Architektur

Von Brandenburg nach Haifa

An der Altenhofer Straße 2 in Eberswalde-Finow, gut 50 Kilometer nordöstlich von Berlin, findet sich ein kleines, frei stehendes Haus in jämmerlichem Zustand. Die Außenwände sind aufgerissen, die Dämmung ist entfernt, die Zimmer sind feucht und modrig. Nichts erinnert mehr an die Menschen, die hier einmal gelebt haben: keine Möbel, keine Bilder, keine persönlichen Gegenstände. Auch der Garten ist verwildert, die morschen Bretter der Veranda lassen sich mit bloßen Händen herausreißen. Eines von vielen maroden Einfamilienhäusern, an denen die ostdeutsche Provinz so reich ist.

Und doch ist der historische Wert des 1932 errichteten, gerade einmal 36 Quadratmeter großen Hauses so hoch, dass es nun für rund eine halbe Million Euro restauriert wird. Läuft alles nach Plan, ist es im kommenden Jahr wieder in seinem ursprünglichen Zustand zu besichtigen.

Modular, transportabel und industriell vorgefertigt

Es gehört zu einer Modellsiedlung, die das jüdische Unternehmen Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG (HKM) 1932 neben seinem Fabrikgelände errichten ließ. Entworfen wurde es von Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses. Das Haus ist modular, transportabel und industriell vorgefertigt; seine Außenhaut besteht aus Kupfer. Wer es damals im Katalog bestellen wollte, fand es unter einer nüchternen Bezeichnung: Typ K. Es hatte jedoch auch einen weiteren Namen, der etwas ganz anderes versprach: »Sorgenfrei«.

Das Gropius-Haus ist eines von vielen Relikten eines fast vergessenen Kapitels deutsch-jüdischer Geschichte. Auf dem angrenzenden Messingwerkgelände, auf dem zu Hochzeiten rund 3000 Menschen arbeiteten, stehen noch heute die mit jüdischen Ornamenten verzierte Hirsch-Villa, schmucke Arbeiterhäuser und ein alles überragender Wasserturm. Auch eine Laubhütte aus dem 19. Jahrhundert hat überdauert. Sie wurde erst 2006 bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt und restauriert. Wer hier einen Rundgang unternimmt, betritt einen Ort, an dem preußische Industrie auf orthodoxes Judentum traf und alteingesessene deutsche Juden auf junge Zionisten.

1863 erwarb das Halberstädter Familienunternehmen Aron Hirsch & Sohn das königlich-preußische Messingwerk. Drei Generationen zuvor waren die Hirschs noch kleine Krämer gewesen, nun befanden sie sich auf dem Weg in die industrielle Elite Preußens. Auf dem Werksgelände errichteten sie Wohnungen für ihre Arbeiter, eine Schule, eine Feuerwehr und eine Unterstützungskasse für Kranke.

Während das Unternehmen wuchs, pflegten die Hirschs und ihre jüdischen Angestellten den Glauben ihrer Vorfahren. Gustav Hirsch ließ im Verwaltungsgebäude einen Gebetsraum einrichten und unterstützte gemeinsam mit seinem Schwager, dem Rabbiner Esriel Hildesheimer, die orthodoxe Berliner Gemeinde Adass Jisroel. Seine bescheidene Villa stand gleich neben den Häusern seiner Angestellten.

Keimzelle des deutschen Zionismus

Ausgerechnet dieses orthodoxe Milieu wurde zu einer Keimzelle des deutschen Zionismus. Junge Männer wie Kurt Blumenfeld, Richard Lichtheim, Moses Calvary und Felix Rosenblüth, der spätere israelische Justizminister Pinchas Rosen, diskutierten auf dem Werksgelände über die Zukunft der europäischen Juden. Aus dem sogenannten Messingwerk-Kreis kamen Anstöße für die zionistische Jugendbewegung, die sich ab 1912 im Jüdischen Wanderbund Blau-Weiß organisierte.

Während des Ersten Weltkriegs richtete Siegmund Hirsch neben dem Werk einen landwirtschaftlichen Betrieb ein, eine der ersten Hachschara-Stätten Deutschlands, in der junge Juden auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden. Die Familie, die vorher lange Zeit gegen den Zionismus war, finanzierte schließlich selbst Landkäufe in Palästina.

Nach dem Ersten Weltkrieg stand das Hirsch-Werk vor einem existenziellen Problem: Die Rüstungsproduktion war eingebrochen, und die während des Krieges stark ausgebauten Anlagen verfügten nun über gewaltige ungenutzte Kapazitäten. Zugleich herrschte in Deutschland Wohnungsnot. Die Fabrik, die zunächst Baustoffe aus Kupfer und Messing herstellte, sollte jetzt Fertighäuser in Serie produzieren.

Vorgefertigte Holzrahmen, außen mit Kupferblech, innen mit Stahlblech verkleidet

Die technische Grundlage lieferte der ungarische Ingenieur Frigyes Förster. Sein patentiertes System bestand aus vorgefertigten Holzrahmen, außen mit Kupferblech, innen mit Stahlblech verkleidet. Fenster und Türen waren bereits in die Elemente eingesetzt, Wasser-, Strom- und Gasleitungen verliefen in den Wänden. Die Dämmung sollte einer zwei Meter dicken Ziegelmauer entsprechen und der Aufbau an einem Tag möglich sein. 1929 übernahm die HKM das Patent und begann mit einer eigenen Baureihe.

»Wie einfach – wie schön!«, versprach der Katalog. Käufer konnten zwischen verschiedenen Wandreliefs und Farben wählen. Einbauschränke, eine komplette Küche und sogar ein eingebautes Bügelbrett gehörten zur Ausstattung. Der Katalog versprach sogar eine Lebensdauer von 750 Jahren. Vor allem aber verkaufte es Sicherheit. Das eigene Haus, hieß es in der Werbung, verschaffe einer Familie festen Boden unter den Füßen, diene als Altersvorsorge und begründe Kreditwürdigkeit.

Für Deutsche, die wenige Jahre zuvor erlebt hatten, wie ihre Ersparnisse in der Inflation verschwanden, war das eine starke Botschaft: Holz verrottet, Papiergeld verliert seinen Wert; Kupfer entwickelt eine Patina, die es von den Zumutungen der Außenwelt schützt. Die Häuser kamen aus der Fabrik, standardisiert, erweiterbar, transportabel. Doch sie trugen Namen wie »Eigenscholle« oder »Kupfercastell«, hatten Walmdächer, Ornamente und kleine Gärten: modern und altmodisch zugleich.

Das Haus konnte man im Katalog unter der nüchternen Bezeichnung »Typ K« bestellen.

1931 übernahm Walter Gropius die Leitung der HKM-Bauabteilung. Der Bauhaus-Gründer sah in der industriellen Fertigung die Zukunft des Wohnens, störte sich aber an der traditionellen Verpackung. Die bisherigen Modelle erschienen ihm konservativ und kleinbürgerlich. Seine eigenen Entwürfe sollten sich ästhetisch zu ihrer industriellen Serienfertigung bekennen.

Das Fertighaus sollte Verwurzelung ermöglichen, nicht sie beseitigen

Design-Avantgarde und Fachpresse bevorzugten die funktionalen Gebäude von Gropius, die Käufer jedoch blieben traditionellen Formen verhaftet. Das war durchaus keine Ablehnung der Moderne. Sie wollten Zentralheizung, Wärmedämmung, Einbauküche und ein Haus, das in wenigen Tagen errichtet werden konnte. Nur wollten sie deshalb nicht auf Spitzdach, Ornament, Garten und den vertrauten Ausdruck eines Eigenheims verzichten. Das Fertighaus sollte Verwurzelung ermöglichen, nicht sie beseitigen. Als die Kupferhausabteilung später geschlossen wurde, erklärte ihr Leiter einem Interessenten, die Gropius-Modelle seien ein Experiment geblieben, weil die Kunden die konventionelleren Entwürfe vorgezogen hätten.

Mit Hitlers Machtübernahme wurden deutsche Juden aus dem Wirtschaftsleben gedrängt. Wer nach Palästina wollte, stand vor einem doppelten Problem: Die deutschen Devisenbestimmungen erschwerten es, das eigene Vermögen auszuführen, während die britische Mandatsverwaltung für ein »Kapitalistenzertifikat« den Nachweis von 15.000 Reichsmark verlangte.

Die kurz zuvor gegründete Deutsche Kupferhausgesellschaft fand einen eigenen Ausweg. Am 24. Juli 1933, noch vor dem Ha’avara-Abkommen, erreichte sie beim Reichswirtschaftsministerium eine Sondergenehmigung: Auswanderer durften ein Kupferhaus als Umzugsgut mitnehmen, ohne dass sein Wert auf die geforderten 1000 Pfund angerechnet wurde. Das Haus war damit Eigenheim und mobiles Kapital zugleich. F

ür den neuen Markt wurden die Modelle in »Haifa«, »Jerusalem«, »Tel Aviv«, »Jaffa«, »Scharon« und »Libanon« umbenannt. Sie ließen sich zerlegen, in Kisten verpacken, nach Haifa verschiffen und dort wieder aufbauen. Aus dem Haus, das Sicherheit, Sesshaftigkeit und Heimat versprochen hatte, war ein Mittel der Flucht geworden.

1934 untersagte das Reichswirtschaftsministerium die weitere Produktion. Kupfer wurde für die Aufrüstung gebraucht. Die Familie Hirsch, schon in der Weltwirtschaftskrise aus dem Unternehmen gedrängt, floh nach Palästina, Ägypten und Großbritannien. 1941 verschwand ihr Name aus der Firma; ein Jahr später gliederte die AEG das Werk ein, jener Elektrokonzern, den ein anderer jüdischer Unternehmer, Emil Rathenau, gegründet hatte.

Typ K »Sorgenfrei« denkmalgerecht in seinen bauzeitlichen Zustand zurückversetzt

Fast 100 Jahre später wird also das kleine Gropius-Haus in Finow wiederhergestellt. Die Stadt Eberswalde lässt Typ K »Sorgenfrei« denkmalgerecht in seinen bauzeitlichen Zustand zurückversetzen. Vorgesehen sind anschließend Besichtigungen, Führungen und Veranstaltungen. Und während dort die Kupferfassade restauriert wird, ist der alte Streit, den Gropius mit den Käufern der Kupferhäuser führte, erneut entbrannt.

In Sachsen-Anhalt hat die AfD das Bauhaus als »Irrweg der Moderne« und als »von abgrundtiefer Hässlichkeit« bezeichnet. Ihr Kulturpolitiker Hans-Thomas Tillschneider warf ihm im Landtag vor, das menschliche Bedürfnis nach »Geborgenheit und Behaglichkeit« missachtet zu haben. Andere Parteien und Kulturins­titutionen reagierten mit scharfer Kritik.

Die Versuchung ist groß, auch die Architekturgeschichte entlang dieser heutigen politischen Fronten zu sortieren: hier das kosmopolitische, demokratische Bauhaus, dort Heimat und Tradition. Nur passt die Geschichte von Finow schlecht in dieses Schema. Es war ein jüdisches Unternehmen, das modernste industrielle Fertigung und Materialien mit einer bürgerlich-konservativen Ästhetik verband. Das verwendete Kupferblech sollte die Bürger auch an die geliebten grün schimmernden Kirchtürme erinnern. Gropius suchte den Neuanfang, einen radikalen Bruch mit den Konventionen der Epoche.

Doch auch die verbreitete Vorstellung vom Bauhaus als einer Art ästhetischer Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus ist eher Mythenbildung denn Geschichte. Das Bauhaus wurde unter dem Druck der Nationalsozialisten 1933 geschlossen. Walter Gropius und der letzte Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe gingen jedoch erst ins Exil, nachdem sie sich beim NS-Regime (erfolglos) um Aufträge bemüht hatten. Zahlreiche Bauhäusler setzten ihre Karrieren im »Dritten Reich« fort. Fritz Ertl etwa zeichnete als stellvertretender Leiter der Zentralbauleitung den ersten Lageplan von Auschwitz-Birkenau.

Muss Modernisierung den Bruch mit dem Überlieferten bedeuten?

Interessanter als die nachträgliche politische Zuordnung ist deshalb die Frage, die Gropius und die Käufer der Kupferhäuser schon vor fast 100 Jahren umtrieb. Muss Modernisierung den Bruch mit dem Überlieferten bedeuten? Muss eine internationale technische Moderne auch einen internationalen Stil hervorbringen? Oder kann dieselbe moderne Technik dazu dienen, Menschen gerade das zu geben, wonach sie sich offenbar wider allen Avantgarden sehnen: einen bestimmten Ort, ein kleines Grundstück, ein Haus, das als ihr Haus erkennbar ist und eine ästhetische Tradition fortführt?

Die Kupferhäuser verweigerten die Entscheidung. Sie waren seriell und individuell, mobil und auf Dauer angelegt, Produkte einer Fabrik und Versprechen von Heimat. Sie standen für eine Moderne, in der widersprüchliche Elemente koexistierten und nicht mit Zwang in die eine oder andere Richtung aufgelöst wurden. Sie waren nicht utopisch, wollten weder einen neuen Menschen schaffen noch einen neuen Gesellschaftsvertrag. Sie entsprachen einem menschlichen Bedürfnis.

Einige stehen noch heute in Finow, andere in Berlin und Israel. Sie wurden umgebaut, eingezäunt, mit Gärten und Einfahrten versehen und damit im Laufe der Jahrzehnte immer individueller. Nun wird sogar »Sorgenfrei« restauriert. Oder, wenn es denn sein muss: Typ K. Preußen, Kaiserreich, Weimarer Republik, »Drittes Reich« und DDR sind verschwunden. Die Kupferhäuser stehen noch und setzen Patina an.

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