Archäologen haben bei Ausgrabungen auf dem Gelände der einstigen Großen Synagoge von Vilnius bedeutende Funde freigelegt. Erstmals seit der Zerstörung des Gotteshauses während der NS-Zeit und der späteren Beseitigung der Ruinen durch die Sowjetunion wurden der originale Fußboden des Hauptgebetsraums sowie die Bima, das erhöhte Podium für die Toralesung, vollständig freigelegt. Die Entdeckungen haben in der kleinen jüdischen Gemeinschaft Litauens jedoch auch eine kontroverse Diskussion darüber ausgelöst, wie mit dem historischen Ort künftig umgegangen werden soll. Die Jewish Telegraphic Agency (JTA) berichtete.
Die Große Synagoge galt über Jahrhunderte als religiöses, kulturelles und geistiges Zentrum des jüdischen Lebens in Vilnius, das einst wegen seiner bedeutenden jüdischen Gelehrsamkeit als »Jerusalem des Nordens« bekannt war. Das Bauwerk wurde im 17. Jahrhundert errichtet, nachdem bereits zuvor ein Bethaus an derselben Stelle bestanden hatte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten schwer beschädigt. Die sowjetischen Behörden ließen die Ruinen später abtragen und errichteten auf dem Gelände zunächst einen Kindergarten und anschließend eine Schule.
Geleitet werden die Ausgrabungen von dem israelischen Archäologen Jon Seligman. Er erklärte gegenüber der JTA: »Das ist der Ort, mit dem sich die Hälfte der Bevölkerung dieser Stadt identifiziert hätte.« Heute fehle Vilnius »die Hälfte seiner Identität«, fügte er hinzu. Ein Grund dafür, dass wesentliche Teile der Synagoge erhalten geblieben seien, liege in ihrer Bauweise: Weil Juden damals ihre Synagoge nicht höher als die umliegenden Kirchen errichten durften, wurde der Hauptgebetsraum unter Straßenniveau angelegt. Dadurch überstanden Teile des Bodens die spätere Zerstörung.
Neue Einblicke
Bei den jüngsten Arbeiten wurden neben der reich verzierten Bima auch zahlreiche historische Gegenstände entdeckt. Dazu gehören unter anderem eine Pessachplatte, eine Schale für Gefilte Fisch, eine Tafel mit den Zehn Geboten sowie Sitzplatztafeln mit den Namen von Gemeindemitgliedern und Stiftern der Synagoge. Die Funde geben Historikern neue Einblicke in das jüdische Leben in Vilnius vor der Schoa.
Über die Zukunft des Geländes herrscht jedoch Uneinigkeit. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Litauens, Faina Kukliansky, setzt sich für den Bau eines neuen Gemeindezentrums über den freigelegten Fundamenten ein. Besucher sollen die Überreste der Synagoge durch einen Glasboden oder in einem Ausstellungsbereich besichtigen können. Das Gebäude selbst soll kulturellen Veranstaltungen, Bildungsangeboten und dem Gemeindeleben dienen. »Es ist sehr bedeutungsvoll, dass an dem Ort, an dem einst die Synagoge stand, wieder intensives jüdisches Leben stattfinden wird«, sagte Kukliansky dem Bericht nach.
Widerspruch kommt unter anderem vom Chabad-Rabbiner Sholom Ber Krinsky. Er vertritt die Auffassung, das Gelände müsse aufgrund seiner religiösen Bedeutung weiterhin ein »lebendiges jüdisches religiöses Zentrum« bleiben. »Wenn ein Ort über Jahrhunderte als Synagoge genutzt wurde, bleibt seine Heiligkeit bestehen, und diese Heiligkeit sollte respektiert werden«, erklärte er. Ein Gemeindezentrum möge sinnvoll sein, repräsentiere jedoch nicht die Heiligkeit dieses Ortes.
Weitere Stimmen plädieren dafür, den historischen Ort stärker als Erinnerungs- und Bildungsstätte für die gesamte litauische Gesellschaft zu gestalten. Nach ihrer Ansicht könnte ein Kulturzentrum entstehen, das sich mit Toleranz, Menschenrechten und der jüdischen Geschichte Litauens befasst und sowohl Einheimische als auch internationale Besucher anspricht. im