Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Vorbild Bnei Brak? In der kleinen israelischen Stadt gibt es Synagogen mit reichlich improvisierten Klimakonstruktionen. Foto: Marco Limberg

Freitag 36 Grad, Samstag 38 Grad, nachts vielleicht eine Abkühlung auf 24 Grad. Ab und an ein bisschen Regen. Wer sich die Wettervorhersage von Mannheim für das Wochenende ansieht, dem wird schon allein vom Lesen heiß. Die badische Stadt ist eine von vielen, die unter den hohen Temperaturen leiden. Und das nicht erst am Wochenende, sondern auch schon an den Tagen zuvor. Ralf heißt das Hoch, das dafür verantwortlich ist, dass viele den Schatten suchen und an gekühlte Räume denken.

Und genau diese hohen Temperaturen sind es, die die Jüdische Gemeinde Mannheim in den vergangenen Wochen dazu gebracht haben, die Gottesdienste aus der Synagoge zu verlagern – in einen Saal mit Klimaanlage. »Unsere Synagoge ist nicht klimatisiert«, sagt Katja Grenningloh von der Gemeinde. »Wenn es so heiß ist, wechseln wir in einen größeren Veranstaltungsraum. Das kostet ein wenig Zeit, denn der Saal muss bestuhlt werden.« Alles muss am richtigen Ort stehen.

Gottesdienst und Kiddusch in gekühlten Räumen

Umso erfreuter war man, wie viele Beter zum Gottesdienst kamen. »Dieses Jahr ist es das erste Mal, dass wir es so gemacht haben.« Gottesdienst und Kiddusch in gekühlten Räumen. Bis in die erste Septemberwoche soll dieser kleine Umbau noch dauern. Und dann beginnen auch schon die Hohen Feiertage. Wie es da mit den Gottesdiensten gehandhabt wird, ist Teil von Überlegungen. Eigentlich sollen die Gottesdienste in der Synagoge stattfinden – ein paar Ventilatoren gibt es zwar, aber die Hoffnung, dass es bis dahin nicht mehr so heiß ist, die ist größer.

Auch 80 Kilometer weiter nördlich, in Mainz, sollen die Temperaturen am Wochenende bei mehr als 35 Grad liegen. Und wenn Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky dann den Gottesdienst leitet, liegen bereits ein paar Versuche, den kleinen Gebetsraum zu kühlen, hinter ihm. »Ich persönlich lüfte die Synagoge jeden Morgen, indem ich die Fenster öffne und ebenso die Fenster in den anderen Bereichen des Gebäudes, sodass durch den Durchzug die Hitze zumindest teilweise aus der Synagoge entweichen kann«, sagt er.

Damit niemand allzu sehr unter der Hitze leidet, fasst sich der Rabbiner kurz.

Die Hitze sei in der Neuen Synagoge Mainz »tatsächlich ein großes Problem«. Der Gebetsraum habe nämlich nur zwei sehr kleine Seitenfenster, die geöffnet werden können, und eine Klimaanlage ist nicht installiert. »In diesem Sommer haben wir allerdings viele neue Ventilatoren bekommen, etliche waren eine Spende des Fördervereins Neue Synagoge Mainz.« Zwar helfen die Geräte durchaus, aber sie brächten, schildert Vernikovsky, »eine gewisse Geräuschkulisse mit sich, die während des Gottesdienstes nicht ideal ist«. An sehr heißen Tagen kämen deshalb tatsächlich weniger Menschen zum Gebet.

Hinzu kommt, dass die Architektur des 2010 eröffneten Gebäudes die Situation zusätzlich schwierig macht: »Der Gebetsraum liegt wie eine Sackgasse innerhalb der Gesamtarchitektur und hat sehr hohe Decken«, sagt Vernikovsky. Dadurch sammele sich dort besonders viel warme Luft. Und durch das große Glasdach über dem Gebäude heizt sich der Raum zusätzlich auf. Die Synagoge hat zwar einen frischen und modernen Look, aber frisch ist es im Sommer definitiv nicht.

Timing ist gefragt

Über zu viel Kälte im Hochsommer kann sich auch die Weill-Synagoge in Dessau, die vor knapp drei Jahren eröffnet wurde, nicht beklagen. In der anhaltischen Stadt ist daher Timing gefragt: »Wenn wir das Gerät einen Tag vorher einschalten, ist es auszuhalten; die Raumtemperatur verbessert sich merklich, die Synagoge ist kühl. Und dann kann der Gottesdienst auch stattfinden«, sagt Aron Russ, Geschäftsführer der Gemeinde. Erst vor Kurzem wurde eine Klimaanlage mit zwei Innengeräten installiert. Nicht nur als Reaktion auf Kritik, sagt Russ, sondern die Gemeinde »sah es als notwendig an, die Temperatursituation in der Synagoge zum Schutz unserer Mitglieder und Besucher zu verbessern«.

Dem voraus gingen Messungen: »Es gab eine Raumklimamessung, die den Wunsch, eine Klimaanlage zu installieren, bestätigt hat. In der Synagoge haben wir ein Volumen von 800 Kubikmetern.« Zwar habe die Lüftung einen sogenannten Nachtkühlmodus, der aber war unzureichend – und die hohen Nachttemperaturen schafften es nicht, den Raum merklich herunterzukühlen. Im vergangenen Jahr hatte Dessau am 2. Juli mit 38,5 Grad seinen heißesten Tag. Die Auswirkungen tropischer Sommer spiegeln sich auch im Gemeindeleben wider. Einige Veranstaltungen und mehrere Gottesdienste mussten bei teilweise 30 Grad Innentemperatur abgesagt werden. Eine Besucherin, berichtet Russ, sei bei einer Führung im Hochsommer ohnmächtig geworden. Das möchte niemand mehr erleben.

Im vergangenen Jahr mussten Gottesdienste und Veranstaltungen abgesagt werden.

Die Gemeinde Dessau ist daher vorsichtig und rät ihren betagteren Mitgliedern, »an heißen Tagen für wichtige Anliegen eher vormittags in die Gemeinde zu kommen als nachmittags, wenn es so heiß ist«. Es gibt Wasser im Gemeindehaus, aber die Belastung durch die Wegstrecke zur Gemeinde und wieder zurück kann doch enorm sein. Immerhin ist die Zahl der Beter, die zum Gottesdienst in die Weill-Synagoge kommen, »relativ stabil geblieben«, sagt Aron Russ.

Absagen musste das Altenheim der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main einen Gottesdienst nicht. Die Synagoge im Haus ist seit rund zehn Jahren klimatisiert. Aber es gibt einen Neuzugang: Im vierten und fünften Stock wurden, rechtzeitig vor der jüngsten Hitzewelle im Juni, Klimageräte eingebaut, sagt Sandro Huberman, Leiter des Altenzentrums.

Dankesbrief an die Gemeinde

»Wir hatten nämlich die Sorge, dass dieses Jahr genau so eine Wetterlage eintreten kann, und sind mit dem Anliegen an den Träger herangetreten.« Dafür sei man der Jüdischen Gemeinde immer noch sehr dankbar. Ein Wohnbereich schickte sogar einen Dankesbrief an die Gemeinde. Das Flachdach des Hauses habe sich immer sehr stark aufgeheizt und somit auch die Bereiche darunter. Der Bau aus den 70er-Jahren, der in den 2000er-Jahren grundlegend saniert wurde, passt sich nun den neuen klimatischen Bedingungen an.

Aber auch für alle anderen Wohnbereiche ohne Klimatisierung gibt es eine »Handlungsanweisung zur Hitzeprophylaxe«. Was genau das ist, beschreibt Huberman so: »Ein Teil der Hitzeprophylaxe ähnelt Maßnahmen, die man auch zu Hause trifft: frühmorgens, abends oder nachts lüften, damit tagsüber so wenig heiße Luft wie möglich in die Bewohnerzimmer und in das Haus kommen.« Das Ziel sei, tagsüber abzudunkeln und so wenig Einzug von heißer oder warmer Luft wie möglich zu haben.

Auch in der Mainmetropole soll es Ende der Woche wieder heiß werden. Hinzu kommt: »Wir hatten hier in Frankfurt und im Südwesten Deutschlands zum Teil auch tropische Nächte.« Abkühlung ist also erst einmal nicht in Sicht.

So angenehm wie möglich

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter greifen aber auch auf eher klassische Methoden zurück, um es allen Bewohnern so angenehm wie möglich zu machen, wenn die Temperaturen nach oben klettern. Feuchte Tücher, die im Raum aufgehängt werden, zählten dazu, ebenso Ventilatoren, wobei, sagt Huberman, man dabei natürlich beachten müsse, »dass es keine direkte Zugluft auf die Bewohner gibt«. Außerdem habe das Haus »kühle Oasen«, alle Gruppenräume seien bereits klimatisiert. Veranstaltungen, Gruppenaktivitäten und Konzerte würden ins Erdgeschoss verlegt.

Die Hitzewelle sei für alle anstrengend. Mit Blick auf die Auswirkungen, die das Klima vor allem auf ältere Menschen haben kann, sagt Huberman rückblickend auf die heißen Tage im Juni: »Wir sind glimpflich davongekommen.«

An heißen Tagen gibt es Melone, leichte Kost und viel Wasser.

Viele Bewohner des Hauses können im Garten unter einem neuen Sonnenschutz sitzen, denn die Bäume könnten nicht alles abdecken. Und wenn Kühle von außen nicht genug ist, dann kühlt man sich von innen: mithilfe von ausreichend Flüssigkeitszufuhr und leichter Sommerkost. »Jeden Tag bei Hitze wird Melone verteilt und Eis zur Abkühlung.«

Eis gibt es in der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf nicht, aber auch Samuel Kantorovych achtet auf ausreichend Wasser vor dem Gottesdienst. Im Haus fühle man jegliches Wetter, sagt der Jugendrabbiner, der seit April vergangenen Jahres in der Gemeinde amtiert, und deswegen beuge er der Hitze über die Kleidung vor: »Ich lasse mein Sakko und die Krawatte weg und krempele die Ärmel vom Hemd hoch. Den Tallit trage ich nicht die ganze Zeit, denn er ist ja aus Wolle. Das ist das Einzige, was wir als Rabbiner machen können.« Eigentlich aber, erzählt Samuel Kantorovych, sei das »ganz cool, weil es den Charakter unserer Gemeinde widerspiegelt. Wir sind halt locker«.

Ohne allzu formellen Dresscode

Der Umgang miteinander sei in der drittgrößten Gemeinde Deutschlands fast schon familiär. »Deswegen kann man das einfach auch mal machen – ohne einen allzu formellen Dresscode. Sowohl bei uns Rabbinern als auch bei den Gemeindemitgliedern.«

Bei sehr hohen Temperaturen kämen auch in Düsseldorf weniger Beterinnen und Beter zum Gottesdienst. Unter der Woche finden die Gebete im klimatisierten Foyer statt, aber an Schabbat geht es in die Synagoge – ohne Klimagerät. Damit auch dort niemand allzu sehr unter der Hitze leidet, fasst sich der Rabbiner kurz: »Ich achte darauf, dass ich die Rede nicht allzu lang gestalte. Manchmal ist dann einfach alles gesagt.«

Das kann also helfen – bis die Temperaturen wieder angenehmer werden. Vielleicht passiert das, sobald sich »Hoch Ralf« verzogen hat. Laut Deutschem Wetterdienst könnte es Anfang kommender Woche so weit sein – eventuell.

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