»Und dennoch morgen – Fragmente zwischen Ohnmacht und Licht« lautete der ambitionierte Titel für »Ein musikalisch-szenisches Werk«, das im Juni im Carl-Orff-Saal am Gasteig Premiere hatte. Der Anspruch dahinter war noch eine Dimension größer, weil das Event »im Rahmen des Projekts ›Kunst mit Haltung‹, einer kulturellen Initiative gegen Antisemitismus der Europäischen Korczak Akademie«, entstand.
Deren Präsidentin, Eva Haller, kündigte dem riesigen Auditorium eine »persönliche Familiengeschichte« an, nämlich die der Vorfahren des Komponisten, dazu »historische Dokumente, Musik, Tanz und Theater« im Zusammenwirken von Solisten der Bayerischen Staatsoper, des Bayerischen Staats- und Jugendballetts sowie Jugendlichen von YouthBridge und Shalom Ukraine, die noch nie auf so großer Bühne standen und für die Deutsch teilweise eine neue Sprache war.
Die Bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf, deren Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales das Projekt finanziell ermöglicht hatte, erkannte in der multimedialen Performance die Chance zum »Dialog zwischen den Generationen und Epochen«, zur Reflektion »über Macht und Ohnmacht, ein Versprechen für eine bessere Welt«.
Anstoß und Inspiration waren für Rehfeldt drei Schriftstücke, die sich zufällig in einem alten Möbelstück fanden.
Nach diesen zwei Grußworten ging es los mit einer Darbietung, die junge Profis und Laien, Tanzszenen und Deklamationen mit der Musik des gerade einmal 40-jährigen Komponisten Mathias Rehfeldt und seines Orchesters glänzend zusammenführte. Anstoß und Inspiration waren für Rehfeldt drei Schriftstücke, die sich zufällig in einem alten Möbelstück fanden: der letzte Brief seiner Urgroßmutter Julie, datiert vom 9. November 1941, elf Tage bevor sie mit ihrer Tochter Herta nach Kaunas in Litauen in den Tod deportiert wurde; ein weiterer Brief vom 19. April 1946, gerichtet von ihrem Sohn Max, der Drancy, Auschwitz und Buchenwald überlebt hatte, an seine Verlobte Maria, die er in dem schwäbischen Dorf kennenlernte, wo sein Transport auf dem Weg nach Dachau von Amerikanern befreit worden war; der dritte Brief schließlich vom 23. April 1989 stammt von der Witwe Maria, die sich an jenen Sonntagmorgen im April 1945 erinnert, an dem ihr späterer Mann Max durch ihr Dorf getrieben wurde.
Für den Urenkel beziehungsweise Enkel Mathias Rehfeldt, 1986 in Tübingen geboren, dessen Vater Wolfram an der Hochschule für Musik Freiburg katholische Kirchen- und Schulmusik studiert und neben seiner Professur als Orgelspezialist auch als Domorganist in Rottenburg am Neckar gewirkt hatte, sollte »Kunst keine politischen Antworten geben«. Doch wo komplexe Fragen mit einfachen Parolen beantwortet würden, beginne eine Vereinfachung, die einen Boden bereite – so die Ansicht Mathias Rehfeldts –, »auf dem Antisemitismus, Hass und Ausgrenzung wachsen«.
Sein multimediales Projekt ist so angelegt, dass es in reduzierter Form – Musik vom Band, weniger Mitwirkende – auf kleineren Bühnen und sogar in Schul-Aulen präsentiert werden kann. Möge es dort mit ebenso großer Begeisterung aufgenommen werden wie im Gasteig.