Wahlkampf

Der Anti-Bibi

»Der perfekte Kandidat für alle Wähler, die Netanjahu als Ministerpräsidenten satthaben«: Gadi Eizenkot Foto: Flash 90

Am 1. Juli kündigt ein untersetzter Mann mit kurzen weißen Haaren an, der nächste Ministerpräsident Israels werden zu wollen. Er ist von kraftvoller Statur, hat ein grobes Gesicht und verträumte Augen, die immerzu den Tränen nah zu sein scheinen, optisch irgendetwas zwischen Türsteher, dessen rechten Haken man trotz seines fortgeschrittenen Alters noch fürchten muss, und Teddybär, den man gern knuddeln würde.

Gadi Eizenkot steht an diesem Tag auf einer Bühne in Hod Hascharon im Zentrum des Landes, um die Wahlkampagne seiner vor einem Jahr gegründeten Partei »Jaschar« – Hebräisch für »geradeaus« oder »ehrlich« – offiziell beginnen zu lassen. Die Stimme des 66-Jährigen ist rau und etwas brüchig. Sie bleibt unemotional, geradezu monoton, während er davon spricht, dass Israel vor der wichtigsten Wahl seiner Geschichte stehe, dass es um nichts Geringeres als die Seele des Landes gehe. Er, Eizenkot, wolle dem jüdischen Staat »tiefgreifende und dringende Veränderung« und eine »wahrhaftige, würdige und ehrliche Führung« bringen.

Eizenkots Jaschar knapp vor Netanjahus Likud

Vor wenigen Monaten hätten wohl nur wenige diese Worte aus dem Mund des ehemaligen Generalstabschefs der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) wirklich ernst genommen. Ein Mann ohne rhetorisches Talent, mit unförmigen Anzügen und schlechtem Englisch soll Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ablösen, einen brillanten Redner in zwei Sprachen und schillernden Charismatiker?

Doch nun führt Eizenkot mit seiner Partei erstmals in den Umfragen zur Knesset-Wahl, die am 27. Oktober stattfinden soll. Sowohl »Zman Israel«, der hebräische Ableger der »Times of Israel«, als auch der Fernsehsender Channel 13 sehen Jaschar knapp vor Netanjahus Likud und deutlich vor den anderen Herausforderern Naftali Bennett und Yair Lapid des Bündnisses Bejachad sowie Yair Golan mit den linken Demokraten.

Politische Beobachter sind sich zunehmend einig: Die Wahl in drei Monaten wird die zwischen Netanjahu auf der einen und Eizenkot auf der anderen Seite sein – und zwar wegen und nicht trotz dessen vermeintlicher Schwächen.

»Der perfekte Kandidat für die, die Netanjahu satthaben«

»Gadi verkörpert alles, was Netanjahu nicht ist«, sagte die Politikwissenschaftlerin Gayil Talshir von der Hebrew University in Jerusalem Anfang Juli der »Times of Israel«. Eizenkot stehe für Authentizität und Aufrichtigkeit. Die Israelis sähen »in ihm eine verantwortungsbewusste Persönlichkeit, die sich für die Sicherheit des Landes einsetzen wird«, so Talshir. »Er ist weder schillernd noch extrovertiert oder rhetorisch begabt und besitzt nicht Netanjahus politische Schläue.« Kurz: Eizenkot ist der perfekte Kandidat für alle Wähler, die Netanjahu als Ministerpräsidenten satthaben.

Auch Eizenkots Biografie könnte sich kaum stärker von der des Langzeitpremiers unterscheiden: Während Netanjahu Nachfahre europäischer Juden ist und in die israelische Elite hineingeboren wurde, ist Eizenkot eines von neun Kindern einer Familie mit marokkanischen Wurzeln. Er wuchs in Tiberias und Eilat jenseits der großen Zentren des Landes auf und absolvierte nach seinem Wehrdienst in der legendären Golani-Brigade eine beeindruckende militärische Laufbahn.

Ende 2023 wurde sein Sohn Gal bei Kämpfen in Gaza getötet, auch zwei Neffen fielen im Krieg.

Nach und nach arbeitete er sich die Karriereleiter hinauf, bis er 2015 Generalstabschef wurde. Es war Netanjahu, der Eizenkot in das höchste Amt in der IDF berufen hatte. 2019 endete Eizenkots Amtszeit als Armeechef. 2022 wechselte er in die Politik und zog als Abgeordneter des oppositionellen Parteienbündnisses Nationale Einheit in die Knesset ein. Vergangenes Jahr gründete er schließlich seine eigene Partei, Jaschar.

Als Militär wurde Eizenkot unter anderem für seine Urheberschaft der »Dahiya-Doktrin« bekannt, die nach dem von der libanesischen Terrormiliz Hisbollah kontrollierten Stadtteil in Beirut benannt ist und asymmetrische Kriegsführung vorsieht, also den Einsatz von massiver Gewalt auch gegen zivile Infrastruktur, wenn von dort Angriffe auf Israel ausgehen. Gleichzeitig machte er sich für die Einhaltung strenger ethischer und rechtlicher Grundsätze in der Armee stark. Als 2016 der Soldat Elor Azaria einen bereits entwaffneten, am Boden liegenden palästinensischen Terroristen erschoss, stellte sich Eizenkot hinter die Entscheidung des Gerichts, Azaria wegen Totschlags zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen.

Sicherheit, Aufbau, Aufklärung

Der Fall spaltete das Land, und Ministerpräsident Netanjahu schlug sich auf die Seite der Unterstützer Azarias. Es ist wahrscheinlich, dass er jetzt, zehn Jahre später, versuchen wird, seinem Konkurrenten mit ebendieser Geschichte im Wahlkampf zu schaden. Netanjahus Verteidigungslinie zeichnet sich bereits ab: Eizenkot sei zu schwach und zögerlich angesichts der Feinde des jüdischen Staates. In dieses Narrativ passt aus Netanjahus Sicht auch, dass Eizenkot das nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 gebildete überparteiliche Kriegskabinett ein Jahr später wieder verließ, nachdem er kritisiert hatte, dass Israel seine Ziele im Kampf gegen die Hamas im Gazastreifen mit dem bisherigen Vorgehen nicht erreichen werde.

Ob der Vorwurf, Eizenkot sei nicht entschlossen genug, bei den Wählern verfangen wird, ist jedoch fraglich. Im Dezember 2023 wurde sein Sohn Gal bei Kämpfen in Gaza getötet, auch zwei seiner Neffen fielen im Krieg. In einer Gesellschaft, in der Opferbereitschaft ein hoher Wert ist, macht ihn das für viele zum Helden.

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Eizenkot selbst erwähnt seinen gefallenen Sohn im Wahlkampf selten. Auch nicht in seiner Rede Anfang Juli in Hod Hascharon. Stattdessen skizzierte er dort seinen Plan für Israel: Krieg dürfe nicht um seiner selbst willen geführt werden, sondern nur, um die Sicherheit des Landes zu verbessern. Die zerstörten Landesteile im Norden und Süden müssten wiederaufgebaut und eine Kommission eingesetzt werden, die die Versäumnisse der Regierung am 7. Oktober 2023 untersucht. Zudem brauche Israel ein starkes, unabhängiges Justizsystem und müsse »ein jüdischer und demokratischer Staat« sein, was den aktuellen Rückbau der Justiz, der Medien und implizit auch eine Annexion des Westjordanlandes ausschließt.

Eizenkot nennt Netanjahu nicht mit Namen, doch die Zuhörer im Saal wissen: All das sind Spitzen gegen den amtierenden Ministerpräsidenten und seine in Teilen rechtsextreme Regierung. Frenetisch beklatschen sie ihren Kandidaten, dem sie zutrauen, die Ära Netanjahu zu beenden. Eizenkot ist für sie der Anti-Bibi.

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