Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan Foto: picture alliance/AP Images

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026 16:53 Uhr

Er war die Lichtgestalt auf einem der mächtigsten Posten der Welt, prägte eine lange Boom-Phase für Börse und Konjunktur: Alan Greenspan, fast 19 Jahre Chef der US-Notenbank Federal Reserve, lenkte unter Ronald Reagan (1987) bis George W. Bush Junior (2006) die Geschicke des Dollars und damit der Weltwirtschaft. Am Montag verstarb Greenspan im Alter von 100 Jahren nach Komplikationen im Zusammenhang mit seiner Parkinson-Erkrankung.

Greenspan ist in New York als Enkel ungarisch-jüdischer Einwanderer geboren und war ein Scheidungskind. Zu seinem Vater – ein Börsenmakler, mäßig erfolgreicher Geschäftsmann und Kantor an einer Synagoge – hatte er kein enges Verhältnis. Mit seiner Mutter, die ihn großzog, telefonierte er dagegen bis ins späte Erwachsenenalter jeden Tag.

Als junger Mann spielte er Saxophon und Klarinette, tourte 1944 und 1945 mit der Big Band von Henry Jerome. Laut der Biografie von Sebastian Mallaby (The Man who knew, 2016) behielten ihn seine Band-Kollegen aber eher als guten Buchhalter denn als talentierten Jazz-Musiker in Erinnerung: Er half ihnen bei der Steuererklärung. So entschied sich Greenspan lieber für ein Wirtschaftsstudium und sollte ein prägendes Gesicht seines Fachs werden, obwohl er erst mit 51 promovierte.

Warum er der perfekte Notenbankchef war? Laut Biograf Mallaby, weil er selten Einblicke in sein wahres Innenleben gab. So auch im Verhältnis zu den Frauen: Als intelligenter und mächtiger Mann war er auf New Yorker Partys begehrt, ging mit High-Society-Frauen wie TV-Moderatorin Barbara Walters aus.

Seine Beziehungen hielten zwar nicht, endeten aber auch nie in Feindschaft: Denn Greenspan, so sein Biograf, sagte nie etwas, was man ihm übel nehmen konnte. Als Notenbankchef perfektionierte er diese Eigenschaft, konnte Journalisten gegenüber viele intelligent klingende Sätze formulieren, ohne etwas zu sagen. Diese Eigenschaft bekam einen eigenen Namen: der »Greenspeak«. Einmal gestand er ein, diesen bewusst praktiziert zu haben.

Eine erste, frühe Ehe mit der Malerin Joan Mitchell dauerte nur zwei Jahre. Erst die späte Ehe mit der NBC-Journalistin Andrea Mitchell, die er mit 71 heiratete (sie war 50), hielt bis zum Schluss.

Prägend war auch seine Freundschaft zu Ayn Rand, der US-Philosophin und Schriftstellerin russisch-jüdischer Abstammung, die sich mit Themen wie dem »Turbokapitalismus« (Rand), freien Menschen und Märkten beschäftigte. Sie überzeugte Greenspan davon, dass sich hinter dem ständigen, moralisch erhobenen »Gier«-Vorwurf gegen Kapitalisten in Wahrheit ein gefährliches Machtinteresse verberge: Dieses treibe dysfunktionale Märkte und dysfunktionale Politik, sprich: Verschwendung, Korruption und Tyrannei.

Die Welt des erklärten Atheisten und Rationalisten Greenspan bestand aus Fakten und Daten. Angeblich analysierte er sie auch als Notenbankchef entspannt in der Badewanne, um die klügsten Zinsschritte auszuloten.
Doch Greenspan war Karrierist genug, um seine Überzeugungen hin und wieder auch der politischen Realität unterzuordnen. Besonders in Krisen war er der Meinung, dass Nichtstun wohl das Beste wäre, statt sie mit Geld zuzuschütten. Er wusste aber seit der New Yorker Schuldenkrise 1975 auch, dass Politiker sich darauf niemals einlassen würden.

Trotzdem bissen sich manche Politiker die Zähne an ihm aus: Obwohl selbst Republikaner, verwehrte er George W. Bush Senior den Gefallen, die Zinsen zu senken. Als die Wahl 1992 an Bill Clinton ging, folgten gute Jahre für Börse und Konjunktur, nur unterbrochen durch Krisen (Dotcom-Blase 2000 und 9/11), die Greenspan nach damals gängiger Meinung souverän handhabte.

Erst die Finanzkrise 2008 – zwei Jahre nach seinem Abgang – schadete auch seinem Ruf. Der Vorwurf lautete: Er sei mitverantwortlich für die Immobilienblase, weil die Märkte nicht das getan hatten, was er vorhergesagt hatte. Greenspan gestand vor dem US-Kongress »Fehler in meiner Weltanschauung« ein.

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