Gespräch

Albrecht-Weinberg-Gefährtin: Erinnerung an Holocaust darf nicht enden

Albrecht Weinberg sel. A. und seine Pflegerin Gerda Dänekas in ihrer Wohnung in Ostfriesland Foto: picture alliance/dpa

Am 10. September startet der Dokumentarfilm »Albrecht Weinberg - Es ist immer in meinem Kopf« offiziell in deutschen Kinos. Schon vorher präsentieren ihn die Berliner Filmemacherin und Integrationsbeauftragte Güner Yasemin Balci und ihr Partner Jesco Denzel in vielen deutschen Städten. Auch Gerda Dänekas (76) reist mit ihnen, um den Kampf eines der letzten Zeitzeugen des Holocaust gegen das Vergessen weiterzuführen. Im Gespräch erzählt die Altenpflegerin aus Leer, wie die Begegnung mit dem KZ-Überlebenden ihr Leben und auch seines grundlegend verändert hat.

Frau Dänekas, Sie haben Albrecht Weinberg begleitet, seit dieser 2012 aus den USA in seine ostfriesische Heimat zurückgekehrt ist. Er war als Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen Belsen in jungen Jahren ausgewandert. Was bewegt Sie, wenn Sie jetzt den Film über ihn vorstellen?
Gerda Dänekas: Ich mache das, weil es mir ein Bedürfnis ist. Albrecht hat so viele Jahre und mit so viel Enthusiasmus gegen das Vergessen gekämpft, geredet, geredet und geredet. Albrecht ist zwar nicht mehr da, aber ich kann nicht sagen »es muss mal gut sein«. Ich kann keinen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, so wie manche es sich wünschen. Man muss die Erinnerung an das Unrecht der NS-Zeit immer wieder wachrütteln. Es verschwindet ja nicht, nur weil die Überlebenden immer weniger werden.

Was künftig fehlen wird, ist die direkte Begegnung mit den Zeitzeugen. Albrecht konnte sehr gut mit jungen Menschen umgehen und mit eigentlich allen anderen auch. Sie glauben nicht, was ich noch heute an Briefen bekomme und an Anrufen von Menschen, die er beeindruckt hat. Hier in Leer wird Albrecht nie weg sein. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Er hat so viel hinterlassen, das weitergeführt werden muss. Es gibt ein Albrecht-Weinberg-Gymnasium in seinem Geburtsort Rhauderfehn, einen Albrecht-Weinberg-Hain und auch eine würdige Gedenkstätte an die zerstörte Synagoge in Leer, für die er sich so eingesetzt hat, wird es geben. Das ist meine nächste große Aufgabe.

Sie wurden als Altenpflegerin gebeten, sich um Albrecht Weinberg und seine Schwester Friedel zu kümmern, die in Leer in ein Pflegeheim gezogen waren. Wie sehr hat die Begegnung Ihr Leben verändert?
Mein ganzes Leben hat sich total verändert. Das habe ich so nicht kommen sehen. Nachdem seine Schwester gestorben ist, war er ganz allein, da habe ich mich intensiver um ihn gekümmert und schließlich sind wir gemeinsam in eine Wohnung gezogen. Das war auch beschwerlich. Manchmal habe ich verflucht, dass ich abends zum x-ten Mal den Rollstuhl nach oben tragen musste - kein Honiglecken. Aber ich möchte die Zeit nicht missen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die ich in meinem normalen Leben nie kennengelernt hätte. Wer hat schon den Bundespräsidenten zum Teetrinken auf seinem Sofa zu Gast? Gemeinsam haben wir Reisen gemacht, nach Israel oder in die USA. Ich vermisse Albrecht sehr, das muss ich sagen.

Sie haben Herrn Weinberg ermutigt, 2013 einer Historikerin der Gedenkstätte Bergen-Belsen seine Lebensgeschichte zu erzählen. Seitdem war er unermüdlich als Zeitzeuge unterwegs und Sie mit ihm. Was an seiner Geschichte hat Sie besonders bewegt?
Er bestand immer darauf, dass ich an seiner Seite war, auch weil er nicht gut sehen konnte. Heute kann ich seine Geschichte erzählen, als ob ich sie selbst erlebt hätte, was ja Gott sei Dank nicht der Fall ist. Er ist 101 geworden und bis zum Schluss redete er immer nur von Mama und Papa. Er hat nie gesagt, meine Eltern, so wie es andere Erwachsene tun. Sie wurden in Auschwitz ermordet. Er hatte kein Grab, keinen Friedhof, auf den er gehen konnte. So hat es sich verfestigt, dass er wie ein kleines Kind immer von Mama und Papa sprach, auch kurz vor seinem Tod mit dem Rabbiner.

Es gab fast keinen Tag, an dem wir nicht über den Holocaust geredet haben. Was mich immer sehr berührt hat: Er hat bis zum Schluss nicht verstanden, warum ihm das passiert ist. »Warum?«, hat er gefragt. »Wir sind keine Verbrecher, wir haben nichts gemacht. Wir hatten nur einen anderen Glauben.« Und auch den hatte er sich nicht ausgesucht, er ist dort hineingeboren. Das hat er bis zum letzten Atemzug nicht verwunden, die Frage, warum? Und was soll man darauf antworten?

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Wie tragen der Film und das Buch, das Albrecht Weinberg gemeinsam mit dem Journalisten Nicolas Büchse geschrieben hat, zur Erinnerung bei?
Der Film soll später auch für Schulen verfügbar sein. Geplant sind englische Untertitel, damit er weltweit vertrieben werden kann. Albrecht erzählt darin aus seinem Leben und es sind immer wieder Szenen aus unserem Alltag zu sehen, wie wir frühstücken oder uns kabbeln. So gibt es Unterbrechungen und man kann sich von den ganz schlimmen Szenen aus Auschwitz erholen. Mit dem Buch überlegen wir auch, wieder auf Lesereise zu gehen. Gerade bin ich dabei, Albrechts Grabstein zu gestalten. Im Judentum wird die Grabplatte ein Jahr nach dem Tod auf das Grab gelegt. Er ist auf dem jüdischen Friedhof in Leer beerdigt, dort erinnern auch Grabplatten an seinen Bruder, der schon 1946 starb, und an seine Schwester. Schon jetzt ist sein Grab übersät von Kieselsteinen, wie sie die Juden traditionell zum Gedenken ablegen.

Auf dem Grabstein soll sein berühmter Spruch stehen: »Macht nicht die gleichen Fehler! Macht den Mund auf!« Das ist uns sehr wichtig. Er hat immer wieder davor gewarnt, Entwicklungen einfach so hinzunehmen, so wie es damals in der NS-Zeit war. Und das ist leider wieder sehr aktuell. epd

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