Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Holger Friedrich, Verleger der »Berliner Zeitung« Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Er ist eines der Wahrzeichen von Oslo: Der kleine Trotzkopf. Seit 1928 steht die etwa 83 Zentimeter hohe und 45 Kilogramm schwere Bronzeskulptur eines glatzköpfigen und kleinen Jungen, der wütend mit seinem rechten Füßen aufstampft in einem Park in Norwegens Hauptstadt.

Optisch nicht ganz unähnlich, dafür aber deutlich größer und schwergewichtiger ist dagegen ein ganz anderer, der sich gerne und seriell das Label »trotzig« an die Brust heftet, und zwar Holger Friedrich, seines Zeichens Verleger der »Berliner Zeitung«. 

So erzählt Friedrich in der ersten Folge seiner neuen Gesprächsreihe »Perspektivwechsel«, in der es neben Themen wie Meinungsfreiheit und Medien wenig überraschend vor allem um Ostdeutschland geht, seinem Gast Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung »der Freitag«, dass ganz »Westdeutschland durchgedreht« sei, weil er als »Ossi« es gewagt habe, mit der Übernahme des Berliner Verlagsgeschäfts einen »eigenen Anspruch« zu formulieren, woraufhin man ihm gegenüber aufgetreten sei, als ob er »ein Kind geschändet« habe.

Das hätte bei ihm den »Trotz« geweckt, es allen erst recht zu zeigen, was er so drauf hat. »Dann bin ich jetzt der Ossi, ihr wollt es so.« Und dabei sei der Verleger der »Berliner Zeitung« auch noch – so behauptet er es jedenfalls – schwerst erfolgreich.

Dass der ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi, der als IT-Unternehmer genau die Millionen verdiente, die ihm nun sein publizistisches Sendungsbewusstsein ermöglichen, im Gespräch mit Augstein jemanden wie Egon Krenz, ehemals Staatsratsvorsitzender der DDR und 1993 wegen »Totschlags und Mitverantwortung für das Grenzregime« rechtskräftig verurteilt, abfeiert, weil dieser im Herbst 1989 nicht auf Demonstranten schießen ließ, passt da gut ins Bild des unangepassten Verlegers. Sollte er mal eine Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhalten, so Friedrich weiter, würde er darauf bestehen, Egon Krenz als Begleitung ins Schloss Bellevue mitzubringen.

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In solchen Momenten ist Friedrich ganz er selbst. Auf der einen Seite ständig die Opferrolle beschwören und vom Monopol der Westmedien schwadronieren, die ihn angeblich fertig machen wollen, gleichzeitig aber reichlich Hybris an den Tag legen, je nachdem, wie die Situation es gerade erfordert. Man habe »harte wirtschaftliche Nachteile«. Auch »unsere Kinder zahlen einen hohen Preis« beklagt er, nur um einige Momente später zu behaupten, man sei als »Berliner Zeitung« an den »meinungsführenden Strukturen vorbeigezogen« und würde nun am westdeutschen Meinungsmonopol rütteln.

Also was denn jetzt nun?

Er wünsche sich sowieso nichts sehnlicher herbei als einen »Frieden zwischen Ost- und Westdeutschland«, so Friedrich weiter. Wie dieser auszusehen habe, davon hat er ebenfalls ziemlich klare Vorstellungen. So solle der Westen endlich anerkennen, dass es der Osten verdammt schwer hatte und weiterhin hat. Erst musste man Reparationen an die Sowjetunion leisten, dann verschwand das Privateigentum. Schließlich hätte die Wende die DDR-Bürger überrollt, weshalb alles »neu gemixt« wurde und »die Jewish Claims Conference hatte dann auch noch ein paar offene Rechnungen, die durchgemanagt wurden«.

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Wow, da ist sie wieder, die Obsession mit den Juden, die bei Friedrich natürlich nicht als solche auftauchen, sondern stellvertretend durch eine mächtige Organisation, die dann auch noch die armen Ostdeutschen mit abgezockt haben soll mit ihren »offenen Rechnungen«.

Die Tatsache, dass er Reparationszahlungen und die Privatisierung der ehemaligen DDR-Wirtschaft in einem Atemzug mit den Entschädigungsansprüchen ihres Eigentums durch die Nazis beraubter Juden nennt, zeugt von einer Wahrnehmung der Ostdeutschen als Opfer, in der historische Kontexte gezielt ausgeblendet oder umgedeutet werden - und zwar in einer Art und Weise, wie man es vor allem bei Rechts- und manchmal auch Linksaußen beobachten kann.

Aber mit den politischen Rändern hat der Verleger der »Berliner Zeitung« ohnehin wenig Probleme – schließlich besteht sein Verständnis vom Erweitern der Meinungskorridore, die angeblich stetig enger werden, darin, sein Blatt dafür zu nutzen, genau diese hoffähiger zu machen. Sein Hochjazzen eines Mitverantwortlichen der Toten an der Berliner Mauer wie Egon Krenz zum fast schon »Gerechten unter den Völkern« ist deshalb kein Zufall, Realsatire oder ein skurriles Hobby, sondern durchaus gewollt, gehört quasi zum Geschäftsmodell.

Auch sind Überschriften in der »Berliner Zeitung« wie: »Jetzt fluten Käfigeier aus der Ukraine die EU – und bleiben unerkannt« nicht einfach nur Stilblüten, sondern ebenfalls Teil einer inhaltlichen Ausrichtung, und zwar die Ukraine möglichst negativ darzustellen, gleichzeitig aber Russland und seinen Herrscher in ein positiveres Licht zu rücken. Denn für Putin und andere Autokraten schlägt Friedrichs Herz. Dazu passt auch sein neues Baby, das ostdeutsche Regionalzeitungsprojekt Halle. Mit Florian Warweg hat man sich dort jemanden an Bord geholt, der jahrelang Mitarbeiter des russischen Informationskriegsinstruments »RT« sowie des Querfrontschwurbler-Portals »NachDenkSeiten« war – genau das ist das System Holger Friedrich.

Aber noch mehr. So wird Friedrich gegenüber Augstein nicht müde zu betonen, wie »notorisch neugierig und angstfrei« er doch sei, auch gegenüber der AfD und ihren Politikern wie Tino Chrupalla, einem ihrer Vorsitzenden, der ebenfalls ein »erfolgreicher Unternehmer« aus Ostdeutschland sei – also jemand wie Friedrich selbst.

Gleichzeitig watscht Friedrich alle Initiativen gegen Rechtsextremismus ab. Es würde ein »Problem generiert«, um »öffentliche Gelder absaugen«, um gegen die »bald entstehenden neuen Konzentrationslager anzugehen, die von der AfD organisiert werden sollen«. Die NGOs betrieben ein »schäbiges Geschäftsmodell«.

Die Feinde der Demokratie so zu verharmlosen und ahistorisch von Konzentrationslagern zu sprechen, ist nicht nur fahrlässig. Im Fall des »Berliner Zeitung«-Verlegers kann man so etwas als hochproblematisch bezeichnen. Aber vielleicht ist es genau das, was der Name der Gesprächsreihe andeuten soll: ein »Perspektivwechsel« – ganz nach dem Motto: Ich bastele mir mein eigenes Narrativ, und zwar aus purem »Trotz« und weil ich es mir leisten kann.

Zwar stampft Friedrich dabei nicht mit dem rechten Fuß auf, wie die Bronzeskulptur in Oslo. Dafür aber kann man bewundern, wie er im Talk mit Augstein beim Reden manchmal ein wenig das Fäustchen gestikulierend erhebt. Trotzig halt.

Der Autor ist promovierter Historiker und freier Redakteur der Jüdischen Allgemeinen.

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