Meinung

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung Foto: picture alliance/dpa

Mehr Euphorie, was den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medienbranche angeht, gibt es nirgendwo sonst. Während sich andere Redaktionen plagen mit der Debatte über Chancen und Risiken von KI, setzt der Verleger Holger Friedrich klar auf Vorwärtsverteidigung. Die »stalinistische Tradition […] der öffentlichen Selbstbezichtigung« beobachtete er, weil der frühere »Tagesspiegel«-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff nach der Nutzung von KI bei zahlreichen Kommentaren seinen Hut als Autor der Zeitung nehmen musste.

Auch die »Jüdische Allgemeine« nahm aus diesem Grund zwei Casdorff-Texte vom Netz. Es sei – anderswo, wohlgemerkt - »wie zu Zeiten der Inquisitionen oder kommunistischer Säuberungsprozesse«, schrieb Friedrich dazu in der »Ostdeutschen Allgemeine«, seinem im Februar gestarteten »ostdeutschen Leitmedium«.

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Die OAZ ist in weiten Teilen eine Kopie der 2019 von Friedrich gekauften »Berliner Zeitung«. In allerlei Hinsicht setzt sie allerdings mehr noch als das Mutterblatt auf Propaganda - für die AfD, das BSW, den Kreml, China und andere auch andere Autokratien und Diktaturen wie Belarus oder Aserbaidschan. Die Interessen ähneln sich ja erheblich.

Die KI-Begeisterung ohne Wenn und Aber verkündete Friedrich am vergangenen Montag in der Redaktionskonferenz. Wer nicht mitmachen wolle, solle halt gehen, erklärte er Teilnehmern zufolge. In einer eben veröffentlichten Richtlinie Version 2.3 der OAZ dazu heißt es, der KI-Einsatz werde als »selbstverständlicher Teil des redaktionellen Werkzeugkastens« gefördert. Eine Einzelkennzeichnung von Texten mit KI-Beteiligung sei »nicht mehr zeitgemäß«.

Dies vorausgeschickt wird nachvollziehbar, dass bei »Ostdeutscher Allgemeine« und »Berliner Zeitung« für Selbstkritik nach möglichen KI-»Fehleinschätzungen« kein Raum ist. Einen besonders krassen Fall sezierte jetzt die »Süddeutsche Zeitung«. Der Nachrichtenchef der Friedrich-Blätter, Harald Neuber, produzierte laut SZ »von dem vielen Irrsinn, der in diesen Tagen produziert wird« vermutlich »den irrsten«. Und zwar, indem er »Juden mal wieder zu den heimlich die Technologie und die Welt regierenden erklärt und ihnen letztlich die Verantwortung gibt für jeden Müll, den Chatbots, Sprachmodelle und andere KI-Programme und andere KI-Programme produzieren«.

Es ging in Neubers Text um die Rede des thüringischen CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Hinter der steckte mutmaßlich ein Chatbot. Neuber – oder war es doch eher die KI? – hatte erklärt, führende KI-Unternehmen dieser Welt hätten in entscheidenden Funktionen »jüdische Gründer, Investoren und Forscher«. Da müsse dann doch, so Neuber, die Frage erlaubt sein, ob es nicht moralisch angemessener sei, wenn Gedenkworte »mit Hilfe von Modellen zu formulieren, die in Unternehmen entstanden sind, die von Nachkommen der Opfer maßgeblich geprägt wurden, als sie ausschließlich von Nachkommen der Täter formulieren zu lassen«.

Man kann diese Wortmeldung zu Voigt und KI »gefährlich absurd« nennen, so wie Stefan Niggemeier in der »Süddeutschen Zeitung«. Man darf sie wohl auch – so viel Meinungsfreiheit muss erlaubt sein – als antisemitisch bezeichnen.

Doch ganz unabhängig von der Diskussion um den Einsatz von KI in Redaktionen muss mit einem Missverständnis aufgeräumt werden. Und zwar dem, dass sich die jüdische Gemeinschaft auch nur in irgendeiner Weise auf Holger Friedrich, den heimlichen Chefredakteur von »Berliner Zeitung«, »Ostdeutscher Allgemeine« und auch der von ihm okkupierten »Weltbühne« verlassen kann. Den Einsatz gegen Antisemitismus mag er behaupten. Im Gegenteil ist es so, dass sich der Ost-Berliner Verleger nur dann für das Schicksal von Juden interessiert, wenn er es für sich und seine agitatorischen Zwecke instrumentalisieren kann.

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In der aktuellen Wochenendausgabe der OAZ gibt es dafür gleich zwei Beispiele. Eine von Friedrich nach Belarus entsandte – und im Minsker Außenministerium wärmstens empfangene - Korrespondentin lobt die dortige Erinnerungskultur an den Holocaust. Im Westen hingegen werde »oft verdrängt«, dass Belarus für das europäische Judentum »die Endstation« gewesen sei, beklagt sie. Es geht hier wohlgemerkt um Belarus, die letzte Diktatur in Europa. Aber an der soll in der »Ostdeutschen Allgemeine« natürlich nicht gerüttelt werden.

Zweites Beispiel aus der neuen OAZ ist das Interview mit dem Direktor des »Internationalen Multikulturellen Zentrums« in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan. Die »Berliner Zeitung« machte schon in den vergangenen Jahren immer wieder Werbung für das autoritäre Regime. Nun darf Ravan Hasanov im Gespräch mit Thomas Fasbender – der früher übrigens für den russischen Propagandakanal RT und die Junge Freiheit gearbeitet hat – die Legende pflegen, dass es im muslimisch geprägten Aserbaidschan keine Probleme mit Antisemitismus gibt. Es gebe eine »strategische Partnerschaft« mit Israel, sagt Hasanov. Richtig ist tatsächlich, dass Israel in den 2010er Jahren an der Modernisierung der aserbaidschanischen Armee mitwirkte und so einen Beitrag leistete zu Bakus Sieg im Kampf um Bergkarabach.

Noch deutlicher werden die instrumentellen Interessen Holger Friedrichs, wenn es um Russland geht. Mit fast größenwahnsinnigem Anspruch schlüpft der Verleger in die Rolle des Chefdiplomaten, wenn er, was regelmäßig geschieht, nach Moskau oder wie zuletzt zu Wladimir Putins Wirtschaftsforum nach St. Petersburg fliegt. Und sich als Schlichter aufspielt. Er wolle »Frieden und Wohlstand für ganz Europa« erreichen, behauptet er.

Häufig gehören zu seinem Russland-Programm Begegnungen auch mit der jüdischen Community. Genau genommen: mit ausgewählten Vertretern dieser Community, etwa dem russischen Oberrabbiner Berel Lazar. Der wird wegen seiner engen Verbindungen zum russischen Präsidenten in der »Times of Israel« als »Putins Rabbiner« bezeichnet.

Als Resultat solcher Gespräche spricht Holger Friedrich im Zusammenhang mit eingefrorenen Konten nach dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine von »barbarischen Angriffen der deutschen Behörden auf russisches Eigentum«. Er sieht sich erinnert an den »Diebstahl jüdischen Eigentums vor und während des zweiten Weltkriegs«.

Damals seien Juden aus dem Osten Europas aus explizit rassistischen Motiven entrechtet, enteignet und später systematisch ermordet worden, gibt er zu. Heute treffe es Juden »zufällig« – als Konsequenz aus einer, wie er es nennt, verbreiteten »Russophobie«. Die Rüstungsindustrie wolle Reichtum schöpfen, gemeinsam mit ihren Lobbyisten in der Politik beuge sie das Recht und »nimmt den Raub jüdischen Eigentums zur Finanzierung eigener deutscher Pläne in Kauf«. So steht es in einer »Analyse« von Holger Friedrich, die im Dezember 2025 in der »Berliner Zeitung« unter der Überschrift »Wenn russisches Vermögen enteignet wird, werden Juden beraubt« erschien.

Es ist – wie so oft bei Holger Friedrich – ein hanebüchener Vergleich. Vermutlich stammt er auch tatsächlich aus seiner Feder, denn anders als viele Führungskräfte in seinen Redaktionen hält er sich beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz zurück. Obwohl sie doch ein »wunderbares Mittel für Propagandisten« ist, wie die FAZ kommentiert. Nun kann man sich über Friedrichs Text zu den Sanktionen gar nicht bei den »jüdischen Gründern, Investoren und Forschern« der führenden KI-Unternehmen beschweren. Man müsste es bei Friedrich selbst tun. Doch erfahrungsgemäß perlt jede Kritik an ihm ab.

Der Autor ist Journalist und Buchautor.

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