Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Jean Quatremer war eine feste Größe bei der »Libération«, der französischen Tageszeitung, die 1973 im Geiste der Protestbewegung von 1968 in Paris gegründet wurde. Anfang der 90er-Jahre ging er als Korrespondent nach Brüssel und machte sich mit Analysen und Kolumnen zu Europa und EU einen Namen bei den »Libé«-Lesern.

Sein Abschied folgt internen Auseinandersetzungen, es hatte Beschwerden gegen Meinungsstücke von ihm gegeben, und in der Redaktion kam es zu hitzigen Debatten über die Meinungsfreiheit und ideologische Differenzen zwischen »alten«, diskussionserprobten und -freudigen Kollegen und jungen, weit links positionierten Redakteuren. Eine Debatte, die mittlerweile die gesamte Medienlandschaft betrifft, in mittlerweile politische Gräben durch die Redaktionen verlaufen.

Die »Libération« habe stets seine Meinungsfreiheit garantiert, reagierte die Zeitung auf Quatremers öffentliche Anklage, berichten französische Medien. Man bekenne sich nachdrücklich zur kompromisslosen Verteidigung der Meinungsfreiheit und zur Meinungsvielfalt innerhalb der Redaktion.

Dies ist Quatremers Brief ins Deutsche übersetzt und gekürzt im Wortlaut:

Adieu, Libé!

(...) Wenn ich nun gehe, so liegt das nicht an Europa – jenem Thema, dem ich einen sehr großen Teil meiner beruflichen Laufbahn mit Leidenschaft gewidmet habe. Ich gehöre zu jener sozialdemokratischen Linken, die gegen religiösen Obskurantismus jeder Art, gegen Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung, Muslimfeindlichkeit, Sexismus, Homophobie und Ungerechtigkeit kämpft. Jene Haltung, die individuelle und kollektive Freiheiten – insbesondere die Meinungsfreiheit – als unantastbar betrachtet; jene Haltung, die keinerlei Kompromisse bei der Rechtsstaatlichkeit und den Werten der Republik eingeht.

Leider muss ich feststellen, dass diese Haltung heute in der Minderheit ist, wenn sie nicht gar kurz davor steht, gänzlich zu verschwinden. Aus Angst, der »Islamophobie« oder des Neokolonialismus bezichtigt zu werden – oder, zynischer ausgedrückt, im Bestreben, um die Stimmen bestimmter Bevölkerungsgruppen zu werben –, duldet ein Teil der politischen und medialen Linken in den eigenen Reihen homophobe, frauenfeindliche, transphobe, laizismusfeindliche und die Meinungsfreiheit ablehnende Rhetorik sowie jenen Klerikalismus, mit dem sie sich verbündet.

Seit dem Pogrom vom 7. Oktober hat sich die Feindseligkeit gegenüber der Regierung Netanjahu – eine Haltung, die ich voll und ganz teile – sowie die legitime Unterstützung für das palästinensische Anliegen in einen virulenten Antizionismus verwandelt. Dieser dient als Maske für einen entfesselten Antisemitismus – wie Vladimir Jankélévich scharfsinnig erkannte – und stellt eine Negierung der Werte dar, und zwar nicht nur der Linken, sondern der Republik an sich.

»Antisemitismus wird lediglich als eine Meinung unter vielen behandelt, statt als eine Grenze, die niemals überschritten werden darf…«

Menschen demonstrieren vor Synagogen, greifen Juden an und skandieren auf Protesten »Heil Hitler«; Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler und Journalisten werden zum Schweigen gebracht, nur weil sie Juden sind – und folglich als Zionisten und damit als »Völkermörder« abgestempelt werden. Wer auch immer – ob Jude oder Nichtjude – von dieser Linie abweicht, wird als Faschist gebrandmarkt, und zwar im Namen eines neuen Antifaschismus, der durch seine (bisweilen tödliche) Gewalt frappierende Ähnlichkeit mit eben jenem Phänomen aufweist, das er zu bekämpfen vorgibt.

Genau wie zu Zeiten der Hochphase der UdSSR und der Komintern erzwingt die Gesinnungspolizei eine ideologische Schreckensherrschaft mittels Bannsprüchen, verleumderischer Denunziation und »Cancel Culture«. Juden werden mit Nazis gleichgesetzt; Israel und Juden weltweit werden des Völkermords bezichtigt – ganz ähnlich, wie man ihnen einst den Gottesmord vorwarf; Israel wird das Existenzrecht abgesprochen – eine Haltung, die keinem anderen Land entgegengebracht wird; und Antisemitismus wird lediglich als eine Meinung unter vielen behandelt, statt als eine Grenze, die niemals überschritten werden darf…

Ja, all das ist erlaubt. Doch Antisemitismus und Antizionismus zu verurteilen, Israels Existenzrecht zu verteidigen, Behauptungen zurückzuweisen, das Land begehe Völkermord oder provoziere eine Hungersnot, darauf hinzuweisen, wie Hamas-Terroristen Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen, oder die Instrumentalisierung der UNRWA oder der UN durch Islamisten zu hinterfragen – oh, das ist absolut tabu!

Doch ich sage Ihnen eines – und ich bin kein Jude: Antisemitismus in all seinen Formen, auch in den schleichenden, ist das unverkennbare Kennzeichen des Hasses auf die Republik, auf die Freiheit, auf den Rechtsstaat, auf die Gleichheit und auf den Humanismus. Er ist ein Vorbote des Totalitarismus.

Diese neue Linke, die sich im Antisemitismus suhlt, propagiert die Freiheit, genau jene Meinung zu äußern, die sie selbst vertritt. Sie unterscheidet zwischen »guten« und »schlechten« Opfern, anstatt für die Menschlichkeit als Ganzes einzutreten. Sie überhäuft diejenigen mit Beleidigungen und Verleumdungen, die nicht strammstehen für ihre Propaganda, ihre Lügen und ihren Hass.

»Diese neue Linke, die sich im Antisemitismus suhlt, propagiert die Freiheit, genau jene Meinung zu äußern, die sie selbst vertritt.«

Entgegen den Behauptungen, die seit dem 7. Oktober von Vertretern einer nur dem Namen nach linken Strömung aufgestellt werden, habe ich daher niemals Muslime mit Islamismus gleichgesetzt, noch Palästinenser mit der Hamas und ihren Handlangern. Wer mir Rassismus oder Islamophobie vorwirft – Anschuldigungen, die lediglich den Ruf der Beschuldigten ruinieren – oder Faschismus, der ist ein Idiot, ein Schurke oder beides.

Ich gebe es zu: Ich identifiziere mich nicht mit dieser Art von Linkem, die das genaue Gegenteil jener Prinzipien darstellt, auf denen Libé gegründet wurde. Zwar stellen diese Leute innerhalb der Zeitung – und erst recht in der Führungsebene – keineswegs die Mehrheit dar, doch durch Schikanen, wie sie die extreme Linke perfektioniert hat, gelingt es ihnen, die Atmosphäre für mich unerträglich zu machen. Also verabschiede ich mich. Ich hole mir meine Freiheit zurück, denn sie ist mein kostbarstes Gut. Ich habe nicht die Absicht, auch nur das Geringste davon aufzugeben, mich irgendeiner Form von Disziplin zu unterwerfen oder meine Zeit damit zu verschwenden, mich vor Randgruppen in Schauprozessen à la »Moskau an der Seine« zu rechtfertigen. Ich bin aus dem Alter heraus, in dem man vor der Einschüchterung jener einknickt, die nur dann Anstoß nehmen, wenn es ihren eigenen Zielen dient.

(...)

Vergessen Sie nicht: Die Freiheit erkennt man an dem Geräusch, das sie beim Gehen macht.


Jean Quatremer

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