Als Schüler hatte ich immer den Wunsch, die Kunstakademie zu besuchen. Trotz einiger Widerstände waren meine Eltern damit einverstanden, und ich konnte nach meinem Schulabschluss an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zehn Semester Freie und Angewandte Grafik studieren. Die Erfüllung dieses Wunsches hat mein ganzes Leben geprägt.
So konnte ich mich dank meines Kunststudiums in meinen späten Jahren als Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Hamburg für Kunst und Kultur engagieren und habe den Kulturausschuss in den 90er-Jahren als Vorsitzender geleitet. In die Gemeinde war ich 1985 eingetreten, und ich fühle mich ihr sehr zugehörig.
Ich komme ursprünglich aus einem nichtjüdischen Elternhaus
Geboren wurde ich am 7. April 1935 in Stuttgart. Ich bin zum Judentum konvertiert, ich komme ursprünglich aus einem nichtjüdischen Elternhaus. Gleichwohl wuchs ich mit dem Judentum schon in meiner Kindheit auf und war mit jüdischem Leben vertraut, nicht zuletzt deshalb, weil mein Onkel mit einer Jüdin verheiratet war, mit Tante Ruth aus Odense in Dänemark. Sie überlebte die Schoa in Stuttgart in einer sogenannten privilegierten Ehe. Ich verbrachte die Zeit des Nationalsozialismus in einem kleinen Dorf, 60 Kilometer von Stuttgart entfernt.
Schon früh galt mein Interesse Israel. Ein Freund erzählte mir, dass man in einem Kibbuz als Freiwilliger arbeiten kann, das war 1960. Also fuhr ich mit dem Schiff von Genua nach Israel. Mehrere Wochen lebte ich im Kibbuz Bachan bei Netanya – damals der einzige Kibbuz, der Deutsche aufnahm. Ich zupfte Unkraut und rupfte Baumwolle. Eine Begegnung von damals ist mir unvergessen und begleitet mich immer noch: Ich hatte während meines Studiums einen deutschen Israeli und seine Ehefrau kennengelernt. Sie kamen aus Jerusalem und sind beide etwas älter als ich. Bis heute sind wir enge Freunde und telefonieren jede Woche.
Zurück in Stuttgart, habe ich als freier Grafiker gearbeitet. Vor allem aber lernte ich die Liebe meines Lebens kennen – Alfred Kaine. Er war ein jüdischer Amerikaner russischer Herkunft. In seinem Elternhaus wurde noch Jiddisch gesprochen, er beherrschte es perfekt. Erst in der Grundschule lernte er Englisch. Bei einem Besuch bei Freunden stand Alfred an einem Fenster, genau im Licht der Sonne. Ich war wie durchflutet von dem Gefühl: Das ist er! Ich bat ihn um seine Telefonnummer. Daraus wurden 62 Jahre Glück.
Das ist er! Ich bat ihn um seine Telefonnummer. Unser gemeinsames Leben begann.
Alfred war Pianist in New York. Er kam 1961 nach Deutschland. John Cranko, der hierzulande gerade seine Karriere als Choreograf gestartet hatte, suchte für seine Kompagnie in Stuttgart einen erfahrenen Pianisten, einen Korrepetitor, der auch die schwierigsten Kompositionen spielen konnte. Unser gemeinsames Leben begann in Stuttgart. 62 Jahre lang waren wir ein Paar. Leider ging Alfred am 27. November 2021. Er ruht auf dem Jüdischen Friedhof hier in Hamburg. Aber uns waren noch vier glückliche Jahre als Ehepaar vergönnt, denn wir heirateten 2017 als erstes schwules Paar im Hamburger Rathaus; es war ein überwältigendes Erlebnis.
Von Hannover über New York nach Hamburg
Aber der Reihe nach: Als wir ein Paar wurden, zogen wir zuerst nach Hannover, wo Alfred als Pianist für eine Ballett-Kompagnie tätig war, für die ich Bühnenbilder und Kostüme entwarf. Dann gingen wir für kurze Zeit nach New York und anschließend nach Hamburg. Hier arbeitete Alfred 25 Jahre für die Deutsche Grammophon und ich als Illustrator und Designer, später auch für andere Schallplattenfirmen, große Werbeagenturen und Verlagshäuser.
Seit 1984 entwerfe ich Textil- und Teppichdesign, zuerst für eine große Villa an der Alster, am Feenteich. Die Besitzer und ihre Freunde waren davon so begeistert, dass ich immer mehr Aufträge erhielt und ein großes Wohn-Magazin eine Reportage über meine Kunst brachte.
In Hamburg gehe ich seit vielen Jahren in die Synagoge Hohe Weide. Wie ich schon anmerkte, bin ich seit meiner Kindheit mit dem Judentum vertraut. Ich entschloss mich zu konvertieren und lernte mehr als vier Jahre sehr intensiv und bestand die Aufnahmeprüfung vor dem Beit Din in Frankfurt am Main.
Die Anfänge waren schwierig, da es keine Literatur für die Konversion zum Judentum gab. Erst Rabbiner Allen Bennett in San Francisco, der homosexuell war wie wir, schickte mir alle nötigen Schriften auf Englisch. Auch Rabbiner Bent Melchior aus Kopenhagen, er war damals Oberrabbiner von Dänemark, unterrichtete mich, und ich war einmal zu Jom Kippur bei ihm zu Gast. Das alles hat mir sehr geholfen. Alfred ist als orthodoxer Jude aufgewachsen. Wir haben den Tag gefeiert, nachdem ich ihn vom Frankfurter Bahnhof anrief und sagte: »Ich bin Jude!« Ich liebe den Gottesdienst, die spirituellen Handlungen, das Beten und Singen in der Gemeinschaft sehr, es gibt mir viel Kraft.
Als wir heirateten, waren wir bereits seit 56 Jahren ein Paar
Als bekannt wurde, dass schwule Paare endlich auch richtig offiziell heiraten konnten, haben wir uns sofort für die erste Trauung im Rahmen der »Ehe für alle« in Hamburg angemeldet – und wurden zugelassen. Alfred war damals 88, ich 82 Jahre alt. Wir waren zu diesem Moment bereits seit 56 Jahren ein Paar. Die Trauung fand am 1. Oktober 2017 statt, und wir schwelgten im Glück! An diesem Tag trat das Gesetz zur »Ehe für alle« in Deutschland in Kraft, und das wurde im Hamburger Rathaus mit einem Staatsakt gefeiert.
Insgesamt 15 schwule und lesbische Paare ließen sich trauen. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) sprach beim Senatsempfang von einem »historischen Tag«. Und das war er auch!
Wir nahmen am Podiumsgespräch teil, und ich habe von einem Nachbarn berichtet, der gegen uns eine Petition verfasst hatte und Unterschriften im ganzen Haus sammeln wollte, in dem viele Familien wohnten. Niemand hat unterschrieben. Alle standen zu uns. Welch eine Freude! Was wir zu der Zeit, als unsere Liebe als schwules Paar – und dazu jüdisch – noch verboten war, manchmal ertragen mussten, dafür haben die jüngeren Paare uns Älteren viel Respekt gezollt.
Normalerweise kann man im Hamburger Rathaus nicht heiraten, aber für diesen historischen Anlass machte der Senat eine Ausnahme.
Normalerweise kann man im Hamburger Rathaus nicht heiraten, aber für diesen historischen Anlass machte der Senat eine Ausnahme. Hochzeitsmusik spielte, als die 15 Paare durch ein Spalier von Familien und Freunden schritten. Beifall und Jubel brandeten auf, Regenbogen-Fähnchen wurden geschwenkt, es gab eine Regenbogen-Hochzeitstorte, und viele Augen wurden feucht vor Rührung.
Im April hatte ich eine eigene Ausstellung unter dem Titel »Architektur im Raum der Kunst«. Architektur ist mein Thema. In meinen Bildern gebe ich den Gebäuden unregelmäßige Linien ohne rechte Winkel. Ich arbeite mit Acryl und grundiere meine Vorzeichnungen mit einem sandähnlichen Material, sodass sie einen eigenen Charakter entwickeln. Die Ideen kommen mir beim Reisen, wenn ich Gebäude fotografiere und sie dann malerisch umsetze. Inspiration bekomme ich auch durch Ansichtskarten und Bücher.
Für jüdische Einrichtungen künstlerisch gearbeitet
Auch habe ich für weitere jüdische Einrichtungen künstlerisch gearbeitet und etwa für die WIZO Plakate und Einladungskarten für deren wunderbare Basare gestaltet. Seit es in Hamburg eine Reformsynagoge gibt, besuche ich dort so oft wie möglich den Gottesdienst im Betty-Heine-Saal, dem Bethaus im ehemaligen Israelitischen Krankenhaus auf St. Pauli, das unser berühmter Mäzen Salomon Heine gestiftet hat, der Onkel des Dichters Heinrich Heine.
2009 habe ich unsere historische Bornplatzsynagoge gemalt und sie so umgesetzt, wie sie 1938 als größte norddeutsche Synagoge mitten in Hamburgs Grindelviertel, dem jüdischen Viertel, strahlte, bevor die Nationalsozialisten sie in der Pogromnacht schändeten und zerstörten. Ich meine, auf dem Bild leuchtet die Synagoge, aber die Betrachter können das drohende Unheil, die Schoa, erahnen, denn ich habe düster scheinende Farben gewählt und den Hintergrund dunkel angelegt. Ich habe das Bild jüngst in der Ausstellung zum Hamburger Architektursommer mit 20 weiteren Werken in der IMBA-Galerie gezeigt.
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann bin ich vor allem dankbar – für die Liebe, die Kunst und den Glauben, die mich getragen und reich gemacht haben.
Aufgezeichnet von Heike Linde-Lembke