Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir uns ernsthaft fragen:
Wollen und können wir noch in Berlin bleiben?
Der Wahlerfolg der Linken hat bei uns nicht einfach politische Enttäuschung ausgelöst. Er hat etwas viel Tieferes berührt: unser Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Vertrauen in diese Stadt.
Als jüdische Menschen erleben wir die Debatte über Antisemitismus nicht als abstrakten politischen Streit. Wir erleben sie als etwas, das unseren Alltag und unser Sicherheitsgefühl unmittelbar betrifft.
Und deshalb hat vielen von uns Juden die Reaktion des Linken-Politikers Bodo Ramelow auf die Warnungen des Zentralrats der Juden besonders irritiert. Während Josef Schuster auf antisemitische Grenzüberschreitungen im Umfeld der Berliner Linken hingewiesen hat, erklärte Ramelow, er habe dafür »null Verständnis«.
Aber vielleicht wäre zunächst etwas anderes angebracht: zuhören.
Zuhören, wenn jüdische Vertreter Alarm schlagen. Hinsehen, wenn bei einer Wahlkampfveranstaltung in Neukölln zu Gewalt gegen Israel und zur Auslöschung des jüdischen Staates aufgerufen wird. Und vor allem: dafür sorgen, dass solche Vorgänge innerhalb der eigenen Partei konsequent aufgeklärt werden.
Herr Ramelow: Der Zentralrat der Juden ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei.
Wer den Zentralrat kritisiert, sollte zunächst dafür sorgen, dass antisemitische Grenzüberschreitungen im eigenen politischen Umfeld nicht relativiert, verharmlost oder ausgesessen werden.
Dabei geht es natürlich nicht darum, Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch abzustempeln. Eine Demokratie muss politische Kritik aushalten. Aber genauso muss sie dort eine Grenze ziehen, wo Judenhass, Gewaltverherrlichung oder antisemitische Ausgrenzung beginnen.
Und während wir uns fragen, ob wir unsere Heimat verlassen müssen, liefern sich die sogenannten großen Parteien weiterhin ihre bekannten Talkshow-Gefechte. Als wäre nichts geschehen. Als hätten die dramatischen Wahlergebnisse nicht gezeigt, wie groß die Entfremdung inzwischen ist.
Wir fragen uns deshalb: Wann hören die Parteien endlich auf, sich selbst zu erklären – und beginnen damit, den Menschen zuzuhören?
Wir wollen nicht weg aus Berlin.
Wir wollen nicht unsere Heimat verlassen müssen, weil wir uns fragen, ob wir hier als jüdische Menschen noch sicher und willkommen sind.
Unser Appell ist deshalb glasklar: Hört auf, Antisemitismus mit zweierlei Maß zu messen. Hört auf, Warnungen jüdischer Vertreter reflexhaft zurückzuweisen. Schaut in die eigenen Reihen. Benennt antisemitische Vorfälle – unabhängig davon, wer sie verursacht. Und handelt.
Denn jüdisches Leben braucht keine Sonntagsreden an sicheren Orten.
Es braucht Schutz. Haltung. Und Konsequenz.
Dass ich - und mit mir auch andere - inzwischen ernsthaft darüber nachdenke, Berlin zu verlassen, sollte niemand als politische Provokation abtun.
Es ist unser persönlicher Weckruf.
Die Autorin ist Kantorin, freie Publizistin und lebt in Berlin.