München

Klassiker des Humors

Spielten Blind Date auf Jiddisch: Dora Harman und Robby Rajber Foto: Joshua D. Heinrich

Eigentlich klang die Ankündigung »Jiddischer Humor, Sketche« ganz schlicht. Doch schon mit dem Austragungsort, dem Saal im zweiten Stock des früheren Gemeindehauses der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in der Reichenbachstraße, war der »Retro-Effekt« präsent. Die Gäste traten gemeinsam eine Zeitreise in die Vergangenheit der Münchner Kehilla an und erlebten, wie jüdische, genauer gesagt, jiddische Kultur von der Nachkriegszeit bis Ende der 70er-Jahre gepflegt wurde.

Angekündigt von Organisatorin Ester Müller-Dayan war ein Abend mit Dora Harman, Robby Rajber und Danny Wolf, denen die jiddische Sprache als Kindern von Schoa-Überlebenden aus Osteuropa quasi in die Wiege gelegt wurde. Dora und Robby sowie der Conferencier Benny Meiteles gehörten zur Gründungscrew, die bereits 2013 im Rahmen eines Purimspiels mit »Abi men lacht« für gute Laune im Jüdischen Gemeindezentrum gesorgt hatten.

Einen wahrhaft »grojsen ojlim«

Nun unterhielten die drei, ergänzt durch Danny Wolf, einen wahrhaft »grojsen ojlim« im bis auf den letzten Platz besetzten Saal bei tropischen Temperaturen mit Klassikern des Humors in jiddischer Sprache. Das war kein Problem für die drei »aktioren« (Darsteller), stammten die Eltern von Robby Rajber, dem Initiator des Abends, doch aus der Nähe von Tschenstochau, Dora Harman hat einen rumänisch-polnischen-weißrussischen Hintergrund, und Danny Wolfs Vater kam aus Bielitz-Biala.

Gleich mit dem ersten Sketch wurde klar, wer in jüdischen Familien das Sagen hat, die »fro« (Frau), genauer gesagt, die »mame«, die ihren Sohn in der Praxis während der Arbeitszeit anruft und ihm zusetzt: Sogar ihr Hausarzt habe ihr bestätigt, dass er in 35 Jahren Tätigkeit noch nie davon gehört habe, »as a sihn is zi bascheftigt unzurifen sein mame«. Natürlich kommt sie im Laufe der Konversation auch auf den Punkt, dass er immer noch nicht verheiratet sei. Dann würde er Kinder haben, die ihm dieselben »zores« (Sorgen) bereiten würden wie ihr Sohn, nämlich nie anzurufen.

Mit »a spezieller schiddach«, dem Vorstellungstermin eines Heiratskandidaten, der nichts hat und nichts kann, ging es weiter. Robby Rajber gab Pinje Kr-Kratzowski, der »hiket« (stottert), sich als »dr’ejer«, bezeichnet, der sich herumdreht, weil er als »chasen« (Vorbeter) nicht ankommt. Die potenzielle Braut ist auch bemerkenswert, sie träumt von einem »chusen« (Bräutigam), der »ojgen wie pflojmen, lippen wi karschen, beckelech wi epelech« hat. Darauf der trockene Kommentar, sie brauche wohl eher einen Obstsalat.

Der nächste Sketch ist ein Zweiteiler, »dus glikliche pur folk«, vier Wochen und vier Jahre nach der Hochzeit. Mit dieser Nummer waren über 50 Jahre zuvor Henry Gerro (1919–1980) und Rosita Londner (1923–2014), auf der Bühne wie im Leben ein Paar, an gleicher Stelle aufgetreten.

Für das Publikum ist Jiddisch die Sehnsuchtssprache der Kindheit geblieben.

Die beiden lernten sich Anfang der 50er-Jahre in Argentinien kennen und tourten mit ihren jiddischen Theaterproduktionen durch Diaspora-Gemeinden in aller Welt. Für Dora Harman war dabei nicht die Textmenge eine Herausforderung, sondern das Umkleiden. Denn sie wirkte in allen vier Stücken mit, musste sich im Eheglück blitzschnell von der verführerischen jungen Hausfrau in einen überarbeiteten Putzteufel verwandeln. Als sie am Ende in Tränen ausbricht, vergisst der Ehemann, verkörpert von Robby Rajber, all seine Vorwürfe und tröstet sie: »soll ich asoj leben, ich hob dich lieb.«

Dialog zwischen Eheleuten mit dem Titel »ich will du nor sitzen!«

Abgerundet wurde das Ganze mit einem Dialog zwischen Eheleuten mit dem Titel »ich will du nor sitzen!«. Statt ihren Mann in Ruhe seinen Feierabend genießen zu lassen, stört die Frau ihn ununterbrochen. Schließlich stellt sie fest: »du tust gur nischt, wus macht dir a fargnigen, ober du sitzt nor du.« Als sie nach seiner Erwiderung »weil dus macht mir a fargnigen« behauptet, er sei aggressiv, wird er wirklich laut: »ich schraj nischt!«

Mit jiddischen Witzen und einem Lied der bis in die 70er-Jahre bekannten Barry Sisters endete der Unterhaltungsabend. Netty Braun sang den Klassiker »jo, majn libe tochter«, in dem eine »mame« ihrer Tochter das Ausgehen erlaubt, um einen »chusen« zu betören.

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Fragt man Moderator Benny Meiteles, dessen Mutter aus Sosnowiec und dessen Vater aus Wolbrom, nördlich von Krakau, stammten, was Jiddisch für ihn bedeute, sagt er spontan: »Alles.« Die jiddische Sprache sei sein Leben, und er beherrsche sie so gut, weil er als Kind nichts anderes gehört hatte. Wenn seine Mutter sprach, meinte sie, es sei Deutsch.

Wahre Identität in der jiddischen Sprache

Ähnlich dürfte es bei Robby Rajber liegen, der seine wahre Identität in der jiddischen Sprache, einer »nie erlebten Vergangenheit«, nämlich der seiner Eltern verortet, die für »ein Gemisch aus Tradition, Familie, Werten, «bruches und kloles» (Segen und Sorgen/Pech), so auch der Titel des Abends, stehe. Mit Dora Harman sprachen beide Großmütter ausschließlich Jiddisch. Wenn sie Jiddisch höre, rufe das «bis heute Gefühle des Heimischen, Familiären und Geborgenen hervor».

Danny Wolf, dessen Mutter aus Wien stammte, hörte zu Hause ein «Mischmasch, weil das Deutsch meines Vaters stark jiddisch eingefärbt war». Diese ganze Variationsbreite zeichnete auch das Jiddisch-Verständnis des Publikums aus, für das Jiddisch die Sehnsuchtssprache ihrer Kindheit geblieben ist.

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