Die Tränen kamen, bevor er sprechen konnte. Als das Telefon klingelte, fuhr Rom Braslavski gerade Auto. Am anderen Ende der Leitung waren Offiziere der israelischen Armee. Die Neuigkeiten, die sie hatten, zwangen ihn zum Anhalten. Und das, was er hörte, ließen ihn hemmungslos weinen. Er rang nach Worten, um dem Anrufer zu danken.
Die Nachricht war: Talal Jaber Mohammad Abd al-Aal, der Kommandeur des palästinensischen Islamischen Dschihad, der Braslavski in Gaza als Geisel gehalten und ihn während seiner Gefangenschaft gefoltert hatte, war bei einem israelischen Angriff getötet worden.
»Ich bin kein Mensch, der viel weint«, sagte Braslavski später. »Aber es war meine erste Reaktion.« Während es für die meisten Israelis ein weiteres militärisches Update in einem langen Krieg ist, bedeutet es für den 22-Jährigen das Ende eines unvorstellbar grauenvollen Kapitels seines Lebens, das ihn bis heute verfolgt. Zwei Jahre lang hatte ihn ein Gesicht niemals losgelassen, wie er selbst sagt.
Die Fratze, die nachts in seinen Albträumen zurückkehrte
Es war die Fratze, die nachts in seinen Albträumen zurückkehrte, die ganz unvermittelt in Flashbacks auftauchte. Es war das Gesicht des Terroristen, den er während der Geiselhaft als Abu Youssef kannte. Des Kommandanten, der seine Folter befahl, ihn eigenhändig misshandelte und, wie Braslavski es ausdrückt, »für den Tod meiner Seele verantwortlich war«.
Braslavski, ist ein israelisch-deutscher Überlebender des Hamas-Massakers beim Nova-Musikfestival vom 7. Oktober 2023. Er war gerade 19 Jahre alt, als die Mörder kamen. Über zwei Jahre lang war er in Gefangenschaft des Palästinensischen Islamischen Dschihad im Gazastreifen. Nach seiner Freilassung hatte er als erste männliche Geisel enthüllt, dass er während seiner 738 Tage andauernden Geiselhaft auch mehrfach sexualisierter Gewalt ausgesetzt war.
Ab al-Aal fesslte Braslavski und spuckte ihm in den Mund
Laut israelischer Armee habe Ab al-Aal eine Zelle des palästinensischen Islamischen Dschihad befehligt, die am 7. Oktober in Israel eindrang und später an der Geiselnahme von Israelis im Gazastreifen beteiligt war. Doch für Braslavski bedeuten militärische Titel wenig im Vergleich zu den Erinnerungen an diesen Mann.
Rom Braslavski: »Das war der Mann, der 100 Kilogramm wog, und mir auf den Hals sprang, als ich völlig unterernährt war«
»Das war der Mann, der 100 Kilogramm wog und mir auf den Hals sprang, als ich völlig unterernährt war«, erinnerte er sich. »Das war der Mann, der mich zwang, als ich mit Seilen am ganzen Körper gefesselt und dem Tode nahe war, den Mund zu öffnen, um hineinzuspucken.« Auch an die Befehle erinnert er sich. »Das war der Kommandant, der den Befehl gab, mich zu fesseln und zu foltern.« Abd al-Aal habe ihn mehrmals beinahe getötet, so die traurige Aussage des jungen Mannes.
»Sie sagen ‚Abschluss‘, sie sagen ‚Rache‘, aber das ist etwas ganz anderes«, so das eindringliche Plädoyer von Braslavski. Denn während Israel am 1000. Tag seit dem 7. Oktober an die Opfer der Massaker der Hamas erinnert, gibt er zu bedenken: »Viele glauben, die zurückgekehrten Geiseln würden langsam wieder ins Leben zurückfinden. Sie sehen, wie gut ich gekleidet bin oder wie meine Haare frisiert sind. Aber niemand weiß, was in mir vorgeht.« Denn für ihn würde der Horror nie enden. »Mein 7. Oktober wiederholte sich jeden Tag, immer und immer wieder.«
Die Nachricht der israelischen Armee kann nichts davon auslöschen, kann ihm die gestohlenen Jahre nicht zurückgeben, die Folter und Qualen nicht ungeschehen machen und ihn nicht zu dem Menschen zurückversetzen, der er vor dem 7. Oktober gewesen war.
Und doch veränderte der eine Telefonanruf etwas Grundlegendes für ihn: Der Mann, der einst über Braslavskis Essen, Leiden oder Überleben entschieden hatte, existiert nicht mehr. Die Gestalt, die ihn nachts heimgesucht und seine Erinnerungen beherrscht hatte, ist im realen Leben verschwunden. »Die Nachricht wurde übermittelt«, schrieb Braslavski in den sozialen Medien. »Hab viel Spaß in der Hölle, du Hurensohn«.
T-Shirt mit dem durchgestrichenen Gesicht des Terroristen
Anschließend veröffentlichte er ein Video, in dem er auf einem Balkon steht und ruft: »Abu Yousef, Abu Yousef…« Dann dreht er sich um und man sieht, dass er ein T-Shirt mit dem Gesicht des Terroristen trägt – ein rotes X darüber. »Es gibt keinen Abu Yousef mehr«, sagt er dann und lacht. Anschließend geht er an den Strand, überbringt die Botschaft und verteilt Süßigkeiten an die Menschen, die ihn umarmen und ihm zujubeln.
Die Freude und die Genugtuung über den Tod seines Peinigers würden nicht allein der Rache gelten, macht er auch klar. Für ihn sei diese Tatsache so viel mehr: »Jetzt kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: Ich habe gewonnen.«