Tunesien

Resilientes Pilgern

Religiös und familiär: Pilgern zur La Ghriba Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Die Omer-Zeit bezeichnet die 49 Tage zwischen Pessach und Schawuot, eine Periode der »Halbtrauer«, in der Hochzeiten und Musik untersagt sind. An Lag BaOmer, dem 33. Tag, wird diese Trauer unterbrochen. Dann gedenkt man Rabbi Schimon Bar Jochai, dem die Kabbala das Buch Sohar zuschreibt und der seine Schüler anwies, seinen Tod nicht zu beweinen, sondern zu feiern.

Auf der tunesischen Insel Djerba ist dieses Fest mit einer ganz konkreten Praxis verbunden, die sich über lange Zeit erhalten hat und bis heute den Rahmen der jährlichen Pilgerfahrt bildet. Im Dorf Erriadh befindet sich die La-Ghriba-Synagoge, die als ältestes erhaltenes jüdisches Gotteshaus Afrikas gilt. Der Überlieferung nach wurde sie von Priestern gegründet, die nach der Zerstörung des Ersten Tempels geflohen waren und einen Stein des Altars mitgebracht hatten. Während der Pilgerfahrt versammelt sich dort heute eine Gemeinschaft, die im Alltag in dieser Form nicht mehr existiert.

Anreise aus Israel, Frankreich oder auch den USA

Die Teilnehmer reisen aus Israel, Frankreich oder auch den USA an. Sie nehmen an Gebeten teil, hören Segenssprüche und beteiligen sich an Ritualen, die an den Ort gebunden sind. Unter anderem werden in der hinteren Grotte, wo der Tempelstein vermutet wird, Eier abgelegt, die mit den Namen von Personen beschriftet sind, für die gebetet wird. Ein zentrales Element war bisher die traditionelle Menara-Prozession, bei der ein kleines, mit bunten Tüchern geschmücktes Gefährt durch das Dorf getragen wurde.

Der Ablauf der Pilgerfahrt hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die Synagoge war wiederholt Ziel von Anschlägen. 1985 wurden während Simchat Tora drei Menschen erschossen, 2002 kamen bei einem Sprengstoffanschlag 21 Menschen ums Leben, und am 9. Mai 2023 erschoss ein Angehöriger der Nationalgarde mehrere Personen vor dem Eingang der Synagoge. Seit dem 7. Oktober 2023 gelten erweiterte Sicherheitsmaßnahmen, die sich auch auf die Pilgerfahrt auswirken. Auch dieses Jahr, in dem sie vom 30. April bis zum 6. Mai stattfindet. Die Teilnahme in- und ausländischer Besucher sei wieder gestattet, berichten internationale Medien, doch manche Einschränkungen bleiben bestehen. Die Menara-Prozession findet nicht statt, und öffentliche Veranstaltungen außerhalb der Synagoge sind stark limitiert. Trotzdem sprechen die Organisatoren von einer schrittweisen Rückkehr zur Normalität. Diese Formulierung steht allerdings eher für eine Anpassung an die neue Situation denn für die Wiederherstellung früherer Abläufe.

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Die Pilgerfahrt ist auch ein Abbild des Status quo der jüdischen Gemeinschaft in Tunesien. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten dort etwa 100.000 Juden, heute sind es noch rund 1500, die überwiegend auf Djerba ansässig sind. Der Besuch auf Djerba dient deshalb auch als Moment des Zusammenkommens von Menschen, die dauerhaft an anderen Orten leben. Seine Funktion liegt nicht nur in der religiösen Praxis, sondern auch in der Aufrechterhaltung sozialer und familiärer Beziehungen.

Aber die Pilgerreise nach La Ghriba hat auch eine politische Dimension. Sie wird von staatlicher Seite als Ausdruck religiöser Toleranz inszeniert und ist zugleich von Einschränkungen geprägt. Israelische Staatsbürger können teilnehmen, jedoch nur im Rahmen organisierter Gruppenreisen – schließlich gibt es zwischen beiden Staaten keine diplomatischen Beziehungen. Tunesiens Präsident Kais Saied bezeichnete eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel wiederholt als inakzeptabel und stellte nach dem Anschlag von 2023 den Schutz der Juden in Tunesien in einen politischen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt.
Denn nach dem 7. Oktober 2023 bezeichnete Kais Saied die Massaker der Hamas als legitimen Widerstand. Im Land selbst stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle. Wie gewaltgeladen die Stimmung ist, zeigt die Zerstörung der Synagoge von al-Hammah im Zentrum des Landes, begangen von einem Mob nach einer Falschmeldung über Ereignisse in Gaza.

Lag BaOmer markiert innerhalb der Omer-Wochen eine Unterbrechung der Trauer, ohne deren Rahmen aufzuheben. Die Pilgerfahrt folgt einer vergleichbaren Struktur. Sie findet unter Einschränkungen statt, bleibt aber als wiederkehrendes Ereignis bestehen. Ihre Durchführung im Jahr 2026 zeigt, dass die Praxis fortgesetzt wird, auch wenn sich ihre Bedingungen verändert haben.

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