Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Jugendliche in Italien in der Region Emilia-Romagna Foto: Michael Kohls

Frau Cinciper, Sie sind Bildungsreferentin im Kinder-, Jugend- und Familienrat der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Betreuen Sie selbst auch noch Kinder und Jugendliche?
Ich bin hauptsächlich dafür zuständig, die Machanot im Vorhinein zu organisieren. Das, was wir dann vermitteln, die Werte, die Inhalte, das bereite ich alles gemeinsam mit anderen vor. Ich bilde auch die Betreuerinnen und Betreuer aus. Und vergangenes Jahr war ich die ganze Zeit in Italien dabei. Dieses Jahr habe ich Bad Sobernheim besucht.

Gerade beginnt der dritte Turnus. Wie viele Kinder und Jugendliche sind dabei?
In Bad Sobernheim sind es insgesamt etwa 300 Kinder im Alter von acht bis elf Jahren, und ab zwölf Jahren fahren sie nach Italien in die Emilia-Romagna. In diesem Jahr sind es etwa 500 Jugendliche. Dort werden sie noch einmal geteilt, es gibt das »jüngere« und das »ältere« Haus. Das trennen wir nur sinngemäß so, es findet alles in einem Haus und an einem Ort statt. Aber da gibt es ein unterschiedliches Programm und ein unterschiedliches Team jeweils für Zwölf- bis 15-Jährige und diejenigen, die 16 bis 18 sind. Jeder Turnus dauert etwa zehn Tage.

Was waren bisher die Highlights?
Es ist für jeden total individuell, je nachdem, was ein Kind präferiert. Natürlich zählen Ausflüge und gemeinsame Momente wie das Singen am Lagerfeuer dazu. Wir haben ganz viele verschiedene Abendprogramme zu Themen, die die Kinder gerade interessieren, zu Filmen zum Beispiel. Es gibt Kinder, die total gern Sport machen. Und da haben wir auch ein ziemlich breites Angebot in jedem Turnus mit extra ausgebildeten Sportlerinnen und Sportlern. Typisch sind Fußball, Basketball, Tanzen, Yoga, Tischtennis, es kann aber auch ausgefallen sein wie Football oder Paddle. Das kommt immer ganz darauf an, wer gerade da ist und was anbieten kann. In Bad Sobernheim ist ein Highlight, dass die Kinder auch reiten gehen können. Ich glaube, in Italien ist es die Zeit am Strand, weil es wirklich warm ist und schön und entspannt. Aber ich denke auch, dass der Schabbat auf jeden Fall ein Highlight ist. Die ganze Woche ist so voller Action, man geht von einem Ort zum anderen und dann zum Essen. Der Schabbat ist dieser Moment, einmal runterzukommen, noch einmal als Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Man singt zusammen, man betet, man isst, und es ist wirklich eine tolle Atmosphäre, weil das wirklich zusammenschweißt und man die Ruhe genießen kann.

Hatten manche Kinder auch Heimweh, oder gibt es besorgte Eltern, bei denen die Telefondrähte heiß laufen?
Eine gute Mischung aus beidem. Natürlich gibt es Kinder, die Heimweh haben, und dass sie ihre Kinder nicht ständig erreichen können, fällt den Eltern oft schwerer als den Kindern. Gerade bei den Jüngeren in Bad Sobernheim, die das erste Mal überhaupt ohne Familie verreist sind, gehört Heimweh einfach dazu, das ist ein natürlicher Reflex. Das Wichtigste ist, dass damit niemand alleingelassen wird. Wir versuchen, mit den Kindern vor Ort zu arbeiten mit geschultem Personal, das auch mit den Eltern ins Gespräch geht, damit sie den Kindern nicht gleich versprechen: »Wir holen dich morgen ab, wenn es dir nicht gut geht.« Manche Kinder sind am ersten Tag schon volle Kanne im Machane-Fieber, andere Kinder brauchen etwas Zeit, um da reinzukommen. Wir haben dieses Jahr auch für die Eltern eine WhatsApp-Gruppe, wo sie zwar selbst nichts hineinschreiben können, aber im Stundentakt Updates und Bilder von ihren Kindern bekommen, was sie gerade machen, damit sie beruhigt sind und wissen, dass es den Kindern gut geht.

Wie sollte eine perfekte Ferienzeit heute aussehen?
Ich denke, das hängt sehr individuell davon ab, was für ein Typ ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin ist. Was am Machane wirklich toll ist – selbst wenn man das erste Mal dabei ist und aus einer kleinen Stadt irgendwo in Deutschland kommt, wo es nicht viele andere jüdische Jugendliche oder Kinder gibt: Man hat die Möglichkeit, neue Freundschaften zu schließen, die ein Leben lang halten. Auch ich habe Freunde, die ich mit zwölf Jahren auf Machane kennengelernt habe, die heute zu meinen besten Freunden gehören. Es ist dieses neue Ausprobieren, neue Erlebnisse schaffen, als Gemeinschaft zusammenwachsen. Und wir bieten ja nicht nur Ferienfreizeiten an, sondern haben uns ganz explizit zu einer Ferienbildungsfreizeit entschlossen, weil es wichtig ist, dass wir auch jüdische Werte und jüdische Bildung weitergeben, natürlich verbunden mit Spiel, Spaß, Freizeit, Strand, Schwimmbad, Reiten und Sport. Es geht aber eben nicht nur darum, dass die Kinder und Jugendlichen Freizeit haben, sondern dass sie mit einem Rucksack voller neuer Ideen, Inspirationen und Werte nach Hause gehen, die sie in ihrem Alltag dann anwenden können.

Werden bei extremen Wetterlagen Vorkehrungen getroffen?
Auf jeden Fall. Die Wasserbestellungen haben sich verdoppelt. In Italien sind wir Hitze gewohnt, da ist der Tag daran angepasst. Und in diesem Jahr haben wir dort noch zusätzliche Schattenmöglichkeiten auf dem Gelände geschaffen. Auch in Bad Sobernheim haben wir das Programm angepasst, sodass die Kinder zum Beispiel öfter ins Schwimmbad gegangen sind oder dass Veranstaltungen und Aktivitäten, wenn es sehr warm ist, in der klimatisierten Mehrzweckhalle stattfinden. Damit die Kinder der Hitze – es kann ja auch mal bis zu 35 Grad heiß werden – nicht direkt ausgesetzt sind und gerade dann Sport machen auf dem Fußballfeld.

Dürfen die Kinder auch mal das Smartphone zur Hand nehmen?
Wir haben feste Handyzeiten. Am Anfang des Machanes sammeln wir die Handys quasi ein. Dann können die Eltern in der Handyzeit übers Elterntelefon anrufen. Wir sind nicht generell gegen Smartphones oder die digitale Welt. Wir sind dort selbst total aktiv und nutzen das auch sehr. Es ist einfach eine super wichtige Plattform für uns. Und Smartphones gehören einfach zum Alltag der Kinder. Das heißt, wir können es ihnen nicht ganz nehmen, und wir wollen das auch gar nicht. Aber es gibt eben feste Handyzeiten, und ich glaube, den Kindern tut es auch ganz gut, mal weg von ihren Handys zu sein. Die Bildschirmzeit zu reduzieren, im Hier und Jetzt zu sein. Bevor wir die Änderung vorgenommen haben, hatten alle ihre Handys an und ständig parat. Im ersten Sommer, in dem wir die Handys eingesammelt hatten, war ich total verwundert – ich war Madricha –, denn die Kinder begannen plötzlich, miteinander Karten zu spielen oder nach Gesellschaftsspielen zu fragen. Sie sind rausgegangen, haben sich einen Fußball genommen und so weiter. Das hatten wir eine Zeit lang wirklich nicht. Deswegen finde ich das sogar eine ziemlich positive Entwicklung. Die Kinder sind am Anfang demgegenüber zwar sehr kritisch – wie soll ich zehn Tage ohne mein Handy aushalten? Aber am Ende sind sie auch dankbar dafür, dass sie dadurch ein bisschen Ruhe von uns bekommen.

Mit der Bildungsreferentin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) sprach Helmut Kuhn.

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