Bei einer ersten archäologischen Suchgrabung im ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt Erfurt sind die Strukturen von vier mittelalterlichen Kellern freigelegt worden. Das Landesamt für Archäologie und Denkmalschutz habe zudem Tierknochen, Keramikfragmente, verschiedene Metallgegenstände sowie eine vollständig erhaltene Feldflasche bergen können, sagte die Beauftragte für das Unesco-Welterbe der Stadt Erfurt, Karin Sczech, am Montag vor Ort. Die Funde sollen in den kommenden Monaten ausgewertet werden.
Noch unklar sei das genaue Alter zahlreicher Fundstücke. Vieles stamme vermutlich aus dem 12. und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Gefundene Schweineknochen könnten zunächst auf eine Nutzung des Areals durch Nichtjuden hindeuten. Allerdings sei das Material noch nicht vollständig untersucht. Die Knochen würden nun gewaschen, inventarisiert und auf Tierarten und ihre Nutzung untersucht. Auch die Keramik müsse genauer datiert werden.
Hinweise auf Alltagskultur
Der verantwortliche Archäologe Christian Tannhäuser zeigte sich mit den Ergebnissen zufrieden. Ziel sei es gewesen, Hinweise zur Alltagskultur im mittelalterlichen Erfurt und zur jüdischen Gemeinde zu gewinnen. Zudem seien wie erhofft die Fundamente des mittelalterlichen Tanzhauses der zweiten Jüdischen Gemeinde in Erfurt freigelegt worden. Den Archäologen bereits aufgefallen sei eine ungewöhnliche Bauweise des Gebäudes, bei dem die Mauerwände im Fundamentbereich direkt an das umgebende Erdreich angelehnt worden seien.
Auch hätten die Untersuchungen gezeigt, wie das schwierige Gelände an der Gera für die Stadtentwicklung nutzbar gemacht wurde, sagte Tannhäuser. Aufschüttungen und andere Eingriffe dienten offenbar dazu, den problematischen Baugrund zu stabilisieren. Dabei könne auch Material aus anderen Teilen der Stadt eingebracht worden sein. Dies könne die Datierung sowie Zuordnung der Keramiken und Knochen erschweren.
Die Grabung soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Wo der nächste Schnitt angelegt wird, hängt laut Tannhäuser von zusätzlichen Fördermitteln ab. Die Archäologen hoffen insbesondere, das sogenannte Tanzhaus und das angrenzende Gebäude weiter untersuchen zu können.
Befunde sollen erhalten bleiben
Das Tanzhaus wird derzeit in das 13. Jahrhundert oder eine etwas jüngere Zeit datiert und gilt als wichtiger Befund zur zweiten jüdischen Gemeinde Erfurts. Weitere Grabungen könnten zudem Brunnen und Entsorgungseinrichtungen wie Latrinen zutage fördern. Solche Hinterhoffunde geben regelmäßig zusätzliche Einblicke in den Alltag der mittelalterlichen Bewohner.
Die Untersuchungen sollen auch helfen, die weitere Entwicklung der Fläche und das geplante Besucherzentrum für das Unesco-Welterbe archäologisch abzusichern. Die Mauerreste des Tanzhauses unter einem innerstädtischen Parkplatz hinter dem Erfurter Rathaus werden daher konservatorisch gesichert, abgedeckt und wieder verfüllt. Später könnten sie erneut freigelegt und sichtbar gemacht werden.
Nach Abschluss der Grabung soll der Parkplatz wiederhergestellt werden. Ein Informationscontainer bleibe vor Ort und soll über die Untersuchungen informieren. Die Fläche war bis zum Zweiten Weltkrieg dicht bebaut.