Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Polizisten sichern die Synagoge Agudas Achim in Zürich-Wiedikon, am 4. März 2024, zwei Tage nach der Messerattacke auf einen jüdischen Mann Foto: picture alliance/KEYSTONE

Als am 2. März 2024 ein 15-jähriger schweizerisch-tunesischer Doppelbürger in Zürich einen antisemitisch motivierten Messerangriff verübt hatte, überlebte das Opfer, ein religiöser jüdischer Mann, die Attacke nur knapp. Der 50-jährige Familienvater, der vor einem Hauseingang stand, erlitt lebensbedrohliche Verletzungen und musste über längere Zeit hospitalisiert werden. Gemäß den Behörden leidet dieser bis heute unter den körperlichen und psychischen Folgen des Angriffs.

Die nun veröffentlichte Anklageschrift gegen den minderjährigen Täter zeichnet nach, wie der Jugendliche geplant hatte, ein Blutbad im Zürcher Selnau-Quartier anzurichten – alles vor laufender Kamera. Darin steht auch, dass sich der Jugendliche seit dem Sommer 2023 immer stärker in islamistischen Online-Kreisen bewegte. Der Beschuldigte, der 2008 in Bülach geboren wurde und mit fünf Jahren mit seiner Mutter und Geschwistern in ein tunesisches Dorf zog, kam als 12-Jähriger zurück in die Schweiz. Dort lebte er mit seiner Familie am Stadtrand von Zürich.

Als Teenager verbrachte er täglich viele Stunden auf einschlägigen Plattformen, konsumierte IS-Propaganda und tauschte sich mit Gleichgesinnten aus. Dabei stießen die Ermittler auf zahlreiche gewaltverherrlichende Inhalte, darunter Aufnahmen von Hinrichtungen, Kriegsszenen und Enthauptungen. Ein Teil dieser Inhalte soll vom Beschuldigten selbst weiterverbreitet worden sein.

Steak-Messer am Vortag gekauft

Nach Angaben der Strafverfolgungsbehörden bekannte sich der Jugendliche Ende Januar 2024 zur Terrororganisation IS. In der Folge begann er offenbar, konkrete Anschlagspläne zu entwickeln. Zunächst beschäftigte er sich mit dem Bau eines Sprengsatzes, verwarf diese Idee jedoch wieder. Stattdessen kaufte er am Tag vor der Tat ein Steak-Messer und kündigte seinen geplanten Angriff in einem Bekennervideo auf Online-Kanälen an, worin er auch gegen seine eigene Familie hetzte.

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Im Video bezeichnete er sich als Kämpfer des sogenannten Kalifats und erklärte, eine Synagoge angreifen und möglichst viele Juden töten zu wollen. Kurz vor der Tat startete er zudem einen Livestream und forderte andere Nutzer auf, die Aufnahmen zu speichern und weiterzuverbreiten.

Plan gescheitert, weil Tür zu

Am Abend des 2. März begab sich der Jugendliche zu einer Zürcher Synagoge, in der zu diesem Zeitpunkt ein Gottesdienst stattfand. Mit gezücktem Messer versuchte er, das Gebäude zu betreten. Da die Eingangstür verschlossen war, scheiterte sein Vorhaben. Im Livestream reagierte er verärgert (»Ach so ein Mist, die Türe ist geschlossen«) und erklärte, er werde stattdessen irgendeine andere Person angreifen, die ihm auf der Straße begegne.

Kurze Zeit später traf er auf das spätere Opfer. Gemäß Anklage griff er den Mann unvermittelt von hinten an und stach 17-mal auf ihn ein. Selbst als das Opfer zu fliehen versuchte und um Hilfe rief, setzte der Angreifer seine Attacke fort. Das Opfer fiel auf die Motorhaube eines vor einer Ampel stehenden Autos. Erst durch das Eingreifen von Passanten, darunter ein Kampfsportler, und des einen Autoinsassen konnte der Jugendliche gestoppt und überwältigt werden.

Freiheitsstrafe von einem Jahr

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 17-Jährigen unter anderem mehrfachen versuchten Mord sowie die Unterstützung einer kriminellen Organisation vor. Neben einer Freiheitsstrafe von einem Jahr – dem höchstmöglichen Strafmaß für Täter unter 16 Jahren – beantragt sie therapeutische Maßnahmen, persönliche Betreuung und die Unterbringung in einer geschlossenen Institution.

Der Prozess beginnt am 1. Juli am Bezirksgericht Dielsdorf. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung. In einer ersten Einvernahme hatte der Jugendliche die Tat gestanden. Wie er sich am Prozess zu den Vorwürfen stellt, ist bislang unklar.

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