Glosse

Der Rest der Welt

Reiten um den brennenden »Böögg« auf dem Sechsäleutenplatz in Zürich aufgenommen am 28. April 2025. Je schneller der »Böögg« explodiert, desto heißer wird nach traditioneller Wetterlehre der Sommer Foto: picture alliance/KEYSTONE

Zürich im Frühling – eine Postkarte. Der glitzernde See, die blühenden Bäume rund um die Quaianlagen und je nach Wetterlage sogar noch die Schneeberge im Hintergrund. Nun stelle man sich vor, durch diese Prospektlandschaft spazieren Kamele. Keine künstliche Intelligenz, keine Fotomontage, kein Witz. Die eleganten Tiere werden von Männern in historischer Kleidung geführt, sie sind Teil des traditionellen Sechseläutens: jener Umzug, der von der Limmatstadt nicht wegzudenken ist.

Er ist Fixpunkt in der städtischen Agenda. Die Kinder haben schulfrei, die Geschäfte sind geschlossen. Egal, ob bei Sonnenschein oder Regen, das begeisterte Publikum säumt die gesperrten Einkaufsmeilen, um der Parade mit politischen Ehrengästen wie Bundesräte, Spalier zu stehen.
Neben den Kamelen haben auch die allerschönsten Pferde ihren großen Auftritt an dem Tag, sie reiten zum Abschluss des Umzugs gar um einen brennenden »Böögg«, ein Schneemann, der angezündet wird, um den Winter zu vertreiben.

Der »Sächsilüüte« ist der größte und bekannteste Zunftanlass der Schweiz und findet immer im April statt. Bis zum heutigen Tag zollt Zürich den Gilden Tribut, denn wer nach wie vor zu einer einflussreichen Zürcher Familie gehört, ist Teil einer Zunft. So modern und international geprägt sich Zürich in allen Lebensbereichen gibt, der Sechseläuten ist ein männlich dominiertes Zeremoniell – einige Modernisierungen ausgenommen: Es gibt eine Frauenzunft und zwei weitere lassen Frauen in der Aufnahme zu.

Wen man bis dato in Zünften vergebens sucht, sind jüdische Mitglieder. Das hat seinen historischen Grund. Den Juden war es stets verboten, einer Zunft beizutreten, man bannte sie aus dem Handwerk – und brauchte sie stattdessen als Geldverleiher. Bis man die Kredite nicht mehr zurückzahlen konnte. Die Folge waren Pogrome und Vertreibung.
Mit seiner jüdischen Geschichte setzt sich die Stadt Zürich mittlerweile langsam auseinander, genauso werden laute Debatten darüber geführt, ob ein Haus »Zum Mohrenkopf« oder »zum Mohrentanz« heißen darf. Ende vergangenen Jahres wurden die rassistisch kritisierten Hausinschriften von der Stadt schließlich abgedeckt.

Aber die Diskussion, ob die Zünfte auch jüdischen Bürgerinnen und Bürgern die Tür öffnen sollen, sucht man vergebens. Jüdinnen und Juden gehören zwar zum modernen Stadtbild, der Eruv ist errichtet und der Dialog wird großgeschrieben. Aber beim Sechseläuten heißt es Tradition vor Moderne. Während sich das Sechseläuten zu einem großen Volksfest für die ganze Bevölkerung entwickelt hat – man hört alle Sprachen unter den Zuschauern und sieht auch die eine oder andere Kippa im Publikum, zelebrieren die Zünfte ihre Exklusivität nach wie vor.

Ist die Erwartung übertrieben, dass eine Stadt, die sich sonst mit bewundernswerter Akribie um sprachliche Feinheiten und moralische Korrektheit bemüht, etwas mehr Sensibilität beweist, insbesondere nach dem Blackfacing-Skandal beim Sechseläuten vor wenigen Jahren? Man feiert sich selbst, die Geschichte gleich mit – und hofft, dass die Gegenwart kurz wegsieht.

Vielleicht ist das ja das eigentliche Wunder dieses Anlasses: Nicht, dass er jedes Jahr stattfindet, sondern dass er jedes Jahr so tut, als wäre nichts gewesen.

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