In Mecklenburg-Vorpommern herrschen noch keine sachsen-anhaltinischen Verhältnisse, dennoch wurde auch hier die AfD bei den Landtagswahlen am vorvergangenen Sonntag mit 38,2 Prozent der Stimmen stärkste Kraft noch vor der SPD mit 35,5 Prozent.
»Es ist schlimm, aber nicht so schlimm, wie es sein könnte«, sagt Juri Rosov, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Rostock. »Frau Schwesig ist es gelungen, voraussichtlich im Amt zu bleiben. Aber es ist knapp.« Vor allem das Abschneiden der in Teilen rechtsradikalen AfD bereite ihm und den Mitgliedern der Gemeinde große Sorgen.
»Die Tendenz ist klar: Mit jeder Wahl bekommt die AfD mehr Stimmen, das ist leider so, und ich bedauere das sehr. Es beleuchtet, wie viele Menschen im Osten und auch im Westen unzufrieden sind mit der Demokratie«, so Rosov. »Und die Umfragen zeigen schreckliche Dinge: Wenn 54 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt sagen, dass sie nur noch eine Partei mit einem ›starken Führer‹ wollen, da bin ich wirklich sprachlos.«
Zunächst aber sei allenthalben eine gewisse Erleichterung zu spüren darüber, dass Ministerpräsidentin Manuela Schwesig noch einmal vier Jahre regieren könne. Sie sei eine talentierte Politikerin, meint Rosov, »die ein Gespür dafür hat, was die Menschen brauchen, das hat sie im Wahlkampf bewiesen«.
Auch die Rostocker Gemeinde spürt den wachsenden und zunehmend offenen Antisemitismus.
Zugleich spüre auch die Rostocker Gemeinde den wachsenden und zunehmend offenen Antisemitismus. Einige Mitglieder arbeiteten als Taxifahrer in der Stadt. »Sie sagen: Das war früher überhaupt kein Problem. Aber jetzt würden immer mehr Fahrgäste offen antisemitische Sätze aussprechen, und das seien nicht nur muslimische, sondern in der Mehrzahl deutsche Fahrgäste. Das ist erschreckend.«
Rosov berichtet zudem von einem emeritierten Professor der Geschichte, der wie viele Gemeindemitglieder aus den ehemaligen GUS-Staaten komme, stets positiv eingestellt gewesen sei und proklamierte, es gebe keinen Antisemitismus in Rostock und in Deutschland. »Ich habe ihm immer gesagt, da irre er sich gewaltig. Und plötzlich findet er eine Postkarte in seinem Briefkasten. Darauf stand, dass alle Ausländer jetzt raus müssen. Außer denjenigen, die wir hier wollen, aber keine Alten und Schwachen. Unterschrieben von Nachbarn, die der AfD angehören.«
Der Gemeindevorsitzende war entsetzt. »Jetzt sagt er: Das ist Antisemitismus, und es ist traurig. Aus meiner Sicht liegt die Gefahr nicht direkt in dieser Partei, sondern in dem, was sie in den Köpfen und in den Herzen der Menschen freisetzt! Alles, was früher unvorstellbar war, ist jetzt Realität.« Und das Resultat dieser Realität ist auch die Angst, die in der Gemeinde umgehe. »Die Angst, dass es früher passieren kann, wir haben ehrlich gesagt Angst um Deutschland, auch um Berlin.«
Klare Worte aus der Hansestadt. Und ein hoffnungsvoller Seufzer. »Ich habe vor der Wahl geschrieben: Wir müssen beten, das Schlechte abzuwenden. Und wahrscheinlich müssen wir das weiter tun.« hk