Studie

Wird Israel unbezahlbar?

Lebensmittel in Israel sind heute rund ein Viertel teurer als in vielen reichen europäischen Staaten. Foto: Flash 90

Der Einkaufskorb ist nicht einmal halb gefüllt, doch an der Kasse steigt die Summe auf dem Display immer weiter. Ein paar Grundnahrungsmittel, etwas Obst und Gemüse, Milchprodukte – und plötzlich stehen Hunderte Schekel auf dem Bon. Viele Israelis kennen dieses Gefühl: den kurzen Blick auf den Kassenbetrag und den Verzicht auf das eine oder andere Produkt.

Von den Mieten ganz zu schweigen: Für Wohnungen in den Ballungsräumen werden Summen verlangt, die längst viele Gehälter überholt haben. Trotz Vollzeitjob reicht das Einkommen oft nicht bis zum Monatsende. Israel galt schon immer als teures Land. Doch längst ist aus dem Klischee messbare Realität geworden.

Eine neue Studie des »Aaron Institute for Economic Policy« zeigt, dass die Lebenshaltungskosten in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv angestiegen sind und heute selbst andere wohlhabende OECD-Länder (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) deutlich übertreffen.

Während Immobilien 2005 noch 31 Prozent günstiger zu haben waren als in wohlhabenden Vergleichsländern, liegt das Preisniveau heute 26 Prozent darüber.

Für einen durchschnittlichen sogenannten Warenkorb – die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die statistisch den Verbrauch eines privaten Haushalts ausmachen – zahlen israelische Haushalte rund 21 Prozent mehr als Bewohner anderer reicher europäischer Staaten. Nimmt man weniger reiche Länder wie Spanien, Zypern oder Griechenland als Vergleichsgröße, sind es satte 68 Prozent. Laut der Studie senkt das den Lebensstandard in Israel um etwa 14 Prozent und könnte Menschen langfristig sogar dazu motivieren, auszuwandern.

Mehr als die Hälfte der Lebenshaltungskosten

Als Haupttreiber für diese Entwicklung identifizieren die Forscher vor allem die Bereiche Wohnen und Lebensmittel. Beide zusammen machen für die Israelis mehr als die Hälfte der Lebenshaltungskosten aus. Besonders drastisch sieht es auf dem Wohnungsmarkt aus: Während Immobilien 2005 noch 31 Prozent günstiger zu haben waren als in wohlhabenden Vergleichsländern, liegt das Preisniveau heute 26 Prozent darüber. Bezogen auf die ärmeren Länder sind es sogar 85 Prozent. Auch Lebensmittel haben sich stark verteuert. Sie kosten heute gut ein Viertel mehr als in reichen europäischen Staaten.

Sarit Menahem-Carmi ist Leiterin der Studie und macht deutlich, dass diese Entwicklung kein »unvermeidliches Schicksal« ist. Israel sei zwar geografisch isoliert, doch selbst im Vergleich mit anderen OECD-Inselstaaten wie Australien, Japan oder Großbritannien ist das Land deutlich teurer. Die Ursachen lägen vor allem in politischen Entscheidungen sowie in den Marktstrukturen begründet, erklärte die Studienleiterin.

Besonders deutlich wird das am Beispiel bestimmter Lebensmittel: Die Preise für Milchprodukte sind in den vergangenen 20 Jahren um 47 Prozent, für frisches Obst und Gemüse sogar um 86 Prozent gestiegen – und das, obwohl frische Produkte in Israel von der Mehrwertsteuer befreit sind.

Hohe Preise, Zölle und strenge Regulierungen für Importprodukte

Ein zentraler Grund dafür ist die Art der staatlichen Unterstützung für die Landwirtschaft. Während in Europa Subventionen direkt an die Landwirte gezahlt werden, erfolgt die Unterstützung in Israel indirekt über hohe Preise, Zölle und strenge Regulierungen für Importprodukte, was auf eine Abschottung des Marktes hinausläuft. Reformversuche blieben bislang weitgehend wirkungslos. Viele Maßnahmen, etwa zur Öffnung des Agrarmarktes, wurden politisch blockiert oder wieder zurückgenommen.

So auch die Initiative von Finanzminister Bezalel Smotrich, die eine Aufhebung von Einfuhrzöllen auf Milchprodukte vorsah. Günstigere Importe würden zu niedrigeren Preisen führen, hoffte der Minister. Das wiederum brachte die Landwirte auf die Barrikaden, die um ihre eigenen Einnahmen fürchteten. Die Regierung knickte ein, und alles blieb wie zuvor.

»Die Regulierung in Israel ist so streng, dass sie teilweise sogar festlegt, welches Obst oder Gemüse überhaupt aus welchem Land importiert werden darf«, erläutert Menahem-Carmi. Bananen etwa dürften überhaupt nicht eingeführt werden. Auch im Milchsektor gebe es massive Eingriffe: Produktionsquoten, staatliche Preisvorgaben für Rohmilch und Importbeschränkungen träfen auf eine stetig wachsende Nachfrage. So kommt es auch immer wieder zu Engpässen bei der Versorgung.

Mit steigendem Wohlstand nimmt auch der Konsum zu

Denn die Bevölkerung Israels wächst stark – und mit steigendem Wohlstand nimmt auch der Konsum zu. Gleichzeitig sind die Kapazitäten begrenzt: Bereits heute würden 95 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen bewirtschaftet, weiß die Studienleiterin. Während die heimische Produktion von frischen Lebensmitteln in den vergangenen 20 Jahren nur um zehn Prozent zunahm, wuchs die Bevölkerung im selben Zeitraum um 52 Prozent. »Für diese Lücke zahlen die Israelis an der Supermarktkasse«, sagt Menahem-Carmi.

Die Produktion von Lebensmitteln hält nicht Schritt mit dem Bevölkerungswachstum.

Nach Ansicht der Forscher endet das Problem aber nicht bei Landwirtschaft und Importzöllen. Ein weiterer Faktor seien die überbordende Bürokratie und weitere strukturelle Besonderheiten, die die Preise zusätzlich nach oben treiben. Nach Berechnungen der Studie erklären Mehrwertsteuer und Kaschrut-Vorgaben zwar rund 35 Prozent der Preisunterschiede; der größere Anteil gehe jedoch auf Handelshemmnisse, eine starke Marktkonzentration und ineffiziente Vertriebsstrukturen zurück.

Die Forscher empfehlen einen grundlegenden Kurswechsel: direkte Subventionen für Landwirte, den Abbau von Importzöllen und regulatorischen Hürden sowie mehr Wettbewerb durch erleichterten Marktzugang für ausländische Anbieter. Auch die Aufhebung von Monopolen, etwa bei Kaschrut-Zertifizierungen, und eine effizientere Organisation der Lieferketten könnten die Preise senken.

Entscheidend sei jedoch, erläutert Menahem-Carmi, dass Reformen nicht isoliert umgesetzt werden. »Nur ein umfassender Ansatz kann die strukturellen Ursachen für die hohen Lebenshaltungskosten beseitigen und verhindern, dass Israel weiterhin eines der teuersten Länder der Welt bleibt.«

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