München

Intensiver Austausch

Rund 50 Rebbetzinnen aus ganz Europa sowie eine Teilnehmerin aus Australien waren zu dem dreitägigen Treffen in München angereist. Foto: Europäische Rebbetzinnen-Konferenz

»Ich sage jedes Mal, ich mache es nicht mehr. Aber dann spüre ich die Notwendigkeit und mache weiter«, sagt Charlotte Dunner mit einem Lachen. Gerade hat die Gründerin und Chef-Organisatorin der European Rebbetzen Con­ference im Restaurant »Einstein« der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) etwa 50 Rabbiner-Ehefrauen aus ganz Europa, unter ihnen auch Julia Guggenheim und Maja Zizov aus München, sowie eine Teilnehmerin aus Australien offiziell verabschiedet und damit das achte Treffen dieser Art beendet.

Schon zum zweiten Mal – nach dem Jahr 2020 – fand die Veranstaltung in der IKG statt. Hinter den Teilnehmerinnen liegen drei dicht gefüllte Tage intensiven Austauschs mit zahlreichen Angeboten, darunter Vorträge, Meditationen, Yoga – und nicht zuletzt das Gedenken an die im vergangenen November verstorbene Rebbetzin Shoshana Brodman. »Sie war von Anfang an dabei, und sie inspiriert uns auch über ihren Tod hinaus mit ihrer optimistischen Ausstrahlung«, so Dunner. Mit dieser Konferenz wollte man ihr Andenken ehren und an die Freude und das Licht, das sie in die Welt gebracht habe, erinnern.

»Das Schiff einer jüdischen Gemeinde in stürmischer See auf Kurs halten«

In der Kultusgemeinde waren die Rebbetzinnen wieder hoch willkommene Gäste. IKG-Präsidentin Charlotte Knob­loch begrüßte sie in Anwesenheit von Rabbiner Shmuel Aharon Brodman sowie mehrerer Vorstandsmitglieder beim Galadinner am Eröffnungsabend und dankte den Frauen für ihre Einsatzbereitschaft. Jüdische Einrichtungen in Europa seien heute mehr denn je darauf angewiesen: »In diesen tumultartigen Zeiten, die wir durchleben, bedeutet es eine immer größere Herausforderung, das Schiff einer jüdischen Gemeinde in stürmischer See auf Kurs zu halten.«

An der Notwendigkeit einer derartigen Konferenz besteht kein Zweifel.

Wie Shoshana Brodman, deren Verlust man in der Gemeinde täglich schmerzlich spüre, stünden auch die Rebbetzinnen an der Seite ihrer Ehemänner, um sie in ihrem Dienst für die Gemeinde zu unterstützen. »Was Sie tagtäglich vollbringen – für Ihre Ehemänner, für Ihre Familien und für alle, die sich auf Sie verlassen –, ist monumental«, sagte Knobloch. Das sei bei aller Bescheidenheit ein Grund, stolz zu sein. Heute, so die IKG-Präsidentin weiter, da Judenhass zunehme und auch die Politik in den europäischen Ländern die jüdische Gemeinschaft immer öfter im Stich lasse, richteten sich viele Blicke in den Gemeinden eher nach innen als nach außen: »Nicht wenige dieser Blicke finden Sie.«

Das bestätigte auch Charlotte Dunner. Vor zehn Jahren hat die Witwe des 2011 verstorbenen Londoner Rabbiners Aba Dunner, der ab 2003 Executive Director der Europäischen Rabbinerkonferenz war, die Europäische Rebbetzinnen-Konferenz ins Leben gerufen. An der Seite ihres Mannes war sie zu den internationalen Treffen der Rabbiner mitgereist und dort schnell zu dem Schluss gekommen, dass Rebbetzinnen mehr als ein »Damenprogramm« benötigten. Ähnlich wie ihre Männer brauchten sie Austausch und Anregung, Begegnung und Lernen. Eine wichtige Unterstützerin und auch Schirmherrin für die Konferenz fand sie in Rebbetzin Ruchie Ehrentreu aus London. Diese konnte in diesem Jahr nicht persönlich teilnehmen, hatte aber eine Videogrußbotschaft geschickt.

Die Rebbetzinnen sind heute stärker ins Gemeindeleben eingebunden

In den vergangenen zehn Jahren seien die Ansprüche an das, was Rebbetzinnen leisten müssten, nicht zuletzt wegen des bedrohlichen Antisemitismus deutlich gestiegen, betont Charlotte Dunner: »Die Frauen der Rabbiner müssen sich mit diesem Thema befassen. Sie müssen die Gemeinden stärken, Hoffnung ausstrahlen und den Mitgliedern beistehen.«

Zugleich seien die Rebbetzinnen heute stärker ins Gemeindeleben eingebunden, gäben Einladungen und Schiurim und müssten Vorbild sein für ein religiöses Leben in der modernen Welt. Das sei oft schwierig, und meist seien die motivierten jungen Frauen auf die anspruchsvollen Aufgaben gar nicht oder nicht ausreichend vorbereitet. Hier wollte sie mit der Europäischen Rebbetzinnen-Konferenz eine gewisse Abhilfe schaffen. Inzwischen sei ein Netzwerk von rund 100 Rebbetzinnen entstanden, die unter anderem über WhatsApp Kontakt miteinander hielten und sich gegenseitig unterstützten.

In diesem Jahr widmete sich die Konferenz im Andenken an Shoshana Brodman dem Schwerpunktthema »Tod und Trauer« – ein Thema, mit dem eine Rebbetzin regelmäßig konfrontiert ist. Ein Thema auch, bei dem sie in jedem einzelnen Trauerfall viel von sich geben und für das sie immer wieder Kraft in sich selbst finden müsse. Als Referentinnen hatte Charlotte Dunner die erfahrenen Rebbetzinnen Elissa Felder aus Philadelphia, Debi Rubin aus Jerusalem und Gila Hackenbroch aus London gewonnen.

Einladung für künftige Konferenzen

Während Elissa Felder, die selbst den Tod eines Kindes verkraften musste, über die heilende Kraft der jüdischen Tradition und Rituale sprach, vermittelten Debi Rubin und Gila Hackenbroch, beide ausgebildete Psychologinnen, wie und woraus die Rebbetzinnen für sich Halt und Kraft finden können.

Den Kontakt zu den Rebbetzinnen zu halten und der jährlichen Konferenz einen Rahmen in Form eines Themas mit passenden Rednerinnen und Rednern zu geben, darin sieht Charlotte Dunner ihre zentralen Aufgaben. Inzwischen habe sie Unterstützung bei der Organisation, aber: »Die Verantwortung trage ich – und ich trage sie gern.« Eine Einladung für künftige Konferenzen jedenfalls hat sie von IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch bereits erhalten – denn an der anhaltenden Notwendigkeit der Europäischen Rebbetzinnen-Konferenz besteht kein Zweifel.

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