Anoha

Mit allen Sinnen

Überall Wasser. Es gurgelt kräftig über die Lautsprecher, ringsumher brechen an den Wänden per Videoinstallationen Wellen herunter, die die nahende Sturmflut ankündigen sollen. Und dann fällt dem Besucher eine »kleine« Wasserbahn ins Auge, an der die Kinder begeistert stehen bleiben. Sie sind eingeladen, diese zu bespielen und Boote zu bauen. Eines treibt erst gemächlich den Fluss entlang, bis es plötzlich von einer mächtigen Welle erfasst wird und ins Straucheln gerät. Angefertigt wurde das Schiffchen von einem Jungen, der nun beobachtet, wie es weiterfährt. Zweimal dreht es sich um die eigene Achse, bis es wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt. Die Erzählung von Noach, der sich mit seiner Arche vor der Sintflut rettete und seine Familie sowie die Tiere der Welt rettete, steht im Zentrum der Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin (JMB), Anoha.

Hier wird der Gipfel des Berges Ararat aus der Geschichte der »Arche Noah« in Form einer kleinen Insel dargestellt. Sie befindet sich am Ende des Sintflut-Simulators, auf dem die jungen Besucher ihre selbst gebastelten Boote, Flöße, Kähne oder sogar U-Boote fahren lassen können. Der kleine Junge legt erneut den Hebel der Wassersäule um, und die nächste Flutwelle lässt nicht lange auf sich warten. Gespannt beobachten die Kinder, die am Rand des Stahlbeckens stehen, was mit ihren Booten passiert. Einige haben ihre »Arche« aus alten Joghurtbechern und Weinkorken gebastelt, ein Aluminiumdeckel bildet das Segel, ein Eisstiel gibt einen prima Mast ab. Voller Stolz betrachten die Kinder, wie ihre Werke auf dem Wasser dahintreiben.

Mittelpunkt des Museums ist die aus Holz gebaute Arche

Mittelpunkt des Museums ist die aus Holz gebaute Arche, eine sieben Meter hohe, ringförmige Holzkonstruktion. Über eine Giraffenrutsche gelangen Kinder und Erwachsene in den Bauch der Riesenarche. Oder zu Fuß. Dabei ist man umgeben von nachgebauten Tieren – von der sieben Zentimeter großen Kakerlake bis zum drei Meter hohen Mammut. Anfassen erwünscht. Wenn etwas kaputtgeht, wird es repariert.

Anfassen erwünscht. Wenn etwas kaputtgeht, wird es repariert.

Kreativität ist auch bei den Kindern erwünscht. »Heute hat ein Junge einen Heißluftballon auf sein Boot montiert, damit die Arche bei einer Sintflut zur Not auch fliegen kann«, berichtet Eva, eine von insgesamt 26 Mitarbeitern des Familienmuseums, die »Anohis«, die die Kinder auf ihren Exkursionen pädagogisch begleiten.

»Bei uns lernen die Kinder die Geschichte über die Arche Noah in erster Linie durchs Mitmachen und Erleben«, erklärt Ane Kleine-Engel, die das Anoha-Kindermuseum von Beginn an, seit November 2019, leitet. Auch sie trägt – wie alle Besucher – keine Schuhe, sondern lustige Tiersocken.

Sehen, fühlen, riechen, erleben. Dass dieses Konzept für Kinder im Kita- und Grundschulalter aufgeht, davon zeugen die Besucherzahlen. Während andere Museen oft ums Überleben kämpfen und viele Anstrengungen unternehmen, um auch den Nachwuchs anzulocken, ist das Anoha immer überbucht. »Erst vor Kurzem haben wir Selma, unsere 500.000. Besucherin, begrüßt«, sagt die Museumsleiterin. Allein im vergangenen Jahr haben über 126.000 Besucher das Mitmach-Kindermuseum in Stoppersocken besucht.

Bekämpfung von Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus

Doch hinter der Geschichte von der Arche Noah stehen – neben Spaß, Bildung und Unterhaltung für Kinder und ihre Familien – auch konkrete Absichten. Denn es geht ebenso um die Bekämpfung von Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus. Und damit könne man gar nicht früh genug anfangen, weiß Kleine-Engel.

»Wir starten damit bei Dreijährigen«, erklärt die Judaistin. Denn antisemitische Vorurteile entstehen nicht erst als bewusst vertretene politische Ideologie, sondern zeigen sich häufig bereits im Vorschulalter durch unbewusste Vorurteile, die häufig durch das unmittelbare Umfeld entstünden. Kinder würden abwertende Sprachwendungen oder gängige Stereotypen übernehmen, ohne diese zu hinterfragen.

Um das zu verhindern, bietet das Anoha reichlich Begleitmaterial für den pädagogischen Gebrauch, das außerhalb der Arche in Regalen steht. »Alle an Bord«, heißt es zum Beispiel auf dem Ordner, der sich dem Thema in Kitas widmet. Insgesamt drei Ordner stellt das Museum bei Bedarf – neben Kitas auch für Grundschulen – zur Verfügung, mit jeweils vier einzelnen Modulen. Die gibt es kostenlos, auch zum Herunterladen von der Homepage.

Mehrere Kinder tummeln sich im »Regenraum«, in dem sie die biblische Sintflut-Geschichte interaktiv erleben können. Hier prasselt Regen von der Decke, allerdings nur in Form einer Projektion. Unter den Füßen werden aus den Tropfen Pfützen, in die man hineinspringen kann. Mal klingt das nach einem vertrauten »Platsch«, ein anderes Mal beinahe so, als wäre gerade ein Elefant in einen See gesprungen. Ein Echo wandelt die eigenen Bewegungen in Töne um. Die Kinder sind gebannt.

Einen Raum weiter gibt es eine Klanginsel. Hier können Kinder durch das Drücken von Tasten ihr eigenes Konzert veranstalten. Ein kleines Mädchen schlägt auf verschiedene Punkte. Anschließend wabern Töne durch den Raum, untermalt vom Regenprasseln nebenan. Das kommt gut an.

Kinder toben, klettern und rutschen bis zur Erschöpfung

Mehrere Eltern sind mit ihren Kindern dabei, den Rundweg um die Arche zu erkunden. Lebensgroße Tierskulpturen stehen vor und im Bauch der Arche. Die Kinder toben, klettern und rutschen bis zur Erschöpfung. »Es sieht so einladend aus, sodass ich auch große Lust hätte, mitzuklettern«, sagt eine Mutter. Später probiert sie es tatsächlich aus. Die fantasievollen Tiere versetzen alle ins Staunen: das Nashorn aus Feuerwehrschläuchen zum Beispiel oder die Babygiraffe, die aus verschiedenen Musikinstrumenten zusammengesetzt wurde.

16 Kunstschaffende haben für dieses Projekt an den Tieren gearbeitet, sämtliche Materialien bestehen aus recycelten Gegenständen, die in Form einer Patchworktechnik zu Figuren zusammengesetzt sind. Upcycling als Inspiration. Denn das Museum ist nicht nur kindgerecht, auch die Nachhaltigkeit zieht sich wie ein roter Faden durchs Gesamtkonzept.

Sehen, fühlen, riechen, erleben. Das Konzept des Museums geht auf.

»Ich finde es schön, dass die Kinder hier anhand von Artefakten lernen, dass sie selbst aktiv werden können, um beispielsweise an Lösungen zum Klimawandel zu arbeiten«, sagt Simeon, der mit seinem Sohn Thomas ins Museum gekommen ist. Der knapp Sechsjährige läuft zurück zur »Werft«, die aus einer Werkbank besteht. Hier können die Kinder eigene Vehikel basteln. Dabei sind viele Ideen so einfach wie genial, dass man sich auch für zu Hause einiges abschauen kann.

Zurück zum Thema Antisemitismus. Welcher Zusammenhang besteht zu den Tieren? Sie würden als Projektionsfläche fungieren, erklärt die Museumsleiterin. Sie nennt ein Beispiel, wie man das Thema »Gerüchte« angehe: »Wir haben gehört, die Tausendfüßler haben Käsefüße. Was können wir denn jetzt machen?«, fragt sie. »Erst einmal ist es ja nur ein Gerücht, vielleicht können wir an ihnen riechen«, antworten einige. »Was aber, wenn die Tausendfüßler finden, dass ihre eigenen Füße ganz gut riechen, und wir nicht?« Auf diese spielerische Art könne man kulturelle Unterschiede verstehen und respektieren lernen, sich so oder so ähnlich einem Thema annähern. Das ist klug und kreativ zugleich. Denn ein gutes Miteinander könne nur durch gegenseitiges Verständnis und Respekt entstehen.

Koscher, vegan oder halal, auch das ist ein Thema

Ein paar Meter hoch in der Luft hängt der mächtige Eisbär an einer Art Flaschenzug – damit auch er, mithilfe der Kinder, an Bord der Arche Noah kommen kann, allein würde er es nicht schaffen. Immerhin gehören er und seinesgleichen zu einer bedrohten Art. »Erst einmal müssen wir ihn füttern«, schlägt ein kleines Mädchen vor. Doch Eisbären fressen nicht alles. Ob koscher, vegan oder halal, auch das ist ein Thema, dem man sich über die Tiere als Projektionsfläche nähern kann.

Aber Kinder wären nicht Kinder, wenn sie sich nicht ganz schnell einigen würden, um weiter zusammen zu spielen. Denn gemeinsam macht alles viel mehr Spaß, sagt eine Mutter.

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