Der israelische Bestsellerautor Dror Mishani war schon mehrfach in München. Sein Debüt gab er im Frühjahr 2018 mit Die schwere Hand, dem dritten Fall des Ermittlers Avi Avraham, im Jüdischen Gemeindezentrum. Im Sommersemester 2022 kam Mishani – auf Einladung des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur – als Amos-Oz-Gastprofessor für Hebräische Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität wieder.
Sein Blockseminar für die Studenten trug den Titel »Reading Fiction, Writing History«, ein öffentlicher Vortrag war dem Thema »On Writing Crime Fiction in Hebrew« gewidmet, und im Literaturhaus München stellte er seinen Roman Vertrauen vor. Damals hielt Mishani sich so lange in München auf, dass seine Frau Marta Marzanska-Mishani, die als Historikerin in Yad Vashem speziell über den Holocaust in Polen arbeitet, mit ihm kam.
Studien über menschliche Abgründe im Gewand psychologisch überzeugender Kriminalromane
Man kann sagen, dass Mishani in München eine richtige Fan-Gemeinde gewonnen hat, die seine Studien über menschliche Abgründe im Gewand psychologisch überzeugender Kriminalromane schätzt. Im Juni 2025 sollte er mit etwas ganz anderem zurückkehren, nämlich Fenster ohne Aussicht. Tagebuch aus Tel Aviv, das er am 7. Oktober 2023 begonnen hatte.
Der iranisch-israelische Zwölftagekrieg machte die Reise unmöglich. Nicht nur praktisch, sondern auch persönlich, weil er in der fortdauernden Bedrohungslage seine Frau und die beiden Kinder nicht alleinlassen wollte. Was er damals über den israelischen Alltag in Kriegszeiten und die Veränderungen in der israelischen Gesellschaft angesichts eines beispiellosen Massakers und des anschließenden Gaza-Kriegs beobachtete, sollte erst ein Jahr später auf andere Weise erörtert werden.
Im Herbst 2026 kam Mishani nämlich mit einem neuen Buch mit dem Titel Nicht wieder, dieses Mal erneut ins Jüdische Gemeindezentrum. Im Gespräch mit dem langjährigen ARD-Israel-Korrespondenten und Sachbuchautor Richard C. Schneider wurde schnell deutlich, dass die vordergründige Liebesgeschichte Israel in der Jetztzeit widerspiegelt. Der Originaltitel Die vorletzte Chance entspräche, so Schneider, dem Inhalt sehr viel mehr. Es gehe nämlich um Eli, einen verwitweten Übersetzer, der die Cellistin Lia kennenlernt und noch einmal eine große Liebe erlebt. Als er ihren Hund verliert und dies nicht eingestehen kann, verstrickt er sich zunehmend in einem Lügengespinst.
Mishanis eigener Traum sei es gewesen, Musiker zu werden.
Nicht nur die Berufskollegin und Psychologin Ayelet Gundar-Goshen, eine seiner ersten Leserinnen, empfand Nicht als ein Buch über den Krieg und was er mit den Menschen in Israel macht. Für Dror Mishani, der einräumt, in jede seiner männlichen Figuren etwas von sich selbst einzubringen, stellt sich die Frage, wie man ins Leben und zu neuer Liebe zurückkehren könne, nachdem so viele geliebte Menschen verloren gingen. Frauen darzustellen, falle ihm leichter, weil er sie basierend auf denen, die er getroffen habe, beschreibe oder aber seiner Fantasie folge.
»Musik ist für mich Wahrheit, Sinnbild der Kunst«
Sein eigener Traum sei es gewesen, Musiker zu werden und nicht Schriftsteller, bekennt Mishani: »Musik ist für mich Wahrheit, Sinnbild der Kunst.« Seine Romanfigur Lia, offen, vertrauensvoll, optimistisch, obwohl auch sie über den Tod Bescheid weiß, weil sie als Kind ihren Vater durch einen Autounfall verlor, fühlt sich in ihrer Musik zu Hause. Eli ist seit dem Tod seiner geliebten Frau ein eher düsterer Mensch, belastet durch unausgesprochene Schuldgefühle, unfähig, eine Lebenskrise souverän zu meistern.
Robert Dölle las im Hubert-Burda-Saal Schlüsselpassagen. Die noch unverfängliche Aufforderung Lias – »Du sagst die Wahrheit« – wird durch Elis späteres Verhalten vollständig torpediert. Und es gibt noch zwei weitere Protagonisten im Buch, den Hund Felix, der »Glückliche«, mit einem verheimlichten, sehr unglücklichen Schicksal, und ein lyrisches Ich, ein allwissendes Gegenüber, das Eli durch seine sich steigernden Fehltritte begleitet.
Dror Mishani, seit rund fünf Jahren selbst Hundebesitzer, glaubt festzustellen, dass Hunde oft Eigenschaften aufweisen, die ihren Menschen fehlen. Ist jemand sanft und freundlich wie Lia, dann erweist sich das Tier als dominant bis aggressiv. Freude bereitete ihm Ruben, der treue Begleiter von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, die sich diesen Abend ebenso wenig entgehen ließ wie die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher.
Verstrickungen in Angst, Lügen und Misstrauen
Schneider fragte, ob Elis Verstrickungen in Angst, Lügen und Misstrauen als Parabel auf die Gesellschaft und Regierung in Israel zu verstehen seien. Daran habe er nicht gedacht, meint Mishani, spricht von »Gaslighting«, einer Form psychischer Gewalt und emotionaler Manipulation. In Israel habe man Nicht übrigens ganz anders wahrgenommen als etwa im deutschen Sprachraum. Als er sich kürzlich für einen Monat im Literarischen Kolloquium in Berlin aufhielt, fragte niemand nach seiner Befindlichkeit in Israel. Als er wiederum selbst den ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow traf, wollte er natürlich wissen, wie dieser sich derzeit in Kyjiw fühle.
Nach seinem jüngsten München-Besuch, für den sein Sohn Benjamin vor Antritt des Militärdiensts für ein paar Tage zu ihm stieß, fuhr Dror Mishani nach Warschau. Dort – ohne Sprachkenntnis – hat er die Ruhe, bis zur Aufnahme seiner Dozententätigkeit zu Semesterbeginn in freiwilliger Isolation an seinem nächsten Roman zu arbeiten.
Dror Mishani: »Nicht«. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes, Zürich 2026, 187 S., 25 €