Bis zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 sorgten sich viele jüdische Gemeinden in Ost und West angesichts sinkender Mitgliederzahlen um ihren Fortbestand. Doch wenige Monate zuvor, im Februar 1990, beschloss der Zentrale Runde Tisch in Ost-Berlin, Jüdinnen und Juden aus der Sowjetunion die Einreise und Aufnahme zu ermöglichen. Im Mai 1990 öffnete die letzte DDR-Regierung die Grenze für sie. Diese Regelung wurde später auch in Westdeutschland fortgeführt und hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Gemeinden. Drei Zeitzeugen erinnern sich.
Renate Aris (91), Chemnitz
Die Freude der elf Gemeindemitglieder war offensichtlich, als ich mich 1987 der Jüdischen Gemeinde Karl-Marx-Stadt anschloss. Ich wurde das zwölfte Mitglied. Nach dem Tod meines Vaters, Helmut Aris, der Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR war, meldete ich mich von Dresden nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, um, wo ich schon seit 18 Jahren lebte. Die Schoa habe ich zusammen mit meiner Mutter und meinem Bruder im Versteck überlebt. Wir Geschwister waren später die Ersten, die in Dresden Bat- und Barmizwa feierten. Es gab nur einen Laienkantor, der die Gottesdienste leitete, aber wir hatten immerhin einen Kiddusch, und es gab eine Torarolle.
Der DDR-Landesverband bestand aus acht Gemeinden: Ost-Berlin, Leipzig, Dresden, Erfurt, Halle, Magdeburg, Schwerin und Karl-Marx-Stadt. Die ehemaligen Gemeinden in Zwickau, Annaberg-Buchholz und Plauen wurden nach der Schoa nicht mehr aktiviert, dort erinnern nur noch Friedhöfe an das einstige jüdische Leben. Ohnehin gab es nur wenige Jüdinnen und Juden in der DDR, wir kannten uns natürlich alle gut.
Mein Vater war sehr engagiert und organisierte viel. Ich erinnere mich an Chanukka-Feiern, zu denen mehr Gäste kamen, als die Gemeinde Mitglieder hatte. Auch fanden zu den Hohen Feiertagen Gottesdienste statt. Bis 1965 amtierte in der DDR ein Landesrabbiner, Martin Riesenburger. Und manchmal kam Estrongo Nachama, der aufgrund seines griechischen Passes relativ unkompliziert in die DDR reisen konnte. Der Zusammenhalt zwischen den acht kleinen Gemeinden war sehr stark, das war ganz toll. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft.
Vor 1933 war die Jüdische Gemeinde Chemnitz dank vieler Fabrikanten und Händler eine der reichsten in Deutschland. Sie zählte damals 3500 Mitglieder. Nach der Schoa kamen 57 vorwiegend ältere Juden zurück. Als ich Ende der 80er-Jahre dazustieß, wurde ich sofort in die Leitung gewählt. Bis 1989 waren die Aufgaben überschaubar, da kamen zur Gemeindeversammlung nur zwölf Männer und Frauen, mehr waren wir ja nicht. Nachdem die Mauer zwischen Ost- und West-Berlin gefallen und das Land wiedervereinigt war, änderte sich das.
Ich habe den Fall der Mauer im Fernsehen gesehen und dachte nur: »Hoffentlich bleibt alles friedlich.« Als kurz darauf die Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kamen, war das eine Herausforderung, die alle bisherigen Aufgaben in den Schatten stellte. In kürzester Zeit zogen Hunderte Menschen nach Chemnitz. Heute sind wir etwa 500 Gemeindemitglieder, 99 Prozent kommen aus den GUS-Staaten.
Der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR war durch die Teilung Deutschlands entstanden. Nach der Wiedervereinigung wurden, wie in den alten Bundesländern, Landesverbände gegründet. Der Landesverband der Juden in Sachsen besteht aus drei Gemeinden: Dresden, Leipzig und Chemnitz. In der DDR waren alle Gemeinden liberal, heute sind sie orthodox.
Aufgrund der Zuwanderung wuchs die Gemeinde ständig, und bald platzte unser kleines Haus aus allen Nähten. Die Stadt Chemnitz befürwortete und unterstützte den Bau einer Synagoge. 2002 konnte sie eröffnet werden. Rabbiner amtieren regelmäßig bei uns. Ich gründete einen Frauenverein, es war der erste in den neuen Bundesländern.
Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die zugewanderten Frauen mit der Religion vertraut zu machen und sie in die Gemeinde zu integrieren. Mit dieser Gruppe haben wir im Laufe der Jahre die Gemeinden und die neu gegründeten Frauenvereine in Thüringen, Sachsen-Anhalt und in Sachsen besucht. Allerdings musste ich in diesem Jahr den Verein mangels Nachfrage auflösen.
Immerhin hat die Gemeinde seit ein paar Jahren ein aktives Jugendzentrum, was mich sehr freut. Die Jewrovision besuchen unsere Kinder und Jugendlichen allerdings nur zum Mini-Machane und zur Show, einen eigenen Act konnten sie bisher nicht stemmen.
Unser eigentliches Problem ist der Wegzug der jungen Leute nach ihrem Schulabschluss – in den meisten Fällen mit einem guten Abitur, denn die Zuwandererfamilien richten großes Augenmerk auf die Förderung ihrer Kinder. Nach ihrem Studium in den alten Bundesländern kommen die meisten nicht zurück, was ich sehr bedauere.
Mit 91 Jahren bin ich immer noch als Zeitzeugin aktiv, vor allem an den sächsischen Universitäten, und versuche, wenn es möglich ist, zu reisen, früher auch mal nach Chile zu einer Tante, heute eher in nur wenige Kilometer entfernte Orte. Solange es meine Gesundheit zulässt und meine Kraft reicht, werde ich weiter aufklären.
Gershon Jessen (72), Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Flensburg
Als die Mauer fiel, saß ich gebannt bis morgens um drei Uhr vor dem Fernseher. Damals ahnte ich noch nicht, wie sich in naher Zukunft mein Leben entscheidend ändern würde. Ich wohnte noch in Flensburg, wo es kein jüdisches Leben gab. Einen Gedanken an eine eigene Gemeinde hatte ich nicht. Bis 1937 existierte eine kleine Gemeinde, doch nach dem Holocaust kam keine Jüdin oder kein Jude zurück. Immerhin wurde Jahre später ein jüdischer Freundesverein gegründet.
Erst nach dem Mauerfall und der späteren Wiedervereinigung kamen einige Jüdinnen und Juden überwiegend aus der Ukraine und den baltischen Ländern.
Mit etwa zehn bis 15 Juden gründeten wir die Gemeinde. Das war 1999. Bald kamen noch zwei weitere Familien dazu, die ebenfalls eine Bereicherung für uns waren und sind. Bis 2004 gehörten wir mit der Kieler und Lübecker Gemeinde zu Hamburg. Aber dann war der Zuzug so groß, dass wir selbstständig wurden. Ohne Wiedervereinigung wäre das nicht möglich gewesen. Heute sind wir etwa 70 Mitglieder, die auch aus Israel, Frankreich und den USA kommen. 14 davon – darunter ich – leben in Dänemark und fahren zu den Veranstaltungen über die Grenze. Unser Gemeindeleben ist sehr rege. Wir haben ein Gemeindezentrum mit Betsaal und zwei koschere Küchen. Immer wieder laden wir zu Konzerten, Lesungen und Theateraufführungen ein. Ferner bieten wir jüdischen Religionsunterricht an. Mit einigen Rabbinern, die bei uns regelmäßig amtieren, arbeiten wir eng zusammen; sie leben jedoch in anderen Städten, und einer kommt immer aus Israel.
Für uns ist es wichtig, gut in der Stadtgesellschaft integriert zu sein. Deshalb gehen wir nach außen, bieten unsere Veranstaltungen öffentlich an und freuen uns, dass zu Konzerten oder Aufführungen mehr Gäste kommen, als wir Mitglieder haben, und wir ein gutes Ansehen genießen.
Joachim Knöpfel (75), Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinschaft Baden-Baden
Nachdem unser ehemaliger Vorsitzender Alfred Wachsmann sel. A. gestorben war, kam der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden zu mir ins Büro, um den Schlüssel der Synagoge abzuholen. Die Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden wurde aufgelöst, denn wir bekamen keinen Minjan mehr zusammen. Das war 1983. Unser Betsaal, der sich in einem Gebäude hinter dem Kurhaus befand, wurde ausgeräumt, stand danach zehn Jahre leer und verwahrloste.
Ich bin auch Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die dafür gesorgt hat, dass die Räume wiederhergestellt wurden, als wir sie brauchten. Der Zuzug von Jüdinnen und Juden aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion machte es möglich. Unsere Gemeinde konnte wiedergegründet werden, was wir mit einer feierlichen Eröffnung begingen.
Heute ist alles anders: Der Bau einer neuen Synagoge mit Mikwe ist beschlossene Sache und wird bald beginnen. Wir haben viele Kinder, die sich auch im Jugendzentrum »Lehava« (Flamme) treffen und an Machanot teilnehmen, sie engagieren sich beim Mitzvah Day und sind mit großem Spaß bei der Jewrovision dabei.
Für alle Generationen gibt es ein vielfältiges Angebot: Wir haben eine Bibliothek und einen Chor, es gibt einen Frauenklub, einen Seniorentreff und eine Tischtennis-Gruppe, außerdem einen Literatur- und einen Damenspielklub, darüber hinaus werden Deutsch- und Computerkurse angeboten und vieles mehr. Zudem ist unser Gemeindezentrum auch bei gemeindeübergreifenden Projekten ein beliebter Treffpunkt. Heute haben wir mehr als 650 Mitglieder. Einen Minjan bekommen wir immer zusammen! Meine Kurzfassung lautet: Wir haben ein blühendes Gemeindeleben.
Aufgezeichnet und zusammengestellt von Christine Schmitt