Landtagswahl in MV

Zwischen Engagement und Frust: Besuch in einer AfD-Hochburg

Peenemünde: Der Blick auf einen Dorfladen in einem alten Feuerwehrhaus. Foto: picture alliance/dpa

Im Dorfladen von Peenemünde warten am Tresen belegte Brötchen, Apfelstreusel und Kalter Hund. Die Regale im alten Feuerwehrhaus sind gut sortiert vom regionalen Senf bis zum Nudeleintopf. Doch gäbe es den Laden wohl nicht ohne Zuschüsse des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Europäischen Union. Der Ort trägt keinen eigenen Supermarkt. Auf dem Vorplatz sitzen an diesem Septembernachmittag vier Männer an einem Klapptisch beim Bier. Ansonsten fällt auf: Man sieht hier nur wenige Menschen.

In Peenemünde, einem 400-Seelen-Ort auf der Insel Usedom, erreichte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 einen Spitzenwert von gut 53 Prozent der Stimmen – weit über den 35 Prozent im Bundesland. Auch jetzt überwiegt an den Straßenlaternen im Ort sehr deutlich die Wahlwerbung der »Blauen«. Am Sonntag wird in der Gemeinde nicht nur ein neuer Landtag gewählt, sondern auch ein neuer Bürgermeister. Wie geht das diesmal aus?

»Die Stimmung ist schlecht«

Eine ältere Dame kommt vor ihrem Wohnblock mit ihren beiden Hunden vom Altpapiercontainer. Ob sie ein paar Fragen zur politischen Stimmung in Peenemünde vor der Wahl beantworten würde? »Ja sicher«, sagt die grauhaarige Frau im brombeerfarbenen Kapuzenpulli. »Wollen Sie mit reinkommen?« Nur ihren Nachnamen möchte sie nicht gern veröffentlicht sehen, auch nicht ihr Foto. In ihrer winzigen Küche gibt es Hagebuttentee. Und die Einschätzung: »Ich denke, die AfD gewinnt wieder hier.«

Sylvia, 77, wuchs in der DDR auf, vom Berliner Stadtrand zog sie vor neun Jahren nach Peenemünde. Die Rentnerin hat selbst einiges auszusetzen am Stand der Dinge. Die hohen Benzinpreise zum Beispiel. Sie brauche das Auto zum Einkaufen, zu Fuß sei ihr das zu weit, sagt sie. Aber sie fährt nur noch einmal die Woche, mehr wäre zu teuer. Bald müsse sie den Wagen wohl ganz abschaffen, fürchtet sie. Viele politische Entscheidungen in Berlin gehen ihr gegen den Strich. »Es gibt keine Gerechtigkeit«, sagt Sylvia.

Vor allem die wirtschaftliche Lage macht ihr Sorge. Auch in Peenemünde fehlten Arbeitsplätze, sagt sie. Tatsächlich lag die Arbeitslosenquote im Landkreis Vorpommern-Greifswald, zu dem Peenemünde gehört, zuletzt mit gut neun Prozent vergleichsweise hoch. So viele junge Leute säßen zu Hause oder zögen weg, sagt Sylvia. Selbst der Ostsee-Tourismus sei hier eher mau. Nur bei schlechtem Wetter kämen die Besucher, dann ziehe das Historisch-Technische Museum.

Demokratische Werte fördern

Das Museum befindet sich in einem riesigen alten Kohlekraftwerk, einem dominanten Klinkerbau neben einer grünen Brache mitten im Ort. Früher lieferte es Energie für die Raketenentwicklung in Peenemünde, das Vorzeigeprojekt der Nationalsozialisten von 1936 bis 1945, das in der Spitze einmal mehr als 10.000 Menschen beschäftigte. Heute zieht das Museum immerhin bis zu 120.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr an.

»Wir klären auf über eine militaristische, diktatorische Gesellschaft«, sagt der wissenschaftliche Leiter des Historisch-Technischen Museums, Philipp Aumann. Es gehe darum, verschiedene Perspektiven zu zeigen, kritisch zu hinterfragen, offen, ehrlich und respektvoll miteinander zu diskutieren – demokratische Werte eben. »Insofern ist unser Angebot durchaus demokratiefördernd«, sagt er.

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Die Stimmung? Politikverdrossen

Doch Aumann macht sich Sorgen mit Blick auf die Wahlen. »Ich bin mir sicher, eine AfD-Regierung würden wir hier inhaltlich ganz massiv spüren«, sagt er. Denn: »Das kultur- und erinnerungspolitische Programm der AfD steht im krassen Widerspruch zu dem, was wir machen.« Allerdings nehme die jetzige rot-rote Landesregierung die Förderung von Museen und Erinnerungsorten auch nicht ernst genug, findet der Historiker.

Die aktuelle Stimmung in Peenemünde? Politikverdrossen, sagt Aumann – »wie überall hier in der Region«. Viele Menschen fühlten sich nicht gehört, vermutet er. Für die kleine Gemeinde sei unter anderem der Sanierungsstau beim alten Kraftwerk finanziell überfordernd.

Die politischen Akteure im Ort scheinen sich auch nicht ganz grün zu sein. Der ehrenamtliche Bürgermeister Ralf Turowski von der Wählergemeinschaft Peenemünde trat im Mai zurück – unter anderem wegen des Umgangs untereinander, wie er dem NDR sagte. Drei Kandidaten bewerben sich um Turowskis Nachfolge – keiner von ihnen im Namen der AfD.

Lieber nicht auffallen

Zurück am Dorfladen: Zwei Rentner auf E-Bikes bestellen an der Theke Cappuccino. Ob sie etwas zur politischen Lage sagen möchten? Die beiden winken ab. Aber dann haben sie doch einiges zu beklagen. Die jahrelange Arbeit zum Mindestlohn zum Beispiel. »Jetzt kriegen wir 1.300 Euro Rente«, sagt einer. »Nach 47 Jahren Arbeit.« Die Wahlprognose der beiden: »Die AfD wird gewinnen.« Warum? »Die Leute haben die Schnauze voll.« In einer jüngsten ZDF-Umfrage zur Landtagswahl liegt die Rechtsaußenpartei in Mecklenburg-Vorpommern mit 37 Prozent drei Punkte vor der regierenden SPD.

In ihrer Küche antwortet Sylvia recht freimütig, was sie selbst wählt: die CDU. »Immer noch«, lacht die alte Dame. Sie findet auch nicht, dass Bundeskanzler Friedrich Merz zurücktreten soll. »Der soll mal lieber seine Arbeit machen«, sagt die Rentnerin.

Beim Abschied wird sie plötzlich nachdenklich. Und sie nennt den Grund, warum sie ihren Namen nicht so gerne veröffentlicht sehen möchte. Man habe hier auch schon mal zerschnittene Reifen, sagt Sylvia. Lieber nicht auffallen, das wäre besser.

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