden Frauen von Bettina Nir-Vered von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die selbst als 17-Jährige das Kibbuzleben kennengelernt hatte, willkommen geheißen. Die Kooperation mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) trug dazu bei, dass ein ganz gemischtes Publikum aus Iwrit-Muttersprachlern, Hebräisch-Lernenden, Israel-Kennern und Interessierten zusammenkam.

Anhand ihrer eigenen Kindheit im Kibbuz Yechiam beschreibt Neeman das Prinzip der Kibbuzim

Lucia Engelbrecht, die durch den Abend führte und dolmetschte, sprach zunächst über den 2023 gegründeten Altneuland-Verlag in Berlin, der hebräische Literatur, die es zurzeit eher schwer hat, authentisch vermitteln möchte. Dazu war das erste Buch des Verlags hierzulande, das auch das erste Buch von Yael Neeman war, besonders gut geeignet.

Anhand ihrer eigenen Kindheit und Jugend im Kibbuz Yechiam nahe Nahariya im oberen Galiläa beschreibt Neeman das Prinzip der Kibbuzim. Der 1946 hauptsächlich von ungarischen Juden gegründete Kibbuz folgte dem Regelwerk des Haschomer Hatzair, der – wie Neeman es nennt – radikalsten Form dieses sozialistischen Konzeptes. Man hebraisierte die Namen; jede Entscheidung war Sache der Gemeinschaft. Persönliche Wertsachen waren einzubringen, weil alles dem Wohl der Gemeinschaft dienen sollte.

Die biologischen Eltern sahen ihre Kinder täglich genau eine Stunde und 20 Minuten, bevor es für die Erwachsenen zum Abendessen in den Speisesaal und für die Kinder – in ihre jeweiligen Gruppen gegliedert – ins Kinderhaus ging. Der Tag gehörte der Arbeit; schon für die Kinder gab es Aufgaben, die sie in den Gemeinschaftsgeist hineinführen sollten. Yael Neeman, die mit 20 Jahren in die Großstadt Tel Aviv ging, verspürte mit Ende 30 das Bedürfnis, über diese besondere Welt zu schreiben, »bevor sich niemand mehr daran erinnert«.

Die Art des Lernens vergleicht sie mit dem Konzept der Waldorfschulen

Die Art des Lernens vergleicht sie mit dem Konzept der Waldorfschulen. Alle Kinder betrachteten sich als Geschwister, weshalb man später so gut wie nie jemanden aus der eigenen Gruppe heiratete. Um andere kennenzulernen, gab es Single-Tanzabende; samstagabends fanden Kibbuz-Vollversammlungen statt, in denen diskutiert und Mehrheitsbeschlüsse getroffen wurden. Alles wurde im Kollektiv gedacht und ausgeführt.

Sogar die Tänze, die für Festtage von den Kindern einstudiert wurden, folgten genau denselben Regeln in allen Kibbuzim der Bewegung. Neeman stellte bei ihren Recherchen fest: »Meine privaten Erinnerungen sind gar nicht meine privaten.« Alle waren im selben Geist aufgewachsen. Verließ man diesen Hort der Geborgenheit, war man auf sich allein gestellt.

Yael Neeman: »Wir waren die Zukunft. Leben im Kibbuz«. Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht. Altneuland Press/Kanon, Berlin 2025, 267 S., 24 €

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