Interview

»Klimaanlagen sind Pflicht«

Keren Agay-Shay Foto: Rami Zarnegar

Interview

»Klimaanlagen sind Pflicht«

Keren Agay-Shay erklärt, warum extrem heiße Sommer mehr sind als ein Wetterphänomen – und welche Maßnahmen Leben retten können

von Sabine Brandes  02.07.2026 11:35 Uhr

Frau Agay-Shay, was sind nach israelischer Erfahrung die größten Gesundheitsrisiken bei anhaltend extremer Hitze?
Ein Hitzschlag ist am gefährlichsten. Die weitaus größere Belastung entsteht jedoch durch die Verschlimmerung bestehender Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und Nierenerkrankungen. Extreme Temperaturen erhöhen auch das Risiko für Schlaganfälle, Herzrhythmusstörungen, Dehydrierung und psychische Krisen. Auch warme Nächte und hohe Luftfeuchtigkeit sind sehr schädlich, da sie Abkühlung und damit Erholung verhindern. Damit steigt das Risiko rapide.

Welche Bevölkerungsgruppen sind am anfälligsten?
Ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere und Menschen mit chronischen Herz-, Nierenerkrankungen und Diabetes. Viele der Medikamente beeinflussen die Temperaturregulierung und den Flüssigkeitshaushalt des Körpers. Menschen, die im Freien arbeiten, und Sportler sind einem hohen Risiko ausgesetzt. Aber auch soziale Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Menschen ohne Klimaanlage, Alleinlebende, Haushalte mit niedrigem Einkommen und weniger mobile Personen haben oft weniger Möglichkeiten, sich zu schützen.

Wie wirken wiederholt hohe Temperaturen langfristig auf den Körper?
Der kann sich bis zu einem gewissen Grad anpassen. Nach ein bis zwei Wochen wiederholter Hitze schwitzen Menschen früher und effizienter, die Belastung für Herz und Kreislauf nimmt ab. Die erste Hitzewelle der Saison ist oft die gefährlichste. Doch die Anpassung hat Grenzen.

Welche Schutzmaßnahmen haben sich als besonders wirksam erwiesen?
Israel betrachtet Hitze als wiederkehrende Herausforderung für die öffentliche Gesundheit, nicht als Ausnahmefall. Wetterwarnungen führen automatisch zu Reaktionen von Gesundheitsministerium und Rettungsdiensten. Die Empfehlungen sind einfach und einheitlich: Trinken Sie, bevor Sie Durst verspüren, vermeiden Sie anstrengende Aktivitäten, halten Sie sich an kühlen oder schattigen Orten auf, schließen Sie tagsüber Jalousien und Rollläden, lassen Sie Kinder niemals in Fahrzeugen zurück und schauen Sie regelmäßig nach älteren und kranken Personen.

Was können andere Länder im Umgang mit Hitze von Israel lernen?
Klimaanlagen gehören zu den wirksamsten Maßnahmen, sie sind Pflicht. Ohne geht es nicht. Aber auch die Stadtplanung spielt eine wichtige Rolle: Mehr Bäume, reflektierende Baumaterialien und Kühlzentren, kostenfreier Zugang zu Trinkwasser sowie die Anpassung von Arbeits-, Schul- und Veranstaltungszeiten helfen ebenfalls. Es braucht Hitzeschutzpläne mit klaren Warnsystemen und festen Zuständigkeiten. Entscheidend ist, permanente Strukturen zu etablieren, statt jeden Sommer neu zu improvisieren.

Mit der Leiterin des Labors für Gesundheits- und Umweltforschung der medizinischen Fakultät der Bar-Ilan-Universität sprach Sabine Brandes.

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