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»Einfach hinschauen«: Taryn Thomas (21) Foto: Daniel Zylberstajn-Lewandowski

Taryn Thomas sitzt auf einer Bank mit der Aufschrift »We Will Dance Again« im Nordosten Londons. Die 21-Jährige ist extra aus den USA angereist, um auf der jüngsten Station der Nova-Ausstellung über ihren Ausstieg aus der »propalästinensischen« Bewegung zu sprechen. Denn dieses Event über das Hamas-Massaker auf einem Musikfestival am 7. Oktober 2023, bei dem fast 380 Menschen massakriert und 44 als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden, hat ihr Leben verändert.

In ihrer kalifornischen Heimatstadt Belmont war Thomas die erste Schwarze ihrer Schule, die je eine Abschlussrede halten durfte. Trump-Unterstützer in der sehr weißen Stadt hätten das stark kritisiert, sagt sie. Die Black-Lives-Matter-Bewegung und Linke hießen sie hingegen willkommen. Dort habe sie auch zum ersten Mal gehört, dass die Befreiung der Schwarzen untrennbar mit der Befreiung der Palästinenser verbunden sei.

»Vorgekaute Narrative, Sprache und Feindbilder«

Als sie schließlich an der Eliteuniversität Stanford Medizin studierte, habe sie in der Organisation »Students for Justice in Palestine« eine Ersatzfamilie gefunden, berichtet Thomas weiter. Deshalb war sie 13 Tage nach den Hamas-Massakern in Israel dabei, als ein »Protestlager für Gaza« auf dem Campus entstand. Sie war überzeugt, das Richtige zu tun, als dort bereits vor Israels Verteidigungsschlag von Völkermord die Rede war, als »vorgekaute Narrative, Sprache und Feindbilder« weitergereicht wurden, so Thomas.

Juden wurden als »weiße privilegierte Menschen« beschimpft, die einen eigenen, vom Westen unterstützten Staat erhalten hätten. Auch hätten jüdische »anti-zionistische« Aktivisten ihr erklärt, dass es kein Antisemitismus sei, vor dem jüdischen Studentenzentrum Aktionen zu machen oder jüdischen Studenten den Zugang zu Vorlesungen zu verwehren.

Doch als ihre Mit-Aktivisten im Juni 2024 auf dem Campus einen Sachschaden von mehreren Hunderttausend Dollar verursachten und rassistische Slogans an die Wände sprühten, seien ihr erste Zweifel gekommen. »Ich habe mich gefragt, wie das den Palästinensern helfen soll«, sagt sie. Bald darauf habe sie die Nova-Ausstellung in Los Angeles besucht. Sie sei davon ausgegangen, dass die »zionistische Propaganda« ihren »Glauben an die Sache« wieder stärken werde.

»Das war also unser Märtyrer, unser Widerstand?«

Doch es kam anders. Vor Ort »hat mir niemand gesagt, was ich denken soll. Ich sollte einfach nur hinschauen«, berichtet Thomas. Besonders aufgewühlt hätten sie Abschiedsnachrichten von Festivalbesuchern an ihre Eltern sowie die ekstatische Tonaufnahme eines jungen Terroristen, der verkündete, dass er »mit eigenen Händen zehn Juden ermordet« habe. »Das war also unser Märtyrer, unser Widerstand?« Sie habe die Ausstellung extrem verwirrt verlassen.

Wochen später akzeptierte sie das Angebot der Makkabi-Bewegung, an einer Reise nach Israel teilzunehmen. Dort traf sie Israelis, Palästinenser, Drusen, Beduinen und auch äthiopische schwarze Juden. »In Jerusalem sah ich, wie Menschen entgegen all meinen Erwartungen zusammenlebten.« Sie musste auch einen Raketenangriff überstehen und hoffte, dass die Waffen, von denen sie immer wollte, dass Israel sie nicht erhält, sie schützen.

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Thomas sieht auch Parallelen zwischen der jüdischen und der schwarzen Geschichte, etwa im gemeinsamen Kampf in der Zivilrechtsbewegung und im dem Zionismus ähnelnden Panafrikanismus. Weiße Linke würden geschichtliche Eigenverantwortung und Reparationen für weiße Vorherrschaft durch Schuldzuweisungen gegen Juden kompensieren, sagt sie. Und kritisiert fehlendes Interesse an anderen Konflikten: an den toten Demonstranten im Iran, Ermordeten in Nigeria, der Ukraine oder daran, was mit den uigurischen Muslimen geschehe. Das interessiere die »propalästinensische« Bewegung nicht, weil weder »das böse Amerika« noch Israel Schuld trage.

Es gehe ihr heute um einen differenzierten Blick, eine Moral, die für alle gilt, und keine selektive Empathie, so Thomas. Sie hoffe weiter auf eine palästinensische Selbstregierung, aber ohne Hamas, die mit dem Angriff am 7. Oktober für die Toten und die Zerstörung in Gaza verantwortlich sei. »Ich will alles in meiner Macht Stehende daransetzen, dass die Linke nicht weiter kippt.« In ihren alten Uni-Kreisen und sogar bei ihrer besten Freundin gilt sie nun als Verräterin und »Genozid-Apologetin«.

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