USA

Aus dem »Deep Shtetl« zur »New York Times«

Yair Rosenberg (36) will präzise sein. Foto: picture alliance/AP Photo

Nachdem er in den vergangenen 15 Jahren in beachtlicher Fülle und Tiefe über alle denkbaren Seiten des jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten berichtete, hat die »New York Times« (NYT) nun einen neuen Job für ihn geschaffen: Yair Rosenberg ist künftig Redakteur für jüdische Themen im Inlandsressort des Traditionsblattes.

»Yair wird seine grenzenlose Energie und tiefe Expertise in den neuen Religions-Themenbereich des Inlandsressorts einbringen«, freut sich Ressortleiter Nestor Ramos in der Pressemitteilung seines Hauses. Das neue Spezialgebiet werde sich auf das jüdisch-amerikanische Leben konzentrieren und »eine Phase außergewöhnlicher Anspannung, aber auch Möglichkeiten und Neuerfindung« dokumentieren.

Der letzte Halbsatz ist hierbei der einzige Hinweis auf jüngste Vorwürfe, dass die Berichterstattung der New York Times über den Nahen Osten eine anti-israelische Ausrichtung habe, was einen Höhepunkt fand, als sie einen Kommentar des Autors Nicholas Kristof druckte, der der israelischen Armee unbelegte und gegen Israel hetzende Foltervorwürfe machte. Aber auch die Berichterstattung über die ultraorthodoxe Gemeinschaft in New York polarisierte bereits mehrfach Leserschaft und Beobachter.

Nuancen erfassen

Offensichtlich soll Rosenberg es nun richten. »Es gibt keinen Reporter, der schärfere Einsichten darüber bietet, was amerikanische Juden antreibt, niemanden, der die Nuancen ihrer Erfahrungen, worüber sie streiten, was sie feiern, ihrer Geschichte besser erfasst«, lässt sich die NYT-Newsletter-Chefin und ehemalige »Forward«-Chefredakteurin Jodi Rudoren zitieren.

Zuletzt war Rosenberg Autor des »Deep Shtetl«-Newsletters bei der Zeitschrift »The Atlantic«, in dem der 36-Jährige von harter Politik bis Popkultur alles sezierte, Postkarten aus Jerusalem schickte und auch über Fake News, jüdische Feiertage oder Wahlen in Israel sinnierte. Zuvor war er leitender Redakteur beim »Tablet Magazine«, wo er sowohl über religiöse als auch säkulare Themen schrieb. Sein großes Thema jedoch wurde und blieb die Wiedererstarkung des Antisemitismus in Europa und den USA, worüber er zu gleichen Teilen mit rigider Recherche wie mit Humor berichtet. Unter anderem soll er die sarkastische Zuschreibung der »Goebbels Gap« erfunden haben, die die Zeitspanne bezeichnet, die es zwischen einem negativen Ereignis in der Welt braucht, bis jemand einen Weg findet, es den Juden anzulasten.

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Rosenberg ist in Riverdale, im Bundesstaat Georgia, aufgewachsen, hat in Harvard Jüdische Studien und Geschichte studiert und tat seine ersten journalistischen Schritte damals bei der Universitäts-Zeitung »The Harvard Crimson« als Filmredakteur. Nach dem Summa-cum-laude-Abschluss ging Rosenberg nach New York und berichtete als freier Journalist über nationale Wahlen in den USA und Israel, unter anderem für die »Washington Post«, den »Guardian« und auch die New York Times.

Tragisches Ranking

Aus dem Jahr 2016, dem ersten Präsidentschaftswahlkampf Donald Trumps, stammt ein tragisches Ranking, das Rosenberg als den online meistbeschimpften und -bedrohten jüdischen Journalisten benannte – nach Ben Shapiro. Er sei »glücklich, aber enttäuscht«, scherzte er damals. »Meine Eltern haben mich nicht dazu erzogen, Nummer zwei zu sein«; und veröffentlichte in der New York Times ein genauso schlaues wie witziges Meinungsstück mit dem Titel »Geständnisse eines digitalen Nazi-Jägers«.

2017 nahm ihn die New Yorker Zeitung »Jewish Week« in die Liste der »36 Under 36«, der einflussreichsten jungen Juden, auf. In seinem Porträt von damals steht zu lesen, dass er sich entschieden habe, Journalist zu werden, um »über Dinge zu berichten, über die nicht so gut geschrieben wird, wie es sein sollte. Anstatt mich zu beschweren, habe ich beschlossen, selbst über Religion zu berichten«. Seinem Verständnis nach bestehe die Rolle eines Journalisten darin, Menschen einander präzise und einfühlsam ihre Unterschiedlichkeit zu erklären.

Da hat er in seinem neuen Job einiges zu tun.

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