Per Pressemitteilung meldete Aimen Horch sich am Samstag zu Wort. Der neue Vorsitzende von »Groen« – Horch war erst Ende März per Mitgliederentscheid zum Chef der flämischen Grünen-Partei gewählt worden – forderte die Absetzung eines für November geplanten Konzerts der Münchner Philharmoniker und ihres Chefdirigenten Lahav Shani in Brüssel.
»Völlig unangemessen«, nannte der Politiker den geplanten Gastauftritt des israelischen Künstlers im Konzerthaus Bozar. Zuvor hatte dessen Leitung angekündigt, dass das Orchester im Herbst in der belgischen Hauptstadt gastieren werde. Auf dem Programm stehen sollen dann unter anderem Dmitri Schostakowitschs erstes Violinkonzert und Modest Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«. Als Solistin ist die Niederländerin Janine Jansen vorgesehen.
Lahav Shani sei der »kulturelle Botschafter eines Regimes, das Völkermord begeht und illegale Kriege führt, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden«, wetterte der 1996 im algerischen Oran geborene Horch, der als Flüchtling nach Belgien kam. Wie beim Eurovision Song Contest (ESC) sei es auch in diesem Fall »Zeit für einen eindeutigen Kulturboykott« gegen Israel, so der Grünen-Chef.

Bereits im vergangenen Jahr wurde Shani in Belgien boykottiert. Auf Druck aus der Politik strich das Flandern-Festival Gent kurzerhand ein Konzert der Münchner Philharmoniker vom Spielplan. Es gebe keine Klarheit über Shanis »Haltung gegenüber dem genozidalen Regime in Tel Aviv«, hieß es damals.
Gegen die Streichung regte sich nicht nur in Deutschland Protest und große Empörung. Belgiens Premierminister Bart De Wever nannte die Entscheidung der Festival-Verantwortlichen falsch und besuchte demonstrativ ein Konzert des Münchner Orchesters in Essen, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Belgien, Martin Kotthaus.
Die Forderungen nach einem Boykott gegen israelische Künstler sind im Königreich der Belgier dennoch nicht verstummt, wie der jüngste Aufruf Horchs nun beweist. Der Groen-Chef verlangte in seiner Medienmitteilung auch den Ausschluss Israels aus dem ESC. Und das Argument, dass Shani und die Münchner Philharmoniker nicht als Vertreter Israels nach Brüssel kommen würden, wies er auch gleich zurück.
Grünen-Chef will mit Boykott »klare Grenze ziehen«
»Als Chefdirigent des Israelischen Philharmonischen Orchesters (IPO) ist er eng mit der israelischen Regierung und der Armee verbunden. Soldaten spielten im Orchester mit, andere erhielten Freikarten«, so Horch. Shani selbst habe das IPO als »Botschafter Israels« bezeichnet. Man müsse in diesem Fall ein Exempel statuieren und »eine klare Grenze ziehen«.
Dann recycelte er das bereits im vergangenen Jahr in Gent verwendete Argument, Kunst und Kultur seien dazu da, Menschen zusammenzubringen und Empathie zwischen ihnen zu fördern. Es sei ironisch, erklärte der Politiker, dass Bozar »einem Dirigenten eine Bühne bietet, der einen Staat vertritt, der Palästinenser und auch Libanesen entmenschlicht«.
Ob hinter Horchs Aufruf mehr steckt als nur der Versuch, sich medial ins Gespräch zu bringen, ist noch unklar. Bereits zu Studienzeiten erwarb Aimen Horch sich Expertise für Verhinderung: An der Katholischen Universität Löwen erwarb er 2020 einen Master in Umwelt- und Präventionsmanagement. Später arbeitete der Jungpolitiker als Risiko- und Präventionsberater für die Stadt Brüssel.
Das Brüsseler Konzerthaus will an der Buchung von Lahav und den Münchner Philharmonikern festhalten. Dort betonte man, dass die Künstler »nirgendwo sonst boykottiert« würden. Shani werde auch nicht als Vertreter Israels eingeladen. »Ein Orchester kommt unweigerlich mit einem Dirigenten, und das ist in diesem Fall nun einmal ihr Chefdirigent, Lahav Shani«, sagte Bozar-Chef Christophe Slagmuylder der Tageszeitung »De Standaard«.
»Solange Shani nichts Proisraelisches tut oder sagt...«
Der Geschäftsführer ist sich der politischen Sprengkraft der Einladung dennoch bewusst. Er kommuniziere deswegen »in aller Transparenz« über den geplanten Auftritt der Münchner Philharmoniker in Brüssel, denn er wolle verhindern, »dass ein einziges Konzert den Rest unseres Programms überschattet«. Rund 250 Konzerte sind in der Spielzeit 2026/27 im Bozar geplant.

Man sei schon seit einem Jahr im Gespräch mit dem deutschen Orchester und seinem neuen Chefdirigenten und »nach vielen Diskussionen zu dem Schluss gekommen, dass wir keinen Grund sehen, sie nicht einzuladen«. Das gelte zumindest solange, wie Shani »nichts Proisraelisches sagt oder tut«, fügte der Bozar-Direktor im Interview mit »De Standaard« hinzu. Denn von der Entscheidung des Flandern-Festivals in Gent distanzieren wollte sich Slagmuylders ausdrücklich nicht.
Inge Hermans von der Gewerkschaft ACOD Cultuur will dagegen den Boykott Shanis durchsetzen - und spricht damit wohl auch für einige Mitarbeiter des Bozar. Dem Sender VRT sagte Hermans: »Wir sind der Meinung, dass wir es absolut nicht akzeptieren können, Menschen ins Programm zu nehmen, die sich nicht ausdrücklich gegen die Dramen aussprechen, die sich im Nahen Osten abspielen.« Es sei »sehr schade«, dass Shani sich nicht öffentlich von der israelischen Regierungspolitik distanzieren wolle, so Hermans.
Es dürfte nicht die letzte Kontroverse dieser Art in Belgien sein. Im Königreich ist die Stimmung im Hinblick auf Israel weiter sehr aufgeheizt.