Jerusalem

Netanjahu widerspricht Vance: Israel hat »sehr viele Freunde«

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Sonntag in Jerusalem Foto: copyright (c) Flash90 2026

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat der Darstellung von US-Vizepräsident JD Vance widersprochen, wonach US-Präsident Donald Trump der einzige internationale Verbündete Israels sei. Zwar bezeichnete Netanjahu Trump als den »größten Freund, den wir je im Weißen Haus hatten«, betonte jedoch zugleich, Israel verfüge weltweit über zahlreiche weitere Partner.

In einem Interview mit »Fox News« hob Netanjahu die enge Zusammenarbeit mit Washington hervor, obwohl es zuletzt Meinungsverschiedenheiten über das von den USA mit dem Iran geschlossene Memorandum of Understanding gegeben hatte. Israel war an der Vereinbarung nicht beteiligt, musste seine militärischen Operationen gegen die Islamische Republik im Rahmen des Abkommens jedoch einstellen. Die israelische Regierung hatte bereits Kritik an einzelnen Bestandteilen der Vereinbarung geäußert und angekündigt, Gespräche darüber in Washington zu führen.

Dennoch unterstrich Netanjahu, dass ihn und Trump beim Umgang mit dem iranischen Atomprogramm dasselbe Ziel verbinde. »Wir wollen, dass Iran sein Atomwaffenprogramm aufgibt. Wir wollen, dass das angereicherte Nuklearmaterial außer Landes gebracht wird. Wir wollen, dass die Anlagen zur Urananreicherung abgebaut werden. Wir haben weitere gemeinsame Ziele«, sagte der Regierungschef.

Differenzen mit Washington

Trump hoffe, durch den militärischen Druck der Vereinigten Staaten und Israels sowie durch Verhandlungen diese Ziele zu erreichen, erklärte Netanjahu. »Wir respektieren das und ich hoffe, dass es ihm gelingt.« Zugleich stellte er klar: »Mit oder ohne Abkommen: Solange ich Ministerpräsident bin, wird Iran keine Atomwaffen besitzen.«

Auf die Frage nach Spannungen zwischen ihm und Trump reagierte Netanjahu gelassen. In den vergangenen Wochen hatte der US-Präsident den israelischen Regierungschef mehrfach öffentlich scharf kritisiert. Netanjahu betonte jedoch, beide Staatschefs könnten offen miteinander sprechen. »Wenn ich etwas anmerken möchte, tue ich das frei. Und wenn er mir etwas sagen möchte, macht er das ebenfalls frei. So gehen Freunde und Verbündete miteinander um«, erklärte er.

Nach seinen Worten stimmen Israel und die USA »99 Prozent der Zeit« überein. Unterschiede gebe es zwar gelegentlich, diese würden jedoch offen besprochen und meist gelöst. »Amerika hat keinen größeren Verbündeten als Israel, und Israel hat keinen größeren Verbündeten als die Vereinigten Staaten.«

Indien und andere Staaten

Besonders deutlich widersprach Netanjahu Äußerungen von JD Vance. Der US-Vizepräsident hatte erklärt, Trump sei derzeit der einzige Staatschef weltweit, der an der Seite Israels stehe.

Lesen Sie auch

Netanjahu hielt dagegen und verwies unter anderem auf Indien. Das Land mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern unterstütze Israel in erheblichem Umfang. Darüber hinaus gebe es zahlreiche weitere Staaten, deren Regierungen an einer Zusammenarbeit mit Israel interessiert seien.

Viele Staats- und Regierungschefs würden ihn trotz israelkritischer Stimmungen in ihren Ländern kontaktieren, sagte Netanjahu. »Sie sagen mir: ›Ich habe ein Problem mit der öffentlichen Meinung, aber ich möchte, dass Sie wissen, dass wir Sie respektieren. Können wir Geschäfte machen? Können Sie uns zeigen, was Ihr Militär macht? Können wir von Ihrer KI- und Cyberkompetenz profitieren?‹«

Aussagen zu Libanon

Israel sei insbesondere im Cyberbereich weltweit führend. Deshalb seien die internationalen Beziehungen des Landes deutlich besser, als es der öffentliche Eindruck vermuten lasse. »Wir haben sehr, sehr viele Freunde.«

Im Interview äußerte sich Netanjahu auch zur Lage im Libanon. Er behauptete, christliche Ortschaften hätten Israel um Schutz gebeten und wollten sogar an den jüdischen Staat angeschlossen werden. Welche Orte er meinte oder ob entsprechende Wünsche öffentlich oder vertraulich geäußert wurden, sagte er nicht.

Darüber hinaus erklärte der Ministerpräsident ohne nähere Belege, auch Drusen sowie sunnitische und schiitische Muslime wollten den Libanon von der Hisbollah befreien. Er hoffe deshalb auf weitere Friedensvereinbarungen in der Region.

Sorge über schwindende Unterstützung

Mit Blick auf die Vereinigten Staaten räumte Netanjahu ein, dass ihn die sinkende Unterstützung für Israel insbesondere unter jüngeren Republikanern beschäftige. Er machte dafür vor allem gezielte Einflusskampagnen in sozialen Netzwerken verantwortlich.

Plattformen würden »missbraucht«, sagte er. Drei Staaten betrieben Bot-Netzwerke, um antiamerikanische und antiisraelische Inhalte zu verbreiten, die sich gezielt an junge Menschen richteten. Welche Länder er meinte, sagte Netanjahu in dem Interview nicht. In der Vergangenheit hatte er unter anderem Katar und China entsprechende Vorwürfe gemacht.

Trotz dieser Entwicklung zeigte sich der Regierungschef überzeugt, dass das Bündnis zwischen Israel und den USA Bestand haben werde. Es beruhe nicht nur auf gemeinsamen Interessen, sondern auch auf gemeinsamen Werten. »Solange das so bleibt, wird unser Bündnis bestehen.« im

Israel

Führung und Verantwortung

Benjamin Netanjahus ehemaliger Militärsekretär erhebt Vorwürfe gegen den Premier

von Sabine Brandes  18.10.2026

Nahost

Bericht: Siedler attackieren EU-Diplomaten im Westjordanland

Maskierte Männer umstellen ein Diplomatenfahrzeug bei der Olivenernte im Westjordanland. Auch eine US-Fotografin wird verletzt

 18.10.2026

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Westjordanland/Gaza

Umfrage: Große Mehrheit lehnt Hamas-Entwaffnung vor einem israelischen Rückzug ab

Die Hintergründe

von Sabine Brandes  15.10.2026

Bericht

Netanjahu soll Trump zu Iran-Angriff vor der Wahl gedrängt haben

Der israelische Premier hat angeblich den US-Präsidenten gebeten, den Krieg vor den Wahlen wieder aufzunehmen. In Washington sieht man dabei auch innenpolitisches Kalkül

von Sabine Brandes  15.10.2026

Israel

Vor Schicksalswahl: Eisenkot verspricht Ende der Hamas-Herrschaft in 18 Monaten

Ex-Generalstabschef Eisenkot wirft Benjamin Netanjahu vor, die Kriegsziele im Gazastreifen verfehlt zu haben. Sollte er Regierungschef werden, kündigt er einen klaren Zeitplan an

 15.10.2026

Untersuchung

ADL: Manipulierte Wikipedia-Einträge über Israel immer noch nicht korrigiert

Die Anti-Defamation League wirft den Betreibern der Online-Enzyklopädie vor, zu wenig gegen die Manipulation von Einträgen zu unternehmen, die sich mit Themen wie dem Nahostkonflikt und dem 7. Oktober befassen

 15.10.2026

Wirtschaft

Käsekrise

Was nach einem Lieferengpass im Supermarkt aussieht, steht für ein großes Problem. Weil ausländische Techniker Israel meiden, stehen immer häufiger Maschinen still

von Sabine Brandes  15.10.2026