Israel

»Hab viel Spaß in der Hölle, du Hurensohn!«

In den sozialen Medien zeigte sich Rom Braslavski mit einem T-Shirt, auf dem das durchgestrichene Konterfei seines Peinigers zu sehen ist Foto: Screenshot

Die Tränen kamen, bevor er sprechen konnte. Als das Telefon klingelte, fuhr Rom Braslavski gerade Auto. Am anderen Ende der Leitung waren Offiziere der israelischen Armee. Die Neuigkeiten, die sie hatten, zwangen ihn zum Anhalten. Und das, was er hörte, ließen ihn hemmungslos weinen. Er rang nach Worten, um dem Anrufer zu danken.

Die Nachricht war: Talal Jaber Mohammad Abd al-Aal, der Kommandeur des palästinensischen Islamischen Dschihad, der Braslavski in Gaza als Geisel gehalten und ihn während seiner Gefangenschaft gefoltert hatte, war bei einem israelischen Angriff getötet worden.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

»Ich bin kein Mensch, der viel weint«, sagte Braslavski später. »Aber es war meine erste Reaktion.« Während es für die meisten Israelis ein weiteres militärisches Update in einem langen Krieg ist, bedeutet es für den 22-Jährigen das Ende eines unvorstellbar grauenvollen Kapitels seines Lebens, das ihn bis heute verfolgt. Zwei Jahre lang hatte ihn ein Gesicht niemals losgelassen, wie er selbst sagt.

Die Fratze, die nachts in seinen Albträumen zurückkehrte

Es war die Fratze, die nachts in seinen Albträumen zurückkehrte, die ganz unvermittelt in Flashbacks auftauchte. Es war das Gesicht des Terroristen, den er während der Geiselhaft als Abu Youssef kannte. Des Kommandanten, der seine Folter befahl, ihn eigenhändig misshandelte und, wie Braslavski es ausdrückt, »für den Tod meiner Seele verantwortlich war«.

Braslavski, ist ein israelisch-deutscher Überlebender des Hamas-Massakers beim Nova-Musikfestival vom 7. Oktober 2023. Er war gerade 19 Jahre alt, als die Mörder kamen. Über zwei Jahre lang war er in Gefangenschaft des Palästinensischen Islamischen Dschihad im Gazastreifen. Nach seiner Freilassung hatte er als erste männliche Geisel enthüllt, dass er während seiner 738 Tage andauernden Geiselhaft auch mehrfach sexualisierter Gewalt ausgesetzt war.

Ab al-Aal fesslte Braslavski und spuckte ihm in den Mund

Laut israelischer Armee habe Ab al-Aal eine Zelle des palästinensischen Islamischen Dschihad befehligt, die am 7. Oktober in Israel eindrang und später an der Geiselnahme von Israelis im Gazastreifen beteiligt war. Doch für Braslavski bedeuten militärische Titel wenig im Vergleich zu den Erinnerungen an diesen Mann.

Rom Braslavski: »Das war der Mann, der 100 Kilogramm wog, und mir auf den Hals sprang, als ich völlig unterernährt war«

»Das war der Mann, der 100 Kilogramm wog und mir auf den Hals sprang, als ich völlig unterernährt war«, erinnerte er sich. »Das war der Mann, der mich zwang, als ich mit Seilen am ganzen Körper gefesselt und dem Tode nahe war, den Mund zu öffnen, um hineinzuspucken.« Auch an die Befehle erinnert er sich. »Das war der Kommandant, der den Befehl gab, mich zu fesseln und zu foltern.« Abd al-Aal habe ihn mehrmals beinahe getötet, so die traurige Aussage des jungen Mannes.

»Sie sagen ‚Abschluss‘, sie sagen ‚Rache‘, aber das ist etwas ganz anderes«, so das eindringliche Plädoyer von Braslavski. Denn während Israel am 1000. Tag seit dem 7. Oktober an die Opfer der Massaker der Hamas erinnert, gibt er zu bedenken: »Viele glauben, die zurückgekehrten Geiseln würden langsam wieder ins Leben zurückfinden. Sie sehen, wie gut ich gekleidet bin oder wie meine Haare frisiert sind. Aber niemand weiß, was in mir vorgeht.« Denn für ihn würde der Horror nie enden. »Mein 7. Oktober wiederholte sich jeden Tag, immer und immer wieder.«

Die Nachricht der israelischen Armee kann nichts davon auslöschen, kann ihm die gestohlenen Jahre nicht zurückgeben, die Folter und Qualen nicht ungeschehen machen und ihn nicht zu dem Menschen zurückversetzen, der er vor dem 7. Oktober gewesen war.

Und doch veränderte der eine Telefonanruf etwas Grundlegendes für ihn: Der Mann, der einst über Braslavskis Essen, Leiden oder Überleben entschieden hatte, existiert nicht mehr. Die Gestalt, die ihn nachts heimgesucht und seine Erinnerungen beherrscht hatte, ist im realen Leben verschwunden. »Die Nachricht wurde übermittelt«, schrieb Braslavski in den sozialen Medien. »Hab viel Spaß in der Hölle, du Hurensohn«.

T-Shirt mit dem durchgestrichenen Gesicht des Terroristen

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Anschließend veröffentlichte er ein Video, in dem er auf einem Balkon steht und ruft: »Abu Yousef, Abu Yousef…« Dann dreht er sich um und man sieht, dass er ein T-Shirt mit dem Gesicht des Terroristen trägt – ein rotes X darüber. »Es gibt keinen Abu Yousef mehr«, sagt er dann und lacht. Anschließend geht er an den Strand, überbringt die Botschaft und verteilt Süßigkeiten an die Menschen, die ihn umarmen und ihm zujubeln.

Die Freude und die Genugtuung über den Tod seines Peinigers würden nicht allein der Rache gelten, macht er auch klar. Für ihn sei diese Tatsache so viel mehr: »Jetzt kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: Ich habe gewonnen.«

Nahost

Der Lieberman-Plan

Soll das Westjordanland neu verwaltet werden?

von Sabine Brandes  10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026

Hintergrund

Terror über den Wolken

Wie Pilot und Passagiere im Flug von Dubai nach Tel Aviv eine Katastrophe verhinderten

von Sabine Brandes  08.10.2026

Diplomatische Beziehungen

Britisches Konsulat in Jerusalem bleibt als Mission bestehen

Israel reagiert auf britische Sanktionen gegen israelische Siedlungspolitik, mehrere Diplomaten verlassen das Land. Gänzlich geschlossen wird das britische Konsulat in Ost-Jerusalem aber doch nicht

 08.10.2026

Meinung

Wenn Journalisten Terroristen sind – 170 Namen und eine unbequeme Wahrheit

Unser Autor reflektiert über die grundsätzliche Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird

von Daniel Neumann  08.10.2026

7. Oktober

»Erinnern heißt auch, nach der Wahrheit zu suchen«

Bei der großen Gedenkveranstaltung im Hayarkon-Park standen die Opfer im Mittelpunkt – und die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungskommission

von Sabine Brandes  08.10.2026

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026