Belu-Simion Fainaru

»Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache«

Der Bildhauer und Installationskünstler Belu-Simion Fainaru bespielt den israelischen Pavillon bei der Berlinale von Venedig. Foto: Florin Stefan

Belu-Simion Fainaru

»Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache«

Der israelische Bildhauer über den Rücktritt der Jury und die Politisierung der Kunstbiennale von Venedig

von Ayala Goldmann  04.05.2026 15:31 Uhr

Herr Fainaru, kurz vor der offiziellen Eröffnung der Kunstbiennale von Venedig am 9. Mai hat die internationale Jury ihren Rücktritt erklärt. Was war Ihr Gefühl, als Sie davon erfahren haben?
Ich habe mich gefreut. Denn dass ich laut der Entscheidung der Jury nicht am Wettbewerb teilnehmen sollte, weil ich ein jüdischer Künstler aus Israel bin, empfand ich als diskriminierend und auch als rassistisch. Ich kenne die Erfahrung der Diskriminierung und des Antisemitismus aus Rumänien, wo ich geboren bin. Jetzt bin ich froh, dass ich in Venedig genauso behandelt werden soll wie alle anderen Künstler.

Sie bespielen den israelischen Pavillon mit einer Installation, die sich auf Gedichte von Paul Celan bezieht. Die Jury wollte Russland und Israel ursprünglich vom Wettbewerb ausschließen mit der Begründung, dass  Staats- oder Regierungschefs beider Länder vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) mit Vorwürfen von Kriegsverbrechen konfrontiert sind. Geht es bei der Biennale überhaupt noch um Kunst?
Ich jedenfalls bin als Künstler nach Venedig gekommen, und nicht, um meine politische Haltung oder diejenige meines Landes zu vertreten oder um mich zu Vorwürfen gegen einen Regierungschef zu äußern. Das würde ich sehr gerne den Politikern überlassen. Ich nehme an einer internationalen Kunstausstellung teil, nicht an irgendeiner Konferenz der Vereinten Nationen. Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache. Wenn aber der künstlerische Maßstab durch den politischen Maßstab ersetzt wird, schließt man die Tür zum Dialog auf einer Kunstbiennale wie der von Venedig, wo Künstler aus allen Ländern miteinander ins Gespräch kommen sollten, und das kann ich nicht akzeptieren. Es wäre ein Ende der Bedeutung der Kunst als freie Bühne.

»Vielleicht ist es an der Zeit, dass Künstler nicht mehr als Vertreter ihrer Länder angesehen werden sollten.«

Der politische Streit um die Biennale von Venedig dreht sich auch um die Diskussion um die Wiederzulassung Russlands. Aber der Iran und Katar nehmen ebenfalls an der Ausstellung teil …
Ein iranischer Künstler unterstützt nicht automatisch die Politik seiner Regierung. Wenn man anfängt, Künstler aus politischen Gründen auszuschließen, kann sich eine solche Entscheidung irgendwann auch gegen homosexuelle Künstler richten. Oder gegen jüdische Künstler, wie bei der vergangenen documenta, auch wenn man das dort nicht offen ausgesprochen hat. Deshalb müssen wir so entschieden auf der Kunst- und Meinungsfreiheit beharren.

Wie sinnvoll erscheint das Konzept der Biennale mit den Pavillons einzelner Länder heute noch?
Vielleicht ist es an der Zeit, dass Künstler nicht mehr als Vertreter ihrer Länder angesehen werden sollten. Das war die Auffassung im 19. Jahrhundert, als auf den großen Ausstellungen Länder repräsentiert wurden, in der Zeit, als auch die Biennale von Venedig entstand. In der globalen Auffassung von heute scheint dies weniger bedeutsam, sondern eher, Kulturen aus verschiedenen Ländern auszustellen, wie etwa die afghanische oder die israelische Kultur ...

... und die russische Kultur?
... auch die russische Kultur, aber nicht in dem Sinn, dass der Künstler einen Staat vertritt. Denn das klingt nicht gut und passt eher zur Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus, wie damals, als ich ein Kind in Rumänien war. In solchen Systemen sollte Kunst ein Regime repräsentieren. Heute hat das keine Relevanz mehr. Aber natürlich gibt es in dieser Hinsicht auch Fragen hinsichtlich des Pavillon des Iran und des Pavillons von Katar bei der Kunstbiennale von Venedig.

Mit dem israelischen Künstler und Bildhauer, der den Pavillon der Kunstbiennale von Venedig bespielt, sprach Ayala Goldmann.

TV-Kritik

»Nie allein«: Arte-Drama über Finnlands Kooperation mit Nazi-Deutschland

1942 lieferte Finnland eine Gruppe von Juden an die Nationalsozialisten aus, fast alle wurden kurz darauf ermordet. Eine internationale Koproduktion erzählt ihre Geschichte - und die von Abraham Stiller

von Katharina Zeckau  04.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  04.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  04.05.2026

Berlin

25 Jahre Jüdisches Museum: Jubiläumsjahr mit Ausstellungen, Konzerten und digitalen Projekten

Zum Museumsgeburtstag wird ein umfangreiches Programm aus Ausstellungen und digitalen Initiativen angekündigt

 04.05.2026

Kontroverse

Lahav Shani, Belgien und der Boykott

Die Münchner Philharmoniker und ihr israelischer Chefdirigent sollen im November im Brüsseler Konzerthaus Bozar auftreten - die flämischen Grünen gehen dagegen auf die Barrikaden

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Venedig/Rom

Nach Rücktritt von Jury: Biennale-Chef unter Druck

Die Ausstellung in der Lagunenstadt kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Jetzt nimmt die rechte Regierung in Rom den von ihr ernannten Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco ins Visier

 04.05.2026

Eurovision Song Contest

Erste Probe von Israels ESC-Delegation in Wien erfolgt

Wegen Boykottaufrufen, angekündigten Demos und dem grassierenden Judenhass: Umfassendere Sicherheitsmaßnahmen für den Sänger Noam Bettan und sein Team greifen bereits

 04.05.2026

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 03.05.2026