Es ist kunterbunt an diesem Abend. Das Teddy-Stadion in Jerusalem strahlt in unzähligen Farben. Auf vielen Wangen kleben Davidsterne, manche mit Glitzer verziert, auf anderen sind die Nationalfarben ihrer Heimatländer gemalt. Bunte Trainingsjacken, Fahnen, Schals und selbstgemalte Schilder bestimmen das Bild. Überall strahlende Gesichter. Sportlerinnen und Sportler liegen sich in den Armen, winken auf die Tribünen, machen Selfies und tanzen zur Musik. Familien jubeln, Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Eltern und versuchen, einen Blick auf die Parade zu erhaschen. Die 22. Makkabiade hat begonnen.
Dabei war lange nicht klar, ob sie überhaupt stattfinden würde. Wegen des Krieges gegen den Iran war sie von 2025 auf das nächste Jahr verschoben worden. Noch bis vor wenigen Wochen stand nicht fest, ob die Delegationen aus aller Welt tatsächlich ihre Reise nach Israel antreten können. Die Australier hätten bis vor fünf Tagen nicht gewusst, ob sie dabei sein werden, sagt Moderator Assi Azar.
Sie feiern jüdische Lebensfreude pur
Doch jetzt sind sie da. Und mit ihnen jüdische Lebensfreude pur. Rund 8.000 jüdische Athletinnen und Athleten aus 45 Ländern feiern bei der Eröffnung am Mittwochabend nicht nur den Beginn der Wettkämpfe. Sie feiern sich selbst – und das Gefühl, Teil einer weltweiten jüdischen Gemeinschaft zu sein. Die Spiele, die bis zum 13. Juli in 45 Sportarten ausgetragen werden, stehen dieses Mal unter dem Motto »Mehr denn je«.
Seit ihrer Premiere 1932 – noch vor der Gründung des Staates Israel – bringt die Makkabiade jüdische Sportler aus aller Welt zusammen. In diesem Jahr ist sie für viele mehr als ein Sportfest: Sie ist klares Zeichen, dass jüdisches Leben trotz Krieg, wachsendem Antisemitismus und Unsicherheit in aller Welt weitergeht. »Am Israel Chai«, hört man an diesem Abend überall.
»Wir haben die ganze Familie mit dabei«, sagt Andrea Gartner und strahlt über das ganze Gesicht. Sie gehört mit ihrem Mann und den beiden Kindern zu der rund 600-köpfigen Delegation aus Brasilien. »Wir sind einfach nur glücklich, dabei sein zu können. Seit über einem Jahr haben wir über kaum etwas anderes gesprochen und gebetet, dass die Makkabiade stattfindet.« In ihrem dunkelgrünen Outfit hüpft sie auf und ab und klatscht in die Hände. »Und nun sind wir wirklich hier.«
Teilnehmerin Jamie Cohen: »Jetzt zusammen mit Tausenden von Juden aus aller Welt in Israel zu sein, ist das Schönste, was ich je erlebt habe.«
Jamie Cohen aus den USA ringt dagegen mit den Tränen. Mehrmals setzt sie an, bevor sie weitersprechen kann. »Ich habe schon nicht mehr daran gedacht, herzukommen. Die ganzen Kriege, all die Angst«, gibt sie zu. Doch ihr Mann habe sie überzeugt, mitzukommen. »Und das ist gut so. Denn jetzt zusammen mit Tausenden von Juden aus aller Welt in Israel zu sein, ist das Schönste, was ich je erlebt habe.«
Zum Auftakt marschieren die Delegationen nacheinander mit ihren Nationalflaggen ins Stadion ein. Mit 903 Teilnehmerinnen und Teilnehmern stellen die USA das größte Team. Auch aus Mexiko, Argentinien, Brasilien und Frankreich sind große Teams angereist.
Ein Einzug erregt besondere Aufmerksamkeit. Als Makkabi Deutschland ins Stadion einläuft, flattern Hunderte schwarz-rot-goldene Flaggen. Vorweg geht voller Stolz Golfer Leo Friedman und trägt die deutsche Flagge bei seiner neunten Makkabiade. Auf Kommando entfaltet sich plötzlich eine riesige israelische Flagge inmitten der Gruppe. Die Botschaft kommt rüber: Deutsche und israelische Identität Seite an Seite.
»Der Einzug unserer Delegation war ein Moment, den viele von uns nie vergessen werden«, sagt Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, anschließend. »Gerade in der heutigen Zeit ist die Makkabiade ein sichtbares Zeichen der Solidarität, der Hoffnung und Stärke der weltweiten jüdischen Gemeinschaft.«
Die Show tritt bei den ganzen Emotionen in den Hintergrund
Die Show, moderiert von Azar und der US-amerikanischen Sängerin und Influenzerin Montana Tucker ist musikalisch bunt gemischt. Idan Raichel, Eden Golan, Netta Barzilai, Yuval Raphael und Itay Levy treten auf und bringen Publikum und Delegationen zum Tanzen. Doch fast tritt sie etwas in den Hintergrund. Denn das, was zwischen den Delegationen geschieht, ist das Hauptgeschehen: Menschen aus allen möglichen Ländern nehmen sich in den Arm, lachen sich an, High Five. Teenager aus Mexiko, den USA, Argentinien, Uruguay, Südafrika, Deutschland und Frankreich tauschen Trikots – Gelb gegen Grün, Blau gegen Weiß…
Einen besonders bewegenden Moment erlebt das Stadion, als die ehemalige Geisel Edan Alexander die Bühne betritt. Der israelisch-amerikanische IDF-Soldat erinnert an seine Entführung und die Monate in Gefangenschaft. »Doch in den schwersten Momenten, in der tiefsten Stille, hörte ich euch. Menschen, die mich gar nicht kannten, aber um mich kämpften, als wäre ich ihr Kind.« Das habe ihn gerettet.
Auch der Fackellauf erzählt Geschichten von Mut und Widerstandskraft: Einer von den Trägern ist Evyatar Zeituni, der am 7. Oktober schwer verwundet wurde und heute Teil einer paralympischen Radsportgruppe aus verwundeten Kriegsveteranen ist. Die Makkabi-Flamme wird schließlich an die Judoka Inbar Lanir und den paralympischen Taekwondo-Champion Asaf Yasur weitergegeben, die sie hoch oben unter der Stadiondecke gemeinsam entzünden.
In einer Loge sind sitzt Präsident Isaac Herzog mit First Lady Michal Herzog. Der Präsident wendet sich auf Hebräisch und Englisch an die Anwesenden: »Diese Sportfeier ist Ausdruck jüdischer Stärke und sendet eine unmissverständliche Botschaft gemeinsamer Verantwortung und Entschlossenheit an das israelische Volk und die ganze Welt.« Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der daneben sitzt, knüpft daran an und ruft die Teilnehmer auf, angesichts des zunehmenden Antisemitismus stolz und standhaft zu bleiben.
Alon Meyer: »Gerade in der heutigen Zeit ist die Makkabiade ein sichtbares Zeichen der Solidarität, der Hoffnung und Stärke der weltweiten jüdischen Gemeinschaft.«
Doch Politik spielt an diesem Abend gar keine Rolle. Was zählt, ist nur das Gefühl dieses großartigen Abends. Auch für Makkabi Deutschland stehen die Emotionen im Vordergrund. »Nach allem, was in den letzten Monaten geschehen ist, war dieser Marsch ein unglaublich emotionaler und verbindender Moment für unsere Delegation«, meint Alfi Goldenberg, Vizepräsident Sport.
Doch natürlich darf das Ziel nicht aus den Augen verloren werden: »Jetzt beginnt der sportliche Teil. Wir wollen erfolgreich sein, Medaillen gewinnen und als Team Deutschland bei dieser Makkabiade überzeugen«, so Goldenberg weiter.
Als das Feuerwerk über dem Stadion wummert und die Musik langsam verklingt, richtet sich der Blick auf die Wettkämpfe. Denn schon am nächsten Morgen beginnt der sportliche Alltag für die Teams.
Seit fast einem Jahrhundert bezeichnet sich die Makkabiade als die »Jüdischen Olympischen Spiele«. Doch an diesem warmen Abend in Jerusalem fühlt es sich nach weit mehr als einem Sportereignis an: Es ist Wiedersehen, Hoffnung und das Versprechen, dass Juden aus aller Welt trotz Krieg, wachsendem Antisemitismus und aller Unsicherheit zusammenstehen. Mehr denn je.