Ein schmaler Flur, Laminatboden, Spritzputzwände; eine Treppe hoch in den ersten Stock führt zum Vorzimmer – Kalender mit Blumenmotiven hängen in dem Raum, auf den Aktenschränken stehen Zimmerpflanzen, auf einer digitalen Tischuhr vergeht die Zeit. Es ist Mittwoch, und in dem schlichten Gebäude der Cottbusser Jüdischen Gemeinde herrscht reger Betrieb: Gennadi Kuschnir, der Vorsitzende, und Max Solomonik, sein Stellvertreter, sind beide auf dem Sprung. Ein wichtiger Termin auf dem jüdischen Friedhof steht an, und in der Eile der beiden liegt Anspannung – Gespräche mit dem Denkmalamt sind nichts für nebenbei. Es soll um die Trauerhalle gehen, um das Dach, um die noch bloßen Wände, um das Baugerüst, um Würde.
Später am Tag werden Kuschnir und Solomonik auf dem Friedhof mit der kleinen Gruppe stehen. Aus der Ferne werden sie redend zu sehen sein, sie werden hinaufschauen zum Dach, sie werden das Besprochene wieder mitnehmen in die Gemeinde.
Das Haus der Gemeinde ist ein Spiegel der 90er-Jahre
Das Haus der Gemeinde ist ein Spiegel der 90er-Jahre, einer Zeit, in der die Jüdische Gemeinde von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion neu gegründet wurde. Russisch ist auch mehr als 30 Jahre später allgegenwärtig, und die Fotos verstorbener Gemeindemitglieder, die manche von ihnen in jungen Jahren in Uniform zeigen, erinnern an das sowjetische Erbe vieler Cottbusser Juden.
Zu den Feiertagen kommen die Jüngeren immer zurück.
So fest in der Zeit das Innere zu sein scheint, so gegenwärtig ist der Alltag im Gemeindezentrum. Sonntagsschule, Sprachkurse, Hilfe bei sozialen Fragen: wie im Büro der Sozial- und Migrationsberaterin Valerie Vorkul. Sie erzählt mit Esprit von ihrer Arbeit, von den Herausforderungen, vor denen die Cottbusser Gemeinde stand und steht. Heutzutage seien es eher die älteren Mitglieder, die bei ihr Hilfe suchten. Die Jüngeren sprächen in der Regel perfektes Deutsch, haben einen deutschen Pass und ziehen häufig zum Studium weg aus Cottbus. Sie bräuchten die Gemeinde nicht mehr so wie ihre Eltern und Großeltern. Zu Pessach oder Purim reisten sie aber häufig an, um gemeinsam mit ihren Familien zu feiern.
Aus den großen Fenstern des Gemeindezentrums fällt der Blick über die Bäume hinweg auf die gegenüberliegende Schlosskirche. Mit ihrem schlichten Hauptschiff und dem neugotischen Glockenturm fällt sie auf in einer Stadt wie Cottbus. Die weiße Fassade, die grünen Farbtupfer schenken dem Gebäude Blicke von Einheimischen und Touristen. Die einstige Kirche bildet das Zentrum der Stadt. 1714 als Gotteshaus der Hugenotten errichtet, wurde sie in der DDR entwidmet, nach der friedlichen Revolution neu geweiht und 2014 verkauft, denn sie wurde von der schrumpfenden evangelischen Gemeinde nicht mehr benötigt.
Nach 76 Jahren wieder eine eigene Synagoge
Heute ist in dem Gebäude die Cottbusser Synagoge beheimatet. Mit Unterstützung des Landes Brandenburg zog die Jüdische Gemeinde der Stadt 2015 in das umgewidmete Gotteshaus ein. Die größte Gemeinde des Bundeslandes bekam so nach 76 Jahren wieder eine eigene Synagoge.
Mittlerweile sind elf Jahre vergangen, in denen die neue Synagoge nicht nur am Schabbat und anderen Feiertagen zu einem beliebten Treffpunkt geworden ist. Man kommt zusammen und tauscht sich über Neuigkeiten aus. Auch der Chor trifft sich hier jeden Mittwoch. Mit ausgedruckten Texten sitzen die Sängerinnen und Sänger in den vorderen Reihen und proben gemeinsam. Im CD-Player wird Musik abgespielt. Einige summen Melodien, blicken auf die Texte, laufen umher.
In dem hellen Raum hängen bunte Wimpel: »Herzlich Willkommen«, ist darauf zu lesen. Ein herzliches Willkommen erhalten Besucher per summendem Knopfdruck. Die ungewöhnliche Geschichte des Hauses zieht regelmäßig Touristen an, die an Führungen teilnehmen. Sie sehen dann, wie Gemeindeleben funktionieren kann: Sie hören den Chor proben, sie sehen die hohen Räume und erfahren von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, was es zum Beispiel mit einem besonderen Schwarz-Weiß-Foto der alten Cottbuser Synagoge auf sich hat, die während der Pogromnacht 1938 zerstört wurde.
Aus jener Zeit ist nur dieses Foto und eine Chanukkia erhalten, die aus den Trümmern gezogen wurde. Wie die Synagoge wurde in der NS-Zeit auch die jüdische Gemeinde der Stadt fast vollständig zerstört. Lebten 1933 noch rund 450 Jüdinnen und Juden in Cottbus, waren es nach dem Holocaust nur noch zwei oder drei Familien, die aufgrund ihrer »Mischehen« der Deportation entgangen waren. Heute hat die Gemeinde rund 500 Mitglieder.
Verborgen hinter Bäumen und Gräbern, am Rand der Stadt
Von der einstigen Größe der Gemeinde zeugen nicht nur Fotos und Dokumente. Auch auf dem Südfriedhof gibt es Spuren jüdischen Lebens – verborgen hinter Bäumen und Gräbern, am Rand der Stadt. Die Fahrt mit der Straßenbahn zum Südfriedhof vergeht schnell. Man fährt vorbei an Dreistöckern, an freien Flächen, Zweistöckern, freien Flächen, an höheren Häusern mit Glasfassaden ohne Nachbarn, bis sich ein langes Grün auftut. Wenn die Bahn nach 20 Minuten anhält, wird der Weg lang, denn wo genau der jüdische Teil des Friedhofs liegt, ist zunächst die große Unbekannte. Weder Google Maps noch die Verkäuferin im Blumenladen können weiterhelfen. Erst ein gezeichneter Lageplan hilft.
Gennadi Kuschnir und Max Solomonik sind bereits vor Ort. Sie stehen mit den Mitarbeitern des Denkmalamtes in der Nähe der von massiven Kiefern umgebenen Trauerhalle, einem unscheinbaren Backsteingebäude aus den 1920er-Jahren mit einem Baugerüst an der Seite. Das Besondere zeigt sich erst in der Frontansicht: Die ornamentlose Fassade ist in drei hintereinander angeordnete Stufen gegliedert. In der Mitte ragt sie wie ein massiver, flacher Turm empor. Dort befindet sich ein schlichtes Portal mit einem abgerundeten Vordach.
Die ambitionierte Fassade erzählt von einer Gemeinde, die zu ihrer Zeit versucht hat, Moderne und Tradition miteinander in Einklang zu bringen. Etwas weiter entfernt finden sich Familiengräber aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wie das der Familie Hammerschmidt – im Stil eines Triumphbogens. Daneben: schmucklose Grabsteine aus den frühen 2000er-Jahren bis heute. Dazwischen die Lücke, die der Nationalsozialismus in die jüdische Geschichte der Stadt geschlagen hat. Ein Grab fällt auf. Es ist das von Bernhard Etis. Etis wurde 1920 in Cottbus als Sohn eines jüdischen Schneidermeisters geboren und während des Nationalsozialismus nach Buchenwald deportiert. Als er 2007 starb, war er das letzte Mitglied der alten Gemeinde, das auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurde.
Von der einstigen Größe der Gemeinde zeugen nicht nur Fotos und Dokumente. Auch auf dem Südfriedhof gibt es Spuren jüdischen Lebens.
In jenem Jahr war Mascha Druzyaka, die 2002 mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Cottbus kam, gerade einmal 13 Jahre alt. Heute arbeitet sie als Journalistin für die »Lausitzer Rundschau«. An diesem Mittwoch ist sie in die Gemeinde gekommen, um zu übersetzen. Sie erinnert sich noch gut an die ersten Jahre in Deutschland. Der Zusammenhalt in der Gemeinde war damals vor allem indirekt wichtig: »Es war gar nicht nötig, den Weg in die Gemeinde zu gehen, weil die Leute in der Gemeinde auch meine Nachbarn waren. Man musste nicht Mitglied werden, um Hilfe zu suchen. Man hat sich untereinander geholfen, sei es beim Umgang mit der deutschen Bürokratie oder im Alltag, der häufig prekär war.«
Mascha fühlt und schreibt über ihre Stadt
Auf ihrem Arm trägt Mascha ein Tattoo: »Love, Work, Fuck«, dazwischen ein Uterus. Mascha fühlt und schreibt über ihre Stadt; sie wird an diesem Mittwoch noch auf eine Badesee-Tour gehen.
Für viele Jüdinnen und Juden in Cottbus ist die Gemeinde zu einem Zuhause geworden, für manche eines in der Fremde. In diesem Zuhause werden ihre Probleme gehört, und sie werden verstanden. Wie religiös man ist, das ist hier weniger wichtig als die Erfahrung der Migration und die gemeinsame Sprache: Es ist das alltägliche Leben, das die jüdischen Cottbusser zusammenbringt.
Währenddessen werden im Gemeindehaus Kartons ausgepackt. Sie stehen im PC-Raum. Auf dem Flur klappt eine Tür, manchmal sind Schritte zu hören, die von Raum zu Raum gehen, an diesem Mittwoch in der Gemeinde.