Mit seinem Podcast »ungeskriptet« erreicht Ben Berndt Millionen Menschen. Bundesweit bekannt wurde der Unternehmer und Podcaster aber erst durch sein vierstündiges Gespräch mit dem thüringischen AfD-Chef Björn Höcke, das eine Debatte über den Umgang mit Rechtsextremisten in den Medien auslöste. Im Interview verteidigt Berndt sein Gespräch mit Höcke, fordert »einen Quoten-AfDler in jeder Redaktion« und erklärt, warum er auch künftig mit umstrittenen Gästen sprechen will.
Herr Berndt, Sie sind schon länger erfolgreich mit Ihrem YouTube-Format und Podcast »ungeskriptet«, aber erst seit Ihrem Gespräch mit dem thüringischen AfD-Chef Björn Höcke im April sind Sie ein Medienstar. Wann haben Sie gemerkt: Jetzt reden die Leute nicht mehr nur über den Podcast, sondern über Sie?
Als nach Höcke die ganzen Headlines rauskamen. Der »Spiegel« kam nicht mit »4,5 Stunden Höcke - was hat er gesagt?«, sondern mit: »Was über den Podcaster bekannt ist«. Auch Satireformate haben nicht Höcke nachgeäfft, sondern mich. Da dachte ich: Okay, die Medien haben sich nie für mich interessiert, obwohl ich eine Millionen-Reichweite hatte und größer war als manches TV-Format. Und jetzt kommen sie und sagen: Guck mal, der Ben ist doof! Interessant, zur Kenntnis genommen.
Sie nennen sich Gastgeber. Passt das überhaupt noch bei einem Millionenpublikum?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin vor etwas mehr als vier Jahren gestartet. Damals habe ich Freunde gefragt: Wollt ihr in den Podcast kommen? Irgendwann kamen Leute zu mir, die ich gar nicht kannte. Da dämmerte mir: Die haben ja etwas davon. Heute haben wir mehr als eine Million Abonnenten auf YouTube und Hunderttausende auf Spotify und Apple. Ich war immer einfach nur der Gastgeber. Ob das heute noch so ist? Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich würde mich aber selbst für die Antwort interessieren.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wen Sie einladen?
Mich interessiert jemand intuitiv. Ich sehe ein Reel oder lese einen Artikel und denke: Mit dem würde ich gern mal sprechen. Früher waren das Kampfsportler, dann Unternehmer, jetzt finde ich Politik spannend. Wir haben mal versucht, das zu systematisieren. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Immer, wenn ich einfach Leute eingeladen habe, auf die ich Lust hatte, wurden die Gespräche gut.
Wer bekommt keine Einladung? Die frühere SPD-Chefin Saskia Esken hat nach dem Höcke-Gespräch zum Werbeboykott Ihres Formats aufgerufen...
Es gibt niemanden, bei dem ich grundsätzlich sagen würde: Den lade ich nicht ein, weil er zu böse ist. Es gibt keine Blacklist. Saskia Esken haben wir direkt eingeladen. Sie hat abgesagt.
Gibt es Wunschgäste?
Das wechselt ständig. Im Moment würde ich gern mit Elon Musk sprechen, mit dem US-Podcaster Joe Rogan, mit Benjamin Netanjahu oder auch mit Wladimir Putin. Ich arbeite daran, dass das irgendwann passiert. Mir machen Gespräche am meisten Spaß, wenn beide Seiten wirklich Lust darauf haben. Wenn ein Gast sich freut, dass er bei mir ist, und ich mich freue, dass er kommt, dann ist das wie Kindergeburtstag. Niemand muss da sein.
Sie standen kürzlich gemeinsam mit Frei.Wild auf der Bühne. Wie kam der Auftritt zustande? Das ist eine Band, die in den Medien oft als rechts und umstritten bezeichnet wird.
Ich habe den Sänger Philipp Burger durch einen Solo-Song entdeckt, den mir der Algorithmus vorgeschlagen hat. Dann habe ich ihn eingeladen und seine Geschichte gehört. Er war mit 16 in Südtirol ein Jahr lang Skinhead. Das war alles. Ich habe ihn anders erlebt, als das öffentliche Bild von ihm ist. Irgendwann fragte er mich, ob ich bei einem Konzert mit auf die Bühne komme. Für mich war das eine Once-in-a-lifetime-Erfahrung. Also habe ich Gesangsunterricht genommen und mich vorbereitet. Danach hieß es sofort: »Die sind doch rechts.« Ich finde diesen Umgang mit der Band unfair. Ich habe Philipp kennengelernt und mir selbst ein Bild gemacht.
Höcke, Frei.Wild - Sie waren auch zu Gast bei der als rechtskonservativ geltenden Schweizer Wochenzeitung »Weltwoche«, können Sie nachvollziehen, dass manche darin ein Muster sehen?
Das kann man mir natürlich andichten. Aber ich mache mir solche Gedanken nicht. Ich möchte nicht anfangen zu überlegen: Wie wirkt das jetzt auf meine Marke? Dann würde ich irgendwann nur noch Entscheidungen aus Angst treffen. Wenn ich anfange, nur noch danach zu handeln, was andere über mich schreiben könnten, verliere ich genau das, was den Podcast ausmacht.
Sie sagen, Ihr Podcast sei zwar »ungeskriptet«, aber nicht unvorbereitet.
Am Anfang habe ich mich gerade auf prominente Gäste stundenlang vorbereitet. Das führte aber dazu, dass ich Fragen gestellt habe, die eigentlich keinen mehr interessiert haben, weil ich schon viel zu tief im Leben der Person war. Heute bekomme ich ein etwa zehnseitiges Briefing, das mithilfe von KI erstellt wird. Das reicht mir völlig. Ich will nicht alles über jemanden wissen. Ich möchte ein Gespräch führen, wie wenn man sich auf einen Kaffee trifft.
Es gibt den Podcast »Alles gesagt?« der »Zeit«, in dem Menschen ebenfalls stundenlang sprechen. Warum braucht es dann noch »ungeskriptet«?
Ein Gespräch zwischen Menschen ist immer anders. Joe Rogan macht etwas anderes in Amerika als Tucker Carlson. Melanie Amann macht etwas Ähnliches wie ich, aber völlig anders, weil sie ein anderer Mensch ist. Das lebt nicht vom Format, sondern vom Gastgeber. Als ich angefangen habe, haben alle gesagt: Es gibt doch schon zehntausende Podcasts. Was ist dein Konzept? Ich habe gesagt: Ich möchte mich einfach mit Leuten unterhalten, die ich spannend finde. Alle fanden das bescheuert. Ich habe es trotzdem ausprobiert.
Sie betonen immer wieder, dass Sie kein Journalist sind. Was unterscheidet Ihre Arbeit vom Journalismus?
Journalist ist kein geschützter Begriff. Viele haben eine journalistische Ausbildung gemacht und Standards gelernt. Ich habe keine Ahnung, was journalistische Standards sind. Wenn Journalisten sagen, das sei wichtig: Macht das! Ich unterhalte mich einfach mit Menschen, so wie wir das seit Jahrtausenden tun.
Wie informieren Sie sich?
Ich habe kein festes Medienprotokoll. Ich lese nicht morgens Zeitung A, dann Newsletter B und schaue Nachrichtensendung C. Ich schaue mir an, was mir der Algorithmus zeigt. Gleichzeitig versuche ich bewusst, keinen tagesaktuellen Podcast zu machen. Ich will eher das Buch machen als die Zeitung.
Sie haben früher Unternehmen aufgebaut, darunter ein erfolgreiches Start-up für Babytragen. Wie viel Unternehmer steckt heute noch in »Ben Berndt - ungeskriptet«?
Unternehmer bin ich auf jeden Fall. Ich habe mit 14 angefangen, mit Computerteilen zu handeln, später kleine Unternehmen aufgebaut. Ich sehe viele Dinge als Rätsel: Wie wächst etwas? An welchen Stellschrauben kann man drehen? Dieses Denken hilft mir heute auch beim Podcast. Aber ich versuche aufzupassen, dass das Unternehmerische nicht die Neugier ersetzt. Sobald ich Dinge nur noch mache, weil sie wirtschaftlich sinnvoll sind, werden die Gespräche schlechter.
Sie haben nach dem Podcast mit Björn Höcke gesagt, dass das eigentlich ein ganz normales Gespräch war. Aber für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung war es ein Gespräch mit einem als rechtsradikal eingestuften AfD-Politiker. Warum war das für so viele kein normales Gespräch?
Ich glaube gar nicht, dass das für einen großen Teil der Bevölkerung so war. In den Medien ja. Aber Höcke ist medial zum absoluten Antichristen gemacht worden. Ich kenne niemanden, der so negativ dargestellt wird - egal, was er tut. Die Reaktion vieler Zuschauer war eher: Es ist gut, dass wir diesen Menschen einmal drei oder vier Stunden sehen konnten. Nicht: Er ist ein Engel. Sondern: Jetzt können wir uns selbst ein Bild machen.
Warum reagieren viele Journalisten aus Ihrer Sicht anders?
Ich glaube, ein Journalist sollte auf der Suche nach Wahrheit sein und bereit sein, eigene Vorprägungen über Bord zu werfen, wenn neues Wissen dazukommt. Stellen wir uns vor, jemand führt ein Höcke-Interview und kommt hinterher zu dem Schluss: Ich habe mich geirrt. Ich glaube, der hat in vielem recht. Hätte dieser Journalist am nächsten Tag noch einen Job? Ich würde sagen: wahrscheinlich nicht. Und genau da beginnt ein Problem. Ich glaube, viele Journalisten halten sich für neutraler als sie tatsächlich sind.
Was müsste sich ändern?
Wir haben in den vergangenen Jahren viel über Diversität gesprochen - über Geschlecht, Herkunft oder Religion. Aber Meinungsdiversität wäre auch spannend. Ein Quoten-AfDler in jeder Redaktion würde dem Journalismus guttun. Das ist aktuell die erfolgreichste Partei in Deutschland und gleichzeitig die unbeliebteste in vielen Redaktionen. Wenn dort Menschen säßen, die diese Perspektive wirklich verstehen, würde das helfen. Im Zweifel müssten wir Journalisten, die AfD-Sympathisanten sind, sogar Jobgarantien geben. Nicht weil ich ihre Meinung teile, sondern weil Journalismus verstehen muss, warum so viele Menschen diese Partei wählen.
Welche Frage wird Ihnen fast nie gestellt, obwohl Sie eigentlich mal gestellt werden sollte?
Warum ich das eigentlich mache. Oft wird unterstellt, es gehe ums Geld. Geld finde ich super, ich bin Unternehmer. Aber es war nie der Ausgangspunkt. Mein Unternehmen lief gut. Wirtschaftlich wäre es viel vernünftiger gewesen, dort weiterzumachen. Stattdessen habe ich vier Tage in der Woche freigemacht und angefangen, einen Podcast aufzubauen - ohne Zielgruppe und ohne großes Konzept. Ein Satz des britischen Comedians Jimmy Carr gefällt mir sehr: Reich ist, wer auch mit mehr Geld nichts an seinem Leben ändern würde. Das trifft auf mich zu. Ich würde genau das weitermachen.
Ben Berndt, geboren 1984, ist Unternehmer und Podcaster aus Köln. Er ist unter anderem Gründer eines Babytragen-Unternehmens. Seit 2022 betreibt er den Podcast »ungeskriptet«, der mit mehrstündigen Gesprächen ein Millionenpublikum erreicht. Bundesweit rückte Berndt durch sein Interview mit dem thüringischen AfD-Chef Björn Höcke im Frühjahr 2026 in den Fokus.