Porträt

Stil auf Rädern

Im Norden Berlins lebt der Pianist Andrej Hermlin. Er ist durch das Swing Dance Orchestra bekannt, das seit Anfang des Jahres von seinem Sohn David geleitet wird, sowie durch die Formation The Swingin’ Hermlins. Seine Tochter Rachel singt ebenso wie David, der darüber hinaus auch Schlagzeug spielt. Bis 2023 war Hermlin Mitglied der Partei »Die Linke«. Er verließ sie wegen antisemitischer Tendenzen: »Das ist nicht mehr meine Partei. Das ist jetzt der Feind.«

Hermlin hat aber noch weitere Facetten: Er ist ein leidenschaftlicher Sammler, der gern fachsimpelt. Neben Bildern von Max Liebermann – einem Freund seiner Vorfahren – im Wohnzimmer, zu dem eine Aktzeichnung der Großmutter Hermlins gehört, findet er Gefallen an Möbeln aus den 30er-Jahren und Anzügen aus derselben Zeit. Er trägt sie jeden Tag.

Ein beinahe besessener Oldtimer-Sammler

Wer noch etwas tiefer gräbt, wird Andrej Hermlin darüber hinaus als beinahe besessenen Oldtimer-Sammler kennenlernen. Neben seinen Fahrrädern aus den 30er- und 50er-Jahren besitzt er mehrere Autos.

Allerdings sticht er aus der überschaubaren Gemeinde der Berliner Oldtimer-Sammler heraus. Und das nicht nur, weil er die anderen »Petrol Heads« (»Benzinköpfe«) mit seinen 1,90 Meter überragt, sondern auch, weil er keine Lust hat, an den Autos herumzuwerkeln. »Ich bin kein Schrauber«, sagt Andrej Hermlin an einem sonnigen Nachmittag in seinem Zuhause. »Ich bin nicht jemand, der sich ein Wrack kauft und es dann 16 Jahre lang restauriert. Dafür habe ich nicht die Zeit. So lange lebe ich ja gar nicht.«

Für Andrej Hermlin, den Autonarren, gibt es vor allem eines, was man mit Oldtimern machen kann: mit ihnen herumfahren. Und genau das ist es, was der 60-jährige will. Er steuert seinen NSU Ro 80 zum Einkaufen oder zur Bandprobe. Mit seinem klassischen Mercedes Coupé kutschiert er auch mal eben 1000 Kilometer weit nach Italien.

»Die fahren problemlos – teilweise sogar besser als die heutigen Autos«

»Die meisten meiner Autos haben Klimaanlagen. Und die laufen dann halt, und es ist schön kühl im Auto. Ich bin mit dem Mercedes 450 SLC mit diesen jalousieartigen Fenstern hinten an den Lago Maggiore gefahren.« Ein Schicksal, vor dem vielen Sammlern von Oldtimern graut, ist Hermlin bisher erspart geblieben: Noch nie ist ihm ein Fahrzeug übergekocht. »Vergangenes Jahr war ich mit meinem W126, einer S-Klasse aus den 80er-Jahren, in den Ferien. Und die fahren ja problemlos – teilweise sogar besser als die heutigen Autos.«

In diversen Garagen warten Hermlins Fahrzeuge geduldig auf ihre Einsätze. Es handelt sich neben dem SLC und dem Ro 80 unter anderem um einen 250SE von 1967 und einen bildhübschen Citroën CX Prestige, wie einen, in dem sich Erich Honecker fahren ließ. Auch ein mehr als ansehnlicher Jaguar XJ gehört zur Sammlung sowie zwei auch als »Gangster-Autos« bekannte Buicks: ein Century von 1938 und ein Special von 1941.

Viele seiner Oldtimer ziehen auf der Straße jede Menge Blicke auf sich, darunter der CX, der so viel Platz bietet, dass man eine Bibliothek darin einrichten könnte, und der Ro 80 mit dem leisen, schnurrenden Klang seines Wankelmotors. »Ja, der fällt auf«, sagt sein stolzer Besitzer Hermlin. »Das Verrückte beim Ro 80 ist allerdings, dass die jüngere Generation überhaupt nichts mit dem Auto anfangen kann. Die findet ihn zwar toll, weiß aber nicht, was das ist. Die Leute gucken jedenfalls oder machen den Daumen hoch.«

In diversen Garagen warten Hermlins Fahrzeuge geduldig auf ihren Einsatz.

Beim Citroën CX von 1978 besticht das Design, das 48 Jahre nach der Produktion noch immer futuristisch anmutet. Besitzer Hermlin: »Wenn ich mir allein das Interieur angucke, würde ich sagen, es sieht aus wie so mancher Versuch bei aktuellen Elektroautos. Die haben auch komische Armaturenbretter gehabt. Nur die Bildschirme fehlen natürlich.«

Besonders stolz ist Andrej Hermlin auf seinen Jaguar XJ

Besonders stolz ist Andrej Hermlin auf seinen Jaguar XJ, der gerade in der Werkstatt stand, weil »etwas Kleines« gemacht werden musste – eine Reparatur, die nach seiner Aussage kaum etwas kostete: »Das war nichts, das war kein Geld. Als ich mit der Neuanschaffung wegfuhr, sagte der Besitzer noch: ›Das ist übrigens ein Exemplar der Insignia-Serie‹, und ich wusste nichts darüber. Ich bin nach Hause gegangen und habe recherchiert. Auf einer Jaguar-Webseite stand, dass der ›Insignia‹ praktisch die Blaue Mauritius ist. Es sind 319 Autos gebaut worden, und jedes ist ein Unikat. Es gibt keinen zweiten Wagen, der genauso aussieht.«

Weder seine Kinder noch seine Frau kommen an Andrej Hermlin heran, wenn es um Oldtimer-Besessenheit geht: »Joyce mag schöne Autos, ist aber nicht so verrückt wie ich«, räumt er ein. Sein ganzes Leben lang hat Hermlin Fahrzeuge bewundert: »Wie die Swingmusik war das von Anfang an da, also schon als ich ein ganz kleines Kind war. Ich erinnere mich noch an eines meiner ersten Worte, die ich auf Deutsch kannte. Wir fuhren durch Budapest, und mein Vater sagte: ›Geradeaus.‹ Das habe ich mir gemerkt. Es hat einen enormen Eindruck auf mich gemacht.« Wegen der russischen Herkunft seiner Mutter war Russisch Hermlins erste Sprache, Deutsch die zweite.

Zwar wuchs er in der DDR auf, wo vorwiegend Trabants, Wartburgs und Ladas fuhren. Seine Familie war jedoch »privilegiert«, wie Hermlin erklärt. Sein Vater war der Schriftsteller Stephan Hermlin (1915–1997), eine zentrale Figur des DDR-Kulturbetriebs. »Ich denke, dass ich in den 70er-Jahren wohl das am weitesten gereiste Kind der DDR war.« So war er mit seiner Familie auch im Tessin unterwegs, wo es weitaus elegantere und spurtstärkere Fahrzeuge zu bewundern gab. Schriftstellerkollegen seines Vaters wie Stefan Heym und Günter Kunert, die die Hermlins besuchten, fuhren auch Autos, die den Jungen beeindruckten.

Der Verzehr von Schokolade oder das Rauchen im Fahrzeug sind für Hermlin »Todsünden«

Hermlin ist etwas eigen, wenn es um seine Oldtimer geht. Der Verzehr von Schokolade oder das Rauchen im Fahrzeug sind für ihn »Todsünden«. Wer den CX auch nur berührt, um einen Moment lang mit dem glänzenden Lack der Riesen-Kutsche verbunden zu sein, wird sogleich ermahnt. Dann stellt Hermlin eine Frage: »Welche sind eigentlich die höchsten Kosten bei einem Auto?« Sind es die Reparaturen? Die Versicherung? Der Treibstoff? »Nein, der Wertverlust.« Bei Oldtimern verhält sich die Sache allerdings eher gegenteilig, wenn man das richtige Exemplar erwirbt und etwas Geduld hat: »Ich fahre zum Beispiel die S-Klasse von 1990. Im Jahr 2009 habe ich das Fahrzeug mit 30.000 Kilometern auf der Uhr erworben. Seither hat sich der Wert mindestens verdoppelt.«

Das Wort Aficionado trifft im Fall Hermlins den Nagel auf den Kopf: »Ich bin Fahrer, ich fahre diese Autos gern. Mir macht das Spaß. Der Benzin- und Ledergeruch freuen mich. Es ist ein Alltagsvergnügen. Da wir alle nur begrenzt Zeit auf dieser Welt haben, sollte man diese nicht verschwenden, indem man zum Beispiel schlechte oder hässliche Autos fährt.«

Reform

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026

Geschichte

Bedrohlich aktuell

Ein Forschungsprojekt von NS-Dokuzentrum und Lenbachhaus untersucht, wie völkische Gedanken vor dem Ersten Weltkrieg wirkten

von Luis Gruhler  05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026

Geschichte

Die Pension in Mumbai

Ellie und Max Lesser aus Dresden waren zwei von vielen sächsischen Juden, die vor den Nazis Sicherheit in Indien suchten. Deren tragische Geschichte recherchierte nun die Journalistin Iris Völlnagel

von Thyra Veyder-Malberg  02.08.2026

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm

von Leon Stork  02.08.2026

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026