Universität Gent

»So weit ist es also gekommen«

Screenshot aus dem Video der Uni-Besetzer, in dem diese ihre Forderungen aufstellen Foto: X.com

Rund hundert israelfeindliche Studierende halten seit fünf Tagen ein Fakultätsgebäude an der Universität Gent in Belgien besetzt. Dort haben sie Zelte aufgebaut. Ihre Forderung: der völlige Boykott israelischer Partnereinrichtungen, die sie als »genozidale Institutionen« bezeichnen.

Auf einem in den sozialen Netzwerken verbreiteten Video sind mehrere in Kufiyas gehüllte Menschen zu sehen. Einer von ihnen verliest die Botschaften der Besetzer. »Wir werden nicht aufhören, bis alle unsere Forderungen erfüllt sind«, sagt der vermummte Mann auf Englisch mit einem unverkennbarem flämischen Akzent.

Ruhig liest er von seinem Smartphone ab: »Die erste Forderung: Die UGent muss alle Beziehungen mit Institution des zionistischen Entität abbrechen. Zweitens fordern wir, dass UGent keine neuen Vereinbarungen mehr eingehen darf. Schließlich fordern wir, dass UGent handeln muss, damit die zionistische Entität aus dem Horizon Europe 2028 ausgeschlossen wird.« Die Zukunft des milliardenschweren EU-Forschungsförderprogramms wird aktuell in Brüssel verhandelt; Israel ist seit einigen Jahren an Horizon Europe beteiligt.

Sympathien der Uni-Rektorin

Als sich Petra De Sutter, Rektorin der Genter Hochschule, zum Gespräch mit den Besetzern begibt, wird sie zunächst brüsk abgewiesen. Man werde erst mit ihr sprechen, wenn alle Forderungen der Protestierer erfüllt seien, hieß es. De Sutter, die seit Oktober 2025 als Rektorin amtiert und zuvor Grünen-Politikerin und stellvertretende belgische Premierministerin war, ist selbst Befürworterin strikter Sanktionen gegen Israel.

Und sie betont, dass »die Universität Gent in dieser Hinsicht bereits eine internationale Vorreiterrolle« einnehme, was den Abbruch von Beziehungen zu israelischen Wissenschaftlern anbelange. Die Besetzung des Boerenkot-Gebäudes toleriert die Uni-Chefin - vorgeblich, weil der Universitätsbetrieb teilweise fortgeführt werden kann.

Vor zwei Jahren hatten pro-palästinensische Gruppen schon einmal ein Universitätsgebäude besetzt, um so einen Abbruch der Beziehungen Gents mit israelischen Hochschulen zu erzwingen. Die Aktion dauerte vier Wochen, bis der damalige Genter Rektor schließlich eine Sitzung des »Menschenrechtsausschusses« der Hochschule einberief. Dieser empfahl dann das Ende der Zusammenarbeit mit dem drei israelischen Forschungseinrichtungen, weil diese mit dem israelischen Militär zusammenarbeiteten.

Am 31. Mai 2024 kam die Unileitung der Empfehlung nach. Der teilweise Israel-Boykott der Genter Hochschule, an der mehr als 50.000 Studierende eingeschrieben sind, diente anderen öffentlichen Universitäten in Belgien und Europa als Vorbild. Im vergangenen Jahr kam es jedoch erneut zu einer Besetzung. Neben einem Israel-Boykott wurden von den Demonstranten auch klimapolitische Forderungen aufgestellt.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Im Oktober gab die Unileitung dann bekannt, dass noch zehn Forschungskooperationen mit israelischen Partnern im Gange seien, die die Menschenrechtskommission kritisch sehe. Es handele sich dabei um gemeinsame Projekte im Rahmen von Horizon Europe. Um Schadensersatzklagen zu verhindern, werde man diese Projekte aber auslaufen lassen und könne sie nicht vorzeitig beenden, so die UGent-Führung.

Ehrendoktorwürde für Francesca Albanese

Für die Proteste zeigt De Sutter aber Verständnis. In einer Erklärung sagte die Universität vergangene Woche, man verstehe, dass der Protest »aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus« erfolge. »Wir wollen die problematischen Kooperationen mit israelischen Partnern beenden. Was wir tun, mag langsamer oder weniger sichtbar sein, als manche es gerne hätten, aber es zielt tatsächlich auf echte, nachhaltige Veränderungen ab.«

Doch den antizionistischen Uni-Besetzern scheinen diese Argumente egal zu sein. Es half offenbar auch wenig, dass Gent zusammen mit zwei weiteren flämischen Universitäten Anfang April die umstrittene UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese mit einer Ehrendoktorwürde bedacht hatte.

Scharfe Kritik an der Haltung der Verantwortlichen übte der belgische Verteidigungsminister Theo Francken: »Hamas-Nachahmer an der UGent, so weit ist es also gekommen«, schrieb er auf Facebook. »Verherrlichung des Terrors der Hamas und des Islamischen Dschihad sowie deren Nachahmung, Judenhass und Einschüchterung: Glückwunsch, Petra De Sutter und Co.«

Kirgistan

Hotel verbietet »Juden und Tieren« den Zutritt

Eine erst vor wenigen Wochen eröffnete Unterkunft in der kirgisischen Stadt Osch musste nach Intervention der israelischen Botschaft ein Schild wieder abhängen

 27.04.2026

Nachruf

Dirigent Michael Tilson Thomas mit 81 Jahren gestorben

Als Chefdirigent der San Francisco Symphony wurde er berühmt. Doch er arbeitete mit Orchestern in aller Welt. Nun ist der Musiker mit 81 Jahren gestorben

 24.04.2026

Österreich

Der geneigte Antisemit

In Wien soll das Denkmal des einstigen Bürgermeisters Karl Lueger um 3,5 Grad gekippt werden. Die jüdische Gemeinde sähe die Bronzestatue lieber im Museum. Ein Ortsbesuch

von Tobias Kühn  24.04.2026

Tschernobyl

Damals in Tschernobyl

Im März 1987 arbeitete unser Autor zwei Wochen lang im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl. Eine persönlicher Bericht über die Zeit in der Sperrzone und wie es danach weitergeht

von Vitalii Miasnikov  24.04.2026

Sowjetunion

Der Schatten von Tschernobyl

Auch 40 Jahre nach der Katastrophe beschäftigt das Reaktorunglück die Menschen. Unseren Autor begleitet sie seit der Kindheit. Persönliche Erinnerungen und ein politischer Blick zurück

von Alexander Friedman  24.04.2026

USA

Recht auf Restitution

Ende April sollte der Anspruch auf Rückerlangung von in der Nazizeit gestohlener Kunst auslaufen. Per Gesetz wurde er nun entfristet

von Sophie Albers Ben Chamo  23.04.2026

Vereinte Nationen

Welche Chancen hat Rebeca Grynspan?

Erstmals könnte eine Frau neue UN-Generalsekretärin werden. Mit im Rennen ist Rebeca Grynspan aus Costa Rica. Sollte sie gewählt werden, wäre sie auch die erste jüdische Person im Amt

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026

London

Weitere Festnahmen nach Anschlägen auf jüdische Gemeinde

Binnen weniger Wochen werden mehrere jüdische Einrichtungen in London zum Ziel von Brandanschlägen. Nun meldet die Anti-Terror-Einheit der Polizei erneut Festnahmen

 21.04.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026