Alle Jahre wieder im Hochsommer wundert sich vielleicht mancher Karlsruher über eine besondere Form des Tourismus: Warum strömen plötzlich Besucher in schwarz-weißer Kleidung zum alten jüdischen Friedhof? Sie scheinen sich wenig für das Schloss oder den Marktplatz zu interessieren und fahren oft noch am selben Tag weiter – in eher ebenso ungewöhnliche Reiseziele wie Worms oder Michelstadt.
Einen Hinweis darauf finden die Karlsruher bereits seit 2022 im Stadtbild: Die Netanel-Weil-Straße im Osten trägt den Namen des berühmten jüdischen Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert, der ganz in der Nähe begraben liegt und dessen Jahrzeit jeden Sommer – genauer gesagt am 11. Tag des hebräischen Monats Tamus – von orthodoxen Besuchern begangen wird. Doch auch im Westen der Stadt werden die Karlsruher künftig auf Netanel Weil stoßen. Denn dort trägt die Synagoge nun den Namen »Korban Netanel« – nach dem berühmten Talmudkommentar des Gelehrten.
»Ein Name steht für Identität, Erinnerung und Auftrag«
Am Donnerstag vergangener Woche wurde das Gebetshaus feierlich benannt. Zuvor war es für viele einfach die Synagoge an der Knielinger Allee, jetzt hat sie einen Namen. Und der, sagt ihr Rabbiner David Vinitz, sei im Judentum weit mehr als eine bloße Bezeichnung: »Ein Name steht für Identität, Erinnerung und Auftrag.« Er sei ein bewusstes Bekenntnis zu den Werten und der Tradition Weils.
Die Umbenennung war einer von drei Anlässen, die an diesem Tag gemeinsam gefeiert wurden. Der wichtigste, findet der Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, Daniel Nemirovsky, sei die Ernennung von Rabbiner Vinitz zum Oberrabbiner der Stadt Karlsruhe. Zur Amtseinführung war eigens Rabbiner Julian-Chaim Soussan als Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) aus Frankfurt angereist und leitete die Zeremonie.
Das Amt hat eine lange Geschichte und bestand im Großherzogtum Baden bereits im 19. Jahrhundert. Mit der Ernennung eines Oberrabbiners im Jahr 2026 knüpft die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe nun an diese historische Tradition an und stärkt die Rolle des Rabbiners als offizieller Repräsentant der Gemeinde.
Wie die Braut ihrem Bräutigam überreichte der Vorstand dem Rabbiner einen Tallit.
Deshalb, so Rabbiner Soussan, sei es ihm wichtig gewesen, diese Amtsübertragung auch symbolisch sichtbar zu machen. Der Vorstand der Gemeinde überreichte Rabbiner Vinitz einen Tallit. Ähnlich wie eine Braut ihrem Bräutigam vor der Hochzeit einen Gebetsmantel schenke, habe er damit ein Zeichen gemeinsamer Verantwortung setzen wollen.
Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup zeigte sich bewegt von der Zeremonie und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu, er freue sich, nun einen weiteren »Ober« in der Stadt zu wissen. Die Ernennung führe zu einer Gleichstellung mit anderen Religionsgemeinschaften, meint Nemirovsky: »Die evangelische und die katholische Kirche haben ihre Dekane – und wir haben nun den Oberrabbiner als offiziellen Ansprechpartner für die Politik.«
Aus dem Stadtrat, aber auch aus den verschiedenen Religionsgemeinschaften waren zahlreiche Menschen gekommen. Rabbiner Vinitz begrüßte in seiner Rede »Brüder und Schwestern, die mit uns an den einen Gott glauben«. Neben Vertretern der Kirchen lauschten auch Repräsentanten muslimischer Gemeinden seinen Worten.
Weit mehr als eine freundliche Geste
Ihre Anwesenheit sei für ihn weit mehr als eine freundliche Geste, sagte der Rabbiner. »Sie ist Ausdruck gegenseitigen Respekts, gewachsenen Vertrauens und der gemeinsamen Verantwortung für Frieden, Menschenwürde und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.« Gerade in einer Zeit, in der Hass, Antisemitismus und gesellschaftliche Spaltung zunähmen, sei der Dialog zwischen den Religionen wichtiger denn je.
Auch Erik Balter, Vorsitzender der Gemeinde, wies in seiner Rede auf den zunehmenden Antisemitismus hin. Lange Zeit hätten viele geglaubt, der Judenhass sei mit dem Ende des Nationalsozialismus überwunden worden. Heute jedoch versteckten sich Antisemiten »hinter Bildschirmen, hinter anonymen Nachrichten, hinter Kampagnen oder hinter scheinbar sachlichen Diskussionen«. Gerade deshalb seien Feste wie dieses wichtig: »Es erinnert uns daran, warum diese Gemeinde gegründet wurde und warum sie heute wichtiger ist denn je.«
1971 ahnte noch niemand, dass hier einmal eine so große Gemeinde entstehen würde.
Damit kam er auf den dritten Anlass des Festes zu sprechen: das 55-jährige Jubiläum der Einweihung des Gemeindehauses in Karlsruhe. »Die 55« feierten ja eher wenige, gibt Geschäftsführer Nemirovsky zu. »Aber wir sagen im Hebräischen: ›Siba leMesiba‹ – es gibt immer einen Vorwand zum Feiern.« Und Rabbiner Soussan hat sogar eine passende Deutung der Zahl parat: »Man sagt, du sollst den Rabbi ehren und lieben. Diese beiden Verben haben auf Hebräisch den Zahlenwert 55 – das verbindet doch wunderbar den Oberrabbiner und das Jubiläum.«
Bereits im Dezember 1945 von Überlebenden neu gegründet
Tatsächlich wurde die Gemeinde Karlsruhe bereits im Dezember 1945 von Überlebenden neu gegründet. Doch viele Jahre lebten die wenigen Juden hier auf gepackten Koffern, so Nemirovsky. Es gab eine kleine Betstube, aber kein eigenes Gebäude. Mit der Einweihung des neuen Gebäudekomplexes aus Synagoge und Gemeindehaus im Jahr 1971 sei deutlich geworden: Juden werden in Karlsruhe bleiben und sich wieder etwas aufbauen.
»Niemand konnte damals ahnen, dass aus diesem Neuanfang einmal die größte jüdische Gemeinde in Baden entstehen würde – mit der stärksten Entwicklung, einem starken Nachwuchs und den meisten jüdischen Mitgliedern in der Region«, sagt Vorstand Balter stolz. Aus anfangs etwa 150 sind heute rund 900 Menschen geworden. Das zeige, was mit Mut, Zusammenhalt und Vertrauen möglich sei.